Finanzkrise : Die Eineinhalb-Millionen-Frage

Ein Investmentbanker verliert seinen Job. Er trägt Mitschuld an der Krise, bekommt trotzdem einen üppigen Bonus, dazu will er noch eine Abfindung. Ist Jens-Peter Neumann die Gier in Person? Nun prozessiert er gegen die Commerzbank.

Hans G. Nagl Marc Neller[Frankfurt am Main]
City London
Tatort London. Die City London ist bekannt für ihren Finanzdistrikt. -Foto: dpa

Neumann ist noch einmal zurückgekommen. Sein Gang ist der eines Siegers, noch immer. Ein kleiner, kräftiger Mann, braun im Gesicht und müde. Bevor er ein Haus in der Innenstadt betritt, blickt er sich um. Es ist ein goldener Herbsttag in Frankfurt, doch die Stadt glänzt nicht mehr, nicht für ihn. Wenn sein Prozess beginnt, wird Neumann wieder dort sein, wo die Tage lang sind und die Steuersätze niedrig. Er lebt jetzt auf Zypern.

Er müsste überrascht sein, dass zwei Journalisten auf ihn warten, doch er lässt sich nichts anmerken. „Guten Tag“, sagt er freundlich, ein fester Händedruck, ein fester Blick in die Augen. Er hätte einiges zu sagen. Er unterlässt es. Seine Anwälte haben ihm wohl dazu geraten, es steht viel auf dem Spiel. Für Neumann. Für seinen früheren Arbeitgeber. Für Deutschland. Es geht um Millionen. Und um Moral. Neumanns Fall wird am heutigen Donnerstag vor dem Frankfurter Arbeitsgericht verhandelt, seine Anwälte treffen auf die der zweitgrößten deutschen Bank.

Jens-Peter Neumann, 50, ist einer von denen, die die Krise ausgelöst haben. Er war ein hoher Manager der Dresdner Kleinwort, der Investmentsparte der Dresdner Bank. Er war einer von denen, die nicht rechtzeitig sahen oder sehen wollten, was spätestens mit der Pleite der US-Bank Lehman Brothers für alle Welt sichtbar wurde: dass die Geldanlagen mit den fantastischen Renditen, die er und seine Kollegen kreierten, finanzielle Sprengsätze waren.

Neumanns Sparte hat im vergangenen Jahr 5,7 Milliarden Euro Verlust gemacht. Seine Bank wurde von der Commerzbank geschluckt, er selbst musste gehen. Trotzdem bekam er drei Millionen Euro Bonus, zusätzlich handelte er eine Abfindung aus: 1,5 Millionen. Die hat die Bank nicht gezahlt. Deshalb hat er geklagt. So wurde er zum Gesicht der Gier. Die vielen Schlagzeilen, die seinen Namen plötzlich bekannt machten, lassen sich auf eine schlichte Formel bringen: Neumann gegen Deutschland.

Wie die Dinge stehen, wird Neumann den Prozess gewinnen. Verlieren wird die Commerzbank, zu der die Dresdner Bank inzwischen gehört; verlieren wird vielleicht auch der deutsche Steuerzahler, denn die Commerzbank gehört jetzt zu einem Viertel dem Staat. Für Jens-Peter Neumann kann die Geschichte heute enden. Für die Commerzbank ist sie erst der Anfang. Zig ehemalige Vorstände, Händler und Banker haben in London und Frankfurt ähnliche Klagen eingereicht. „Einige warten nur darauf, dass Neumann gewinnt“, sagt ein ehemaliger Vorstand der Dresdner Bank. Für einige Männer in den Chefetagen der Commerzbank könnte der Fall Neumann noch sehr unangenehm werden. Männer, die die Moral auf ihrer Seite wähnen und die Gier nur auf der anderen.

Der Fall Neumann beginnt am 23. Mai 2008 mit einem vertraulichen Brief der Londoner Börsenaufsicht Financial Services Authority (FSA). Der Adressat ist Stefan Jentzsch, Vorstandschef der Dresdner Kleinwort und Neumanns Vorgesetzter, eine Kopie geht an Herbert Walter, den Boss der Dresdner Bank. Die FSA-Aufseher befürchten, dass wichtige Manager und Mitarbeiter die Bank verlassen könnten. „Wir sind besorgt, dass dies die Dresdner Kleinwort mit einer unsicheren Zukunft zurücklässt“, schreiben sie. Dies müsse die Bank unbedingt verhindern.

Unsichere Zukunft, unbedingt verhindern – für eine auf Diskretion bedachte Branche ist das sehr deutlich. Gemeint ist, dass eine angeschlagene Bank, deren Eigentümer nicht weiß, was er noch mit ihr soll, bald führungslos dastehen könnte. Wenige Wochen zuvor hat Dresdner-Bank-Chef Herbert Walter angekündigt, die Dresdner Kleinwort abzuspalten. Die Mitarbeiter in London verstehen das Signal: Ihre Abwicklung hat begonnen. Schon seit einiger Zeit will der Mutterkonzern Allianz die gesamte Dresdner Bank verkaufen, nun soll das Institut offenbar für einen Interessenten hübsch gemacht werden, den nur das Privatkundengeschäft interessiert. Die Investmentsparte Dresdner Kleinwort sollte die Bank eigentlich einmal in die erste Liga der Branche führen. Alte Träume. Zeit für die Mitarbeiter, sich nach einem neuen Job umzusehen.

Die Führung der Dresdner Bank ist nervös, sie beruft Krisensitzungen ein: Was tun, um wichtige Leute zu halten? Im Mai 2008, als der Brief der FSA kommt, „waren die Headhunter längst dran an den guten Leuten“, sagt einer, der damals in der Londoner Niederlassung arbeitete. Dresdner-Kleinwort-Chef Stefan Jentzsch und Allianz-Boss Michael Diekmann vereinbaren, dass die Allianz am Jahresende 400 Millionen Euro an 75 unentbehrliche Mitarbeiter ausschüttet – allein dafür, dass sie bleiben und retten, was zu retten ist. Neumann ist einer von ihnen. Drei Millionen soll er bekommen.

Ein paar Monate später werden diese 400 Bonus-Millionen zum Problem, das nun ein schmaler Mann mit Harry-Potter-Brille lösen muss. Martin Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, fährt am 12. November 2008 in der Londoner Gresham Street vor. Im Dresdner-Kleinwort-Gebäude erwarten ihn Hunderte von Bankern. Die Welt hat sich in den vergangenen Wochen sehr verändert: Eine Krise tobt, Banken werden verstaatlicht, auch solche mit bestem Ruf. Aus der Dresdner Bank ist nach zähen Verhandlungen ein Teil der Commerzbank geworden, Blessing musste sich dafür Geld vom Staat besorgen. In London spricht Blessing von großen Wachstumschancen – und sagt dann jenen Satz, auf den es noch ankommen wird: Die Commerzbank werde sich in die Bonusvereinbarungen nicht einmischen.

Für Neumann heißt das: Alles wie vereinbart. Wie die anderen Dresdner-Kleinwort-Banker weiß er längst, dass Blessing ihn bald nicht mehr brauchen wird. Am 22. Dezember unterschreibt er jenen Aufhebungsvertrag mit der Abfindung von 1,5 Millionen. Auch der Bonus scheint nicht in Gefahr, Neumann darf glauben, dass Blessing sich gut überlegt hat, was er sagt. Anfang Januar 2009 bekommt Neumann den Bonus überwiesen. Im Februar soll die Abfindung folgen. Stattdessen bekommen er und andere Ex-Manager einen Brief. Blessing hat beschlossen, nicht zu zahlen. Die Stimmung hat sich gedreht.

