Finanzkrise : Getrennte Ansichten

Amerikaner und Europäer reagieren in der Finanzkrise verschieden. Wie wirkt sich das auf eine Lösung aus?

Christoph Marschall[Washington]

Nie war die Gelegenheit günstiger, die Regeln für die internationalen Finanzmärkte zu verschärfen – so hieß es vor den Treffen der sieben führenden Industriestaaten G7, IWF und Weltbank an diesem Wochenende in Washington. Amerika und Europa stehen unter dem Schock einer Krise, die Billionenbeträge vernichtet und Banken und Versicherungen in die Pleite reißt. Ein Ende ist nicht abzusehen. In der Ursachenanalyse sind sich Amerikaner und Europäer größtenteils auch einig: Die internen Kontrollen der Finanzinstitute haben versagt, sie kauften und verkauften Kreditpakete quer über die Grenzen, ohne die Risiken verantwortlich zu prüfen. Die staatliche Aufsicht war zu lax. Und vielleicht sollte man einige der als „kreativ“ gepriesenen neuen Instrumente, wie zum Beispiel Finanzwetten auf fallende Aktien, verbieten oder regulieren, weil sie im Crash krisenverschärfend wirken.

Doch ob wirklich viel geschehen wird, ist fraglich. Im Abschlussdokument der G7 fehlten dafür konkrete Zusage. Aus mehreren Gründen. Zum einen, weil das Tempo des Niedergangs Krisenmanagement erzwingt und die Debatte über Systemschwächen verdrängt. Zum anderen, weil Amerikaner und Europäer in der Krise unterschiedliche Reflexe zeigen.

Wie sich die Psychologie des Umgangs miteinander verändert hat, illustriert das Auftreten des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück. In seiner Regierungserklärung vor gut zwei Wochen zur Finanzkrise, die damals eine US-Krise war, ähnelte seine Lageanalyse der deutschen Haltung im Irakkrieg. Wir haben euch gewarnt, sagte er sinngemäß zu Amerikanern und Briten, wir haben das Platzen der Immobilienblase in den USA vorhergesagt, wir haben für Kontrollen sowie ein Ende der Deregulierung der Finanzmärkte geworben. Ihr aber habt noch vor einem Jahr unsere Vorschläge beim G-8-Gipfel in Heiligendamm abgelehnt. Jetzt sitzt ihr in der Patsche, und wir sehen keinen Grund, euch mit deutschen Steuermilliarden herauszuhelfen.

Das war keine isolierte deutsche Haltung, es ist die Sichtweise der meisten Kontinentaleuropäer. Als Steinbrück am Donnerstag in Washington landete, blieb er in Hintergrundgesprächen mit deutschen Medien bei seiner Analyse. Von der Regierungserklärung habe er nichts zurückzunehmen, das sei kein Antiamerikanismus. In seinen öffentlichen Äußerungen aber fehlte die klare Kritik.

Denn die Krise hatte inzwischen Europa erreicht und die ersten deutschen, britischen und Benelux-Banken in den Abgrund gezogen. Die EU offenbarte ihre alte Schwäche: Sie konnte sich auf kein gemeinsames Vorgehen einigen. Die Rettungsaktionen erfolgten national. Kein Staat war bereit, nationale Steuermilliarden in einen gemeinsamen Topf zu zahlen und die Kommission in Brüssel entscheiden zu lassen, welche Banken gerettet werden und welche nicht. Die USA hatten zwar auch Tage gebraucht, um ihr Rettungspaket durch den Kongress zu boxen, aber sie hatten es getan. Mit einer Debatte über die Schuldfrage wären Steinbrück und andere Kontinentaleuropäer in dieser Situation nicht weit gekommen. Amerikaner und Briten hätten gesagt: Krisenmanagement hat jetzt Priorität; dabei stören Sündenbock-Diskussionen nur.

In der Praxis zeigte sich zudem ein starker Kontrast der Reflexe. Die Angelsachsen warfen in der Stunde der Not die Dogmen über Bord. Amerikaner und Briten halten staatliches Eingreifen im Prinzip für Teufelszeug, aber als die Lage es erforderte, übernahm der Staat Mehrheitsanteile an Banken und Versicherungen, ohne lang zu debattieren. In scharfem Gegensatz dazu wälzt Deutschland seit Tagen Bedenken, ob staatliche Kapitalhilfen für strauchelnde Banken eine „Verstaatlichung“ bedeuten. Aus US-Sicht bestätigt sich da das alte Vorurteil: Wenn es darauf ankommt, handeln wir pragmatisch – und Europa redet über Prinzipien.

Die Krise wird mit Sicherheit die Machtgewichte in der Welt verschieben. Aber sie wird wohl nicht, wie Steinbrück das in seiner Regierungserklärung vorhersagte, den Niedergang Amerikas und den Aufstieg Euro-Europas einleiten. Die USA bleiben die mit Abstand größte Volkswirtschaft und der größte Markt. Schon deshalb werden sie weiter mehr Einfluss auf die Verkehrsregeln der Märkte haben als andere.

Vielmehr tauschen erste und zweite Welt die Rollen. In früheren Finanzkrisen waren Schwellenländer in Südamerika und Asien die Auslöser, und der Westen war der Stabilitätsanker, der via IWF aushalf. Diesmal ist der Westen in der Krise, weil seinen strauchelnden Banken Kapital fehlt. Auf diesem Geld sitzen Russland, China und die Ölstaaten. Auch diesmal gewinnt nicht Europa, wenn Amerika schwächelt. Das wird die verständliche Wut der Europäer über ihr Leiden an einer Krise „made in the US“ noch verstärken.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar