Finanzkrise : Die Ruhe im Sturm

Sie lebten auf Pump auf ihrer reichen Insel im kalten Meer. Dann kamen die Finanzkrise und der große Crash. Jetzt sagen viele das Schlimmste voraus: Massenarbeitslosigkeit. Die meisten Isländer freilich rührt das wenig. Sie glauben an eine goldene Zukunft, feiern Partys und lachen über die Panikmache anderer.

André Anwar[Reykjavik]
Island
Die Reaktion. Der britische Premier Gordon Brown kündigte an, mithilfe eines Antiterrorgesetzes, isländische Vermögen...Foto: AFP

In der Erde brodelt es, und manchmal kracht und zischt es, denn tief hier unten bricht die Welt auseinander in zwei Hälften, und obendrauf geht steter Regen nieder, mal von links und mal von rechts, aber selten von oben, so ist das in Island. Und den Humor der Isländer, den nennt man trocken. Als wäre er eine Gegenreaktion.

An den Börsen dieser Welt brodelt es, und manchmal kracht es auch, denn ganz weit oben bricht die virtuelle Finanzwelt auseinander, und drumherum gehen schlechte Nachrichten nieder, mal von links und mal von rechts, und manchmal von oben aus dem weißen Haus in der Stadtmitte von Reykjavik, das der Regierungssitz ist. Und die Isländer? Trinken Kaffee aus Pappbechern und machen weiter Witze.

„Heben Sie den lieber ganz schnell auf“, sagt die blonde Managerin vom Hotel Baron und deutet auf einen Geldschein, der einem Gast aus der Hand gefallen ist und nun auf dem dunkelroten Linoleumboden im Foyer liegt. „Sonst stürzen wir uns gleich alle auf den.“ Die Managerin lacht. Der Gast klaubt sein Geld vom Boden auf.

Das Hotel Baron liegt in der Straße, die in den vergangenen Jahren zum Finanzzentrum von Reykjavik geworden ist, in der Borgatun. Sie ist auch die Adresse der Kaupthing Bank, die am 9. Oktober als letztes von drei großen isländischen Finanzinstituten verstaatlicht wurde. Konten wurden gesperrt, die isländische Börse blieb für mehrere Tage geschlossen, andere Länder wollten wissen, was mit ihrem Geld ist, das in Island liegt, die Stimmung war dabei frostig.

In der Zentrale von Kaupthing aber gibt sich die junge Kassiererin Siv gelassen. Die Bank habe schließlich ein großes Vermögen und nicht nur Schulden. Die ausländischen Sparer würden ihr Geld letztlich schon zurückbekommen, „nur Geduld“, sagt sie und lächelt zuversichtlich.

Dem britischen Premierminister Gordon Brown sind diese Worte des Trostes nicht zu Ohren gekommen, er hört derzeit anderes aus Island: Gelächter. Nachdem er angekündigt hatte, mithilfe eines Antiterrorgesetzes isländische Vermögen, die in Großbritannien gelagert sind, einzufrieren, haben sich auf der kleinen Insel zigtausende von den ja nur 300 000 Bürgern mit „We are not terrorists“- Schilder fotografieren lassen.

Die Finanzkrise scheint die Isländer bisher nicht sehr mitgenommen zu haben. Weil sie zu pragmatisch sind, um sich als Opfer einer Krise zu empfinden, weniger am Problem, als an der Lösung interessiert. Zum anderen auch, weil sie gerade viele sehr satte Jahre hatten. Hohe Zinsen holten Kapital ins Land, die im Boden brodelnde günstige Energie lockte energieintensive Industrien, die Arbeitslosenquote lag praktisch bei null Prozent, im Gegenteil, man hat Arbeitskräfte importiert.

„Das boomende Reykjavik gehört der Vergangenheit an. Auch wenn dessen Bild noch ein bisschen weiterleben darf“, sagt jedoch Audunn Arnorsson, Redakteur der größten Tageszeitung des Landes, der Gratiszeitung „Frettabladid“. „Unsere Wirtschaftsexperten sind sich leider völlig sicher: Wir werden hier bald eine Massenarbeitslosigkeit ohnegleichen erleben, wenn die Firmen beginnen, dicht zu machen. Das wird ein ganz anderes Island sein“, sagt Arnorsson. Er selbst hat schon eine Konsequenz zu spüren bekommen: Seine Zeitung wurde gerade mit dem Konkurrenten, der Abonnementzeitung „Morgunbladid“, zusammengelegt, weil die Anzeigeneinnahmen eingebrochen sind. Die psychosozialen Veränderungen werden enorm sein, warnen schon jetzt Seelsorger und Psychologen.