Mitte Februar lädt Blessing mehrere Familienunternehmer in den Frankfurter Commerzbank-Turm ein, er hält eine flammende Rede: „Man kann nur verteilen, was man verdient hat“, sagt er. Wo Milliardenverluste angehäuft würden, gebe es keinen Bonus. Die Gäste applaudieren tosend. Für sie ist Blessing der Hüter der Moral. Erst im Dezember, argumentiert man nun bei der Commerzbank, sei klar geworden, wie hoch die Verluste der Dresdner Kleinwort wirklich seien. Fachleute bezweifeln das, denn Dutzende Commerzbanker hatten wochenlang die Bilanzen durchsucht.

Etwas Wesentliches ist zudem ungesagt geblieben in Blessings Bank. Man erfährt es nur von Insidern, wenn man strengste Vertraulichkeit zusichert. Die 400 Millionen, die Jentzsch und Diekmann den Dresdner-Kleinwort-Bankern als Prämie zugesagt haben, die müsse die Commerzbank gar nicht zahlen, heißt es. Das Geld habe noch der alte Eigentümer zurückgelegt: die Allianz. Das hieße, dass Blessing jeden Bonuseuro, den er nicht zahlt, als Sonderertrag in der Bilanz verbuchen kann. Die Bank will sich dazu nicht äußern, sie verweist auf das laufende Verfahren gegen Neumann. Doch es scheint, als ließe sich hier mit der Moral ein lukratives Geschäft verbinden. Schließlich erregen die Bonuszahlungen das ganze Land, in Berlin schimpfen Politiker über gierige Banker, der Wahlkampf läuft. Wie sähe es da aus, wenn Blessings Bank, die 18 Milliarden vom Staat bekommen hat, 400 Millionen an Banker zahlt, die Mitschuld an der Krise tragen?

Neumann besteht darauf. Eine Reihe seiner Kollegen auch. Etwa 15 haben in Frankfurt Klage eingereicht, in London fordern 72 Banker insgesamt 34 Millionen. Vier Prozesse hat die Commerzbank schon verloren, fünf Mal hat sie sich mit Klägern auf einen Vergleich geeinigt, weitere 25 Klagen sind angekündigt. Insider bestätigen, dass die Bank weitere Niederlagen vor Gericht einkalkuliert. Gleichzeitig hoffe sie aber, dass die öffentliche Wut auf vermeintlich gierige Banker diese von Klagen abhalte.

Doch sind wirklich alle diese Banker gierig? Oder tun sie, was Millionen andere an ihrer Stelle auch täten: darauf bestehen, dass Verträge einzuhalten sind?

„Bitte haben Sie Verständnis“, sagt Neumann nur. „Es ist ein laufendes Verfahren.“

Es antworten andere, die Neumann gut kennen. „Wenn man es moralisch beurteilt“, sagt ein Spitzenbanker, „haben Neumann und viele andere das Geld nicht verdient.“ Doch dann fügt der Mann, der nicht unbedingt ein Freund Neumanns ist, hinzu: „Aber wir leben in einem Rechtsstaat.“

Manche sagen, Neumann zahle ja auch nach wie vor seine Steuern in Deutschland. Andere bezweifeln das. Wieder ein anderer meint, Neumann wolle bloß nicht als Sündenbock für das ganze System herhalten. „Er sieht doch auch, dass in New York und London das Business wieder läuft, als gäbe es die Krise nicht.“ Dort zahlen viele Banken wieder Gehälter und Boni in Millionenhöhe. Auch solche, die vom Staat gerettet werden mussten. Würde Neumann daran etwas ändern, wenn er verzichtete?

Er war Teil einer Industrie, die Erfolg mit viel Geld belohnt, Scheitern aber nicht im gleichen Maße bestraft. Und die nun auf Zeit spielt, weil sie bei ihren Geschäften nicht gestört werden will, schon gar nicht von Politikern. Die Demut, die vor Monaten noch zu spüren war, schwindet. Die Moral muss warten. Mit dem Recht geht es schneller. Das Arbeitsgericht trifft eine Entscheidung. Einer wird Recht bekommen, Neumann oder die Commerzbank. Die Frage ist, ob es am Ende einen Sieger geben wird.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar