Finanzkrise : Der Glanz der Anarchisten

Barren und Unzen sind knapp, weil Erspartes vor der Finanzkrise gerettet werden soll. Die schon immer Edelmetall bevorzugten, ahnen jetzt: Wir hatten recht. Geld ist für sie ohnehin nur Papier. Und Gold die frivole Lehre aus der Geschichte.

Deike Diening
Gold
Matratze statt Sparbuch. Auf der Luxusmesse in Schanghai wurde ein mit 22-Karat-Gold durchwirktes Bett für 24.000 Dollar...Foto: AFP

Und bringen Sie Bargeld mit!

– Dann legte sie auf.

Alle haben die Absicht, Gold zu kaufen, in Berlin-Mitte in der Torstraße, früh morgens beim Edelmetallhändler Pro Aurum, spezialisiert auf physische Edelmetalle. Nur gegen Bargeld, und bis 15 000 Euro anonym. Keine Option, kein Zertifikat, keine Minenaktie, keinen Rohstoffindexfonds, keine Versprechen also, sondern echtes Gold auf die Hand. Eine gläserne Schleuse, in der man warten muss, wenn alle Plätze besetzt sind. Und aller Blicke saugen sich währenddessen an einem geradezu Dagobert’schen Schautresor fest, der in einer Ecke aufgebaut ist, und aus dem die Goldmünzen und -barren drängen.

Und dann folgt ein dreiminütiges Gespräch, in dem ein Goldstück den Besitzer wechselt, und in dem wie selbstverständlich die Begriffe „Weltkrieg“ und „vergraben“ fallen: der Weltkrieg, den der Mitarbeiter von Pro Aurum auch jetzt nicht erwartet, und das Vergraben, dass das Material Gold aushalte. Der Zeigefinger des Mitarbeiters fährt einmal auf seiner Weltkarten-Schreibunterlage von Amerika nach Asien: die kommende Machtverschiebung. Gold, rät er ernst und hält den Blick, Gold oder Land. Das übersteht alles. Die Telefone klingeln, Menschen allen Alters warten in der Schleuse. Cash and carry. Hit and run. Hide and seek.

In der vergangenen Woche musste Pro Aurum sein Versandhaus wegen Erfolgs schließen, weil es ihnen auch mit Doppelschichten nicht gelang, mit dem Verpacken und Verschicken hinterherzukommen, weil wegen der Fülle der Anfragen ihre Internetseite zusammenbrach, aber vor allem, weil ihre Lieferanten mit dem Gießen und Prägen nicht mehr hinterherkamen. Die beliebten Kilobarren haben nun eine Lieferzeit von vier Wochen. Gold, jedenfalls in seiner verhackstückten Form für Privatanleger, ist quasi ausverkauft. Und das, während der Goldpreis sich langsam wieder seiner Höchstmarke vom März von über 1000 Dollar entgegenrobbt.

Krise ist, wenn die spannendsten Entscheidungen nachts und an den Wochenenden gefällt werden. Wenn fahle Politiker morgens von nächtlichen Erkenntnissen in die Mikrofone sprechen, aber dabei aussehen, als hätten sie in Wahrheit nur Albträume gehabt.

Man kann sich dann durch eine verschwiegene Welt der Goldexperten telefonieren, und überraschenderweise findet man hier ruhige Stimmen, die umso ruhiger werden, je hektischer da draußen die Welt reagiert. Anders als die Hysterischen der Stunde, die nun ihren Barren für den Hausgebrauch wollen, haben die Goldexperten sich schon Jahre mit der Sache beschäftigt. Es sind Edelmetallhändler oder Münzsammler, sie betreiben eine Internet-Seite für Goldfreunde oder organisieren eine Messe für Edelmetalle. Sie heben das Telefon ab mit einer Stimme, die keinerlei Panik transportiert. Weil es sie nämlich nicht im Geringsten überrascht, was jetzt passiert. Weil sie es seit Jahren schon gewusst haben. Weil sie recht behalten haben. Menschen, die Geld gerne als „Papierschnipsel“ bezeichnen, sagen: „Noch vor drei Wochen hat man uns belächelt, aber jetzt hat sich alles bewahrheitet.“ Was aber ist alles?

