FInanzkrise : New Yorker Enthüllungen

Die entlassene Wall-Street-Bankerin, die jetzt strippen muss – eine treffliche Wirtschaftskrisenstory! Und wenn die so ganz nicht stimmt? Auch egal! Wie der Finanzcrash Karrieren ganz anderer Art beflügelt.

Sebastian Moll[New York]
Newton
Randi Newton an ihrem neuen Arbeitsplatz. -Foto: Sebastian Moll

Das Licht ist schummrig, die Herren sind in tiefen Ledersitzen versunken, mehrere halbnackte Damen tänzeln um sie herum, eine weitere wickelt sich zu Musik auf der Bühne in der Mitte des Raums um eine Stange.

Ob Tag oder Nacht ist, ist schwerlich auszumachen. Rick’s Cabaret in Midtown Manhattan, New York, öffnet um 11 Uhr, draußen blinkt rot die Reklameschrift, drinnen gibt es erst Businesslunch für unter zehn Dollar und später Lasterhaftes – bisher vor allem für Wall Street Banker. Und seit der Krise auch: von ihnen.

Die dafür steht, heißt Randi Newton und trägt hohe Stöckelschuhe zum faltenfreien Satinkleid.

Eben hat sie sich noch auf dem Schoß eines Gastes geräkelt, nun sitzt sie im ersten Stock in einem der Separees, Ashley ist bei ihr, ihre persönliche Publizistin. Seit im September vor einem Jahr mit der Pleite von Lehman Brothers eine Finanzkrise von der Wall Street ausging, die bis heute den ganzen Globus beschäftigt, spricht man nicht mehr einfach so mit Randi Newton. Seit Krise ist, ist jeder Medienkontakt durchorchestriert.

Randi Newton vermarktet sich als die „Wall Street Stripperin“ – so heißt ihr Blog, und so wird wohl auch das Buch heißen, das im Dezember erscheinen soll. Es erzählt ihre eigene Geschichte: Die Geschichte einer Finanzanalystin bei der US-Investmentbank Morgan Stanley, die ihren Job verliert und dann dazu gezwungen ist, sich für Geld auszuziehen.

Es ist eine treffliche Wirtschaftskrisenstory, und die US-Medien haben sich darauf gestürzt wie ausgehungerte Hyänen. Kein Nachrichtensender, der Randi Newton nicht interviewt hätte, sogar bei Oprah Winfrey war sie, der Königin des Daytime Talk. Beim Boulevard-Blatt „New York Post“ schaffte sie es bis auf den Titel – sexy zurecht drapiert in Strapsen und Netzstrümpfen unter einem Business-Jackett.

Seither gilt Strippen in der alltäglichen Krisenbewältigung als Alternativjob für entlassene Bankerinnen, sofern attraktiv und jung genug. Andere nunmehr Arbeitslose aus der Finanzbranche finden sich – wieder anderen Medienberichten zufolge – in Barkeeperkursen wieder. Und so haben Bankenversagen und Bankensterben nicht nur die schwerste Wirtschaftskrise seit 80 Jahren ausgelöst, sondern auch einigen Branchen zum Aufschwung verholfen, zumindest scheinbar.

Denn die Berichte, von Ashley geschickt lanciert, unterschlugen ein paar Details. Etwa, dass Randi schon seit zehn Jahren strippt und nicht etwa während des Finanzcrashs ihren Bank-Job verloren hat. Oder, dass sie nur ein Jahr in der Finanzbranche gearbeitet hat und zwar nicht als Analystin, sondern als Assistentin für wenig rekordverdächtige 40 000 Dollar im Jahr.

Aber ihre Story war in Zeiten, in denen es gar nicht genug Krisengeschichten geben konnte um die Blätter zu füllen, offenbar einfach zu gut, um sie sich durch solche Kleinigkeiten zerstören zu lassen.

Randi und Ashley allerdings haben diese Details nie verschwiegen. Sie haben sie bloß nicht an die große Glocke gehängt. Wenn man nachhakt, halten sie nicht mit der wahren Geschichte der Wall-Street-Stripperin hinter dem Berg. Es ist eine andere Story als die der arbeitslosen Bankerin, der nichts anderes übrig bleibt, als ihre nackte Haut zu