Davon will Sofia, 53 Jahre alt und Küchenhilfe, nichts wissen. Sie steht in der Kantinenküche der Kunsthochschule Reykjavik, um sie herum dampft es aus riesigen Töpfen. „Mein Mann ist Tischler, und wir haben fünf Kinder, 20 Islandpferde und einen großen Bekanntenkreis. Da ist niemand, der sein Vermögen verloren hat“, sagt Sofia, während sie den Studenten ordentliche Portionen auf ihre Teller schaufelt. Auf dem Menüplan steht heute thailändisches rotes Curry, vegetarisch. „Nur die Lebensmittel sind teuer geworden, Bananen kosten 30 Prozent mehr als noch vor ein paar Monaten. Mein Gehalt ist leider immer noch das gleiche“, sagt sie und lacht herzlich.

Es sind bislang vor allem die wohlhabenden Isländer, die von der Finanzkrise etwas mitbekommen. Diejenigen, die im Kaufrausch der vergangenen Jahre, Häuser, Jachten und Autos mit billigen Auslandskrediten erwarben. Isländische Privathaushalte haben ihr Einkommen mit durchschnittlichen 213 Prozent beliehen, was selbst die amerikanischen Haushaltsverschuldungen mit durchschnittlichen 140 Prozent moderat aussehen lässt. Doch seit Jahresbeginn hat die Isländische Krone gegenüber dem Euro rund 50 Prozent seiner Kaufkraft eingebüßt. Anders als größere Volkswirtschaften haben die Banken Islands ein größtenteils auf Schulden aufbauendes Vermögen angehäuft, das das Bruttoinlandsprodukt Islands um das Zehnfache übersteigt. So etwas sei nur noch mit Notkrediten vom IWF und anderen Notenbanken zu regeln, hat der konservative Ministerpräsident und EU-Gegner Geir Haarde geäußert. Noch vor kurzem warnte er in einer dramatischen Rede vor dem völligen „Staatsbankrott“ und schloss mit „Gott segne Island“.

Damit ist er der Realität vielleicht näher als die Bürger seines Landes, die unbeeindruckt bleiben, während die Finanzinspektion die drei zwangsverstaatlichten Banken, Glitnir, Landsbanki und Kaupthing zu Schleuderpreisen abgewickelt hat. Ein britischer Beobachter nannte die gute Stimmung bereits „den Untergangstanz auf der Titanic“.

In den regentrüben Himmel über der Insel ragen überall noch nicht verkleidete Stahlkonstruktionen in die Luft. Und das Treiben der Bauarbeiter, die mit gelben Kränen eine neue, höhere Skyline für Reykjavik in die Höhe ziehen, inklusive Luxuswohnungen am Meer, glänzenden Bürokomplexen, einem Sportstadion und einer sechsspurigen Ringstraße, ist keineswegs zum Erliegen gekommen. „Wer soll da einziehen?“, fragen sich allerdings viele.

Die 22-jährige Managementstudentin Kristin Ragnarsdottir hat eine Idee für die Stahlskelette. „Man sollte ein nicht fertig gestelltes Bauwerk an der Meerespromenade einfach so lassen, wie es jetzt ist“, sagt sie, „unfertig. Als Mahnmal dafür, dass man keine Traumwelt aus Krediten zusammenzimmern kann.“ Sie sitzt im Café der Handelshochschule, um für die nahende Prüfung zu lernen. Ihr Vater ist Finanzmann. In drei Jahren, wenn sie ihren Abschluss hat, brauche es vor allem Manager für die Industrie, Islands Zukunft, sagt sie. „Wir müssen uns jetzt was Neues einfallen lassen. Island kommt zurück. Es dauert nur ein paar Jahre.“ Auch sie sieht eher ein psychologisches als ein finanzielles Problem. „Wer hier arbeitslos war, galt früher als psychisch krank. Dementsprechend groß ist die Scham für Isländer, die ihren Job verlieren und keinen neuen finden, denn das war hier nie ein Problem“, sagt sie.

Mag die Ratingagentur Standard & Poor’s auch Islands Bonität um zwei Stufen von „A“ auf „BBB“ heruntergestuft und die Rettungsmaßnahmen der Regierung kritisiert haben – auf der Hauptstraße der Hauptstadt, auf dem Laugevegur, rollen immer weiter die Luxusautos und nagelneuen Jeeps rauf und runter. Und unverdrossen drängen sich in den vielen Cafés und Kneipen der Stadt junge Leute, trinken ihr teures Bier, tanzen zu Technomusik, tragen wild gemusterte Kleider, Jacken, Mützen, und auch das fünftägige Musikfestival Airwaves ist mit dem Motto „Gerade jetzt brauchen wir Partyenergie“ völlig ausverkauft.

Einer, der an diesem Abend auf einer anderen Party tanzt, einer privaten, und isländischen Wodka trinkt, sagt, er mache sich keine Sorgen. Er ist erst 26 Jahre alt und Modedesigner. „Die meisten Leute, die ich kenne, sind auf die eine oder andere Weise abgesichert“, sagt er. Sie werden sich vorübergehend einschränken müssen. Aber mehr?

Er selbst muss auch Pläne verschieben. Er wollte gerne ins Ausland, nach Paris, aber das gehe jetzt nicht, mit der wertlosen isländischen Krone, sagt er, stellt seinen Drink auf einem Tisch ab und fügt hinzu: „Isländer sind sehr stolze und fleißige Menschen. Wer Probleme hat, gibt es nicht gerne zu.“ Aber das finde er gut. „Vielleicht bewahrt uns unsere Naivität vor der Ohnmacht“, sagt er, „wir kämpfen einfach weiter, ohne aufzugeben“, und im Hintergrund hämmern die Housebeats.

Im Friseursalon auf dem Laugavegur sitzen zwei Friseurinnen und eine Schneiderin aus dem Nachbarladen auf den Kundenstühlen und trinken Caffè Latte in Pappbechern. Seit Tagen gibt es nicht mehr viel für sie zu tun. „ Die Leute kaufen jetzt lieber Benzin und Lebensmittel statt Haarschnitte“, sagt Heidveig Thrainsdottir. Aber ihr gingen ohnehin die Haarfärbemittel aus, weil ausländische Importeure nicht mehr an Island ohne Vorkasse liefern wollen. Auch Corn Flakes und Müsli in den Supermärkten würden immer seltener. Das sei etwas misslich, aber die Laune lässt sie sich nicht verderben. Mit ihrem Freund, der Kunstobjekte importiert, hat sie einen ausländischen Währungskredit aufgenommen, um eine 42 Quadratmeter große Wohnung zu kaufen. „Wir zahlen jetzt statt 140 000 Kronen 230 000 Kronen im Monat für den Kredit“, sagt sie. „Aber den Gürtel eine Weile enger zu schnallen geht schon.“ Sie regt etwas ganz anderes auf. In den Friseurladen wurde das erste Mal seit der Gründung vor 20 Jahren eingebrochen. Die Polizei vermutet eine osteuropäische Mafia dahinter, die mit polnischen und baltischen Gastarbeitern ins boomende Island kam. „Die Gastarbeiter gehen jetzt wieder, weil es sich nicht mehr lohnt, hier zu arbeiten, und die Kriminellen unter ihnen nehmen alles mit, was sie können, vor der Abreise“, vermutet Heidveig.

Für die abreisenden Gastarbeiter, so hoffen manche, könnten doch die Touristen nachrücken, schließlich sei eine Islandreise lange nicht so billig gewesen wie jetzt. Und überhaupt: Ist man nicht immer noch eine große Fischereination? Und boomen nicht die Firmen, die medizinische Technologie entwickeln?

Nach Verantwortlichen suchen und sie zur Rechenschaft ziehen, das will in Island kaum einer so richtig. „Ich stehe hinter unserem Ministerpräsidenten, der richtet das schon wieder“, sagt der Taxifahrer auf der Fahrt zu den heißen Quellen in der Blauen Lagune, damit ist das Thema für ihn erledigt.

„Frettabladid“-Redakteur Arnorsson versteht nicht, dass die Wut nicht größer ist, und auch der bekannte isländische Kommentator „Doktor Gunni“ findet es seltsam, wie schonungsvoll mit den Entscheidungsträgern umgegangen wird. „Es hilft jetzt in der Krise nichts, die Schuldigen zu suchen, sagen die Schuldigen und meinen, man müsse jetzt vor allem zusammenhalten“, schreibt er auf seiner Homepage und fährt fort: „Meine Frau sagt, dass Kinder ihr verwüstetes Kinderzimmer selber aufräumen müssen. Aber das ist kein guter Vergleich. Wenn jemand betrunken in einen Straßengraben fährt, sollte nicht die selbe Person versuchen, den Wagen wieder auf die Straße zu heben.“

Es hat Mitte Oktober eine Demonstration in Reykjavik gegeben. Gegen Notenbankchef David Oddsson, der den Superkapitalismus ins Land geholt, der das alles zu verantworten hat. „Oddsson weg, Oddsson weg“, haben die Demonstranten gerufen. Es war ein schöner Tag in Reykjavik, einer von wenigen, die neuen Wolkenkratzer haben in der Sonne gefunkelt. Zur Demonstration waren 25 Menschen gekommen.

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