In einem Büro in Thüringen hängt die Urkunde eines Großvaters an der Wand, der 1941 bei der „Colonia“ eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte. Nichts von dem eingezahlten Geld haben er oder seine Nachkommen je wiedergesehen. Hätte er damals einen Goldklumpen gekauft, wäre wenigstens der noch da, sagt sein Enkel. Das Zertifikat hängt dort als stetige Mahnung, sobald irgendjemand wieder einmal irgendetwas für sicher erklärt. Es ist eine wirklich schöne Urkunde. Papier halt. Der Enkel lacht ein entspanntes Lachen.

Es gehört einem Mann, der zu dem Zeitpunkt, als der Goldpreis 2001 auf gut 250 Euro verkommen war, begann, einige Dinge zu verstehen. Sie betrafen das Zusammenspiel von Geldmenge und Inflation, von Währungssystemen, Aktienblasen und Staatsverschuldung.

Wenn man es zu Ende denkt, erklärt er, dann könne nämlich auf Jahre betrachtet die ausufernde, nur unzureichend mit Werten hinterlegte Staatsverschuldung auf Dauer nur zu einer Geldvernichtung führen. Da müsse in regelmäßigen Abständen eine Entwertung vorgenommen werden, da müssten immer mal wieder ein paar Nullen hinten weggestrichen werden. Inflation sei damit logisch kein zu verhinderndes Unglück, sondern die Entschuldungsmethode des Staates. Zwangsläufig. Im System angelegt.

„Wenn Sie an Gold glauben, sind Sie automatisch ein Gegner des Staates“, sagt er. Das ist der frivole Grundgedanke. Das ist der Grund, weshalb die ruhigen Stimmen auch gerne nur namenlose Stimmen bleiben wollen. Denn Gold hat ja nur bezogen auf das eigene Vermögen etwas Konservatives, Bewahrendes. Die Wahrheit ist: Bezogen auf den Staat und die Wirtschaftsordnung ist die Investition in Gold im Kern anarchisch. Gold ist eine Wette gegen die geltende Währung, gegen die Wirtschaftsordnung, gegen die Praxis der Staatsverschuldung. In Gold zu investieren ist Systemkritik.

Und vielleicht ist das der Grund für den unüberwindlichen Graben, der zwischen den Goldfans und den Aktienanlegern klafft. Für das Unverständnis und auch die offene Wut. Wer Gold hat, heißt es, der „hortet“ ja bloß. Charaktere, die nicht loslassen können. Man nahm diesen Charakteren übel, dass sie sich nicht am System beteiligten, die Absprache nicht einhalten wollten. Dass sie sich weigern, mitzuspielen. Dass sie das Vertrauen, das ja bislang alles am Leben hielt, noch nie zu geben bereit waren.

Aktienbesitzer reagierten, als hätte sie jemand persönlich beleidigt. Sie selbst jedenfalls waren laut Branchensprache „am Markt engagiert“, die derart Engagierten nannten sich gerne die Leistungsträger dieser Gesellschaft, obwohl sie ja nur auf die Leistung der anderen eine Wette abschlossen. Sie sahen voraus, wohin sich der Schwarm als Nächstes bewegen würde, und waren unter den Ersten im Neuen Markt, in den amerikanischen Immobilienfonds, in den Rohstoffen, und nach dem Platzen der Blase als Erste wieder draußen. Die Kritiker sagten „Herdentrieb“, sie selbst nannten es „Schwarmintelligenz“.

Was den Börsenfans wie Trotz und Verstocktheit vorkommt, ist ja in Wahrheit das unabhängige Denken, sagt die ruhige Stimme in Thüringen. Das unabhängige Denken sei ohnehin sehr in Vergessenheit geraten. In der DDR wussten die Leute immer, dass im „Neuen Deutschland“ nur die Todesanzeigen stimmten. Dieselben Leute glauben heute alles, was in der „Bild“-Zeitung steht. Komisch, oder?

Als er selbst begriffen hatte, wie man an der Börse ein kleines Vermögen machen kann – indem man nämlich ein großes einsetzt – suchte er nach einer anderen Anlage. Jemand wies ihn darauf hin, dass die Menschheit bislang lediglich einen Würfel von vielleicht zwanzig mal zwanzig Meter Kantenlänge reinen Goldes aus der Erde ans Licht befördert habe. Es leuchtete ein, dass dieser nicht so einfach vermehrt werden könne wie Papiergeld. Zwar schwankt sein Wert, aber niemals ist er gleich Null.

Und weil sich niemand von seiner eigenen Biografie lossagen kann, fragte sich der Mann, der in seinem Leben schon die Ost-Mark erlebt hat, die D-Mark und den Euro, und bei jedem Wechsel bebte und bröckelte sein Vermögen, warum sollte er eigentlich keine vierte Währung mehr sehen?

Kein Papiergeld habe je länger als 200 Jahre gehalten, und die Deutschen seien ja von der Geschichte noch gebeutelter, die Entwertung von Vermögen ist geradezu eine nationale Angewohnheit geworden. Er ahnt, dass der kleine Goldrausch der vergangenen Woche auch mit der spezifischen Verwundbarkeit der Deutschen zu tun hat, schließlich haben die Filialen der Edelmetallhändler in Österreich und Zürich keine derartigen Lieferengpässe zu vermelden.

Gold ist damit keine Anlageklasse wie jede andere, in die man am besten antizyklisch investiert. Gold ist die Lehre aus der Geschichte.

Dumm, sagen die Gegner. Dumme Lehre. Gold liegt tot rum. Gold wird gar nicht immer knapper, kein anderes Metall wird so oft wieder eingeschmolzen und wiederverwertet. 2600 Tonnen Förderung im Jahr, und Gold wird kaum verbraucht. Und das Schlimmste: Gold bringt keine Zinsen.

„Aber das ist ja gerade gut, denn wofür erhält man Zinsen?“

„Für das Risiko des Verleihs.“

Richtig. Keine Zinsen, kein Risiko. So einfach ist das. Die fehlenden Zinsen sind das Indiz für das nicht vorhandene Risiko. Oder umgekehrt die Versicherungsprämie dafür, dass das Gold nachher noch da ist. Goldsammler schätzen sogar, dass es keine Zinsen gibt. Weil ihr Vermögen damit nämlich nirgends notiert ist.

Keine Kapitalertragssteuer, keine Zinsabschlagssteuer, ohnehin keine Mehrwertsteuer auf Münzen und Barren, und wenn man den Besitz nicht angibt, dann spart man sich auch die Erbschaftsteuer. Ein Wert, der den Gesetzen für Vermögen entzogen wurde. Gold ist ein glänzender Anarchist.

Sie mögen, dass man ein Goldstück in der Hosentasche mit ans andere Ende der Welt nehmen kann und dort bei jeder Bank das gerade gültige Papiergeld ausgezahlt bekommt. Es unterläuft die Währungen, es entzieht sich der Wertschöpfungskette. Und im Gegensatz zu Silber ist Gold – das Kilo geht gerade zu mehr als 20 000 Euro über die Tresen– derart wertvoll, dass man erst bei obszönem Reichtum ein Lagerproblem bekommt.

Mit Genugtuung hat der ruhige Mann aus Thüringen registriert, dass der Preis für die Feinunze Gold seit dem Tiefpunkt von knapp über 250 Dollar auf mehr als das Dreifache gestiegen ist. Er schwankte dabei stark. Im Mai 2006: über 680 Dollar. Im November 2006: wieder 580 Dollar. Im März 2008: die Schallmauer von 1000 Dollar. Vergangenen Freitag: über 930 Dollar. Nicht, dass man mit Gold nicht auch spekulieren könnte.

Doch im unwahrscheinlichen Fall eines Druckabfalls im Geldsystem, wenn alles Pumpen nicht mehr hilft, dann ist Gold noch da. Es ist eine Sicherheit, das ist seine Kernaufgabe. Daran müsse man sich erinnern. Sicherheit lässt man sich etwas kosten. Man bezahlt sie mit dem Preis der Wertschwankung, die, zugegeben, enorm ist. „Aber bei welcher anderen Versicherung,“ sagt er, „sind Sie am Ende noch im Besitz der Prämie?“

Es zu besitzen sei schon allein deshalb vernünftig, weil sein Preis in der Regel steigt, wenn andere Anlagen sinken. Dann warnt er noch vor Übertreibungen. Man solle nicht alles in Gold investieren. Denn nur bei großen politischen Verwerfungen, bei staatlichen Zusammenbrüchen, Geldentwertungen, Hyperinflation und Kriegen käme der Vorteil des Goldes in vollem Umfang zum Tragen.

Aber war nicht die zuverlässigste Schwarzmarktwährung nach dem Zweiten Weltkrieg die Zigarette? Verderbliche Ware, quasi das Gegenteil von Gold, in schwachen Momenten der Besitzer löste sie sich innerhalb weniger Minuten in Rauch auf.

Mag sein, sagt der Goldfan, aber wenn alles überstanden ist, wenn eine neue Währung etabliert ist, dann kann man Gold wieder hervorholen und in das aktuelle Papiergeld eintauschen. Gold ist weniger ein Zahlungsmittel als eine uralte Konservierungsmethode. Wie Pökeln.

Sie wissen auch, dass dieses Nachdenken über Kriege und Zusammenbrüche Verschwörungstheoretiker anzieht, ihr Untergangsraunen geistert durch die Internet-Blogs von www.hartgeld-forum.com und www.goldseiten.de. Dort findet man, dass der Goldpreis angesichts der Verwerfungen an der Börse eigentlich noch viel höher liegen müsste. Man schließt Manipulation nicht aus. Und weiß denn einer wirklich, ob die Regierungen das Gold, das sie zu besitzen vorgeben, überhaupt noch haben? Wer hat es je gesehen? Im Prinzip warten sie auf den Fall der Fälle. Im Konkreten sind sie sich aber nicht sicher, ob der womöglich schon eingetreten ist.

Am 7. und 8. November findet in München die nächste Edelmetallmesse statt, wohin Minen ihre Repräsentanten schicken, aber auch Metall- und Münzhändler. Wilhelm Hankel wird sprechen, der 1997 erfolglos gegen die Einführung des Euro geklagt hatte. Eine 100 Kilo schwere Maple-Leaf-Goldmünze, von der nur sechs Exemplare existieren, wird ausgestellt, inklusive Sicherheitspersonal. Es wird schon deshalb ein großer Andrang erwartet, weil es auch die so plötzlich knapp gewordenen Münzen zu kaufen gibt.

Nicht, dass sie jetzt triumphieren würden, sagt die Stimme aus dem Büro mit dem Menetekel an der Wand. Die Apokalypse sei ja generell kein schönes Szenario. Die Vorstellung, dass alles zusammenbricht. Dass alle ihr Vermögen im Keller haben – Deutschland, plündern lohnt sich wieder! Aber der Gedanke, dass man immerhin den anderen etwas voraus habe, der wärme schon ein bisschen. Dass man im Fall der Fälle zu den zehn Prozent gehöre, die immerhin einen kleinen Teil ihres Vermögens werden bewahren können.

Ist also dies eine Stunde der Freude?

Ach. Jetzt, wo alle die Händler stürmen und zu Preisen nahe des nominalen Allzeithochs einen kleinen Barren für den Hausgebrauch wollen, da habe sich doch der Hochmut, mit dem die Mehrheit bislang auf die Goldkäufer geguckt habe, schlagartig in Neid verwandelt. Er weiß wirklich nicht, was er von beidem lieber hat.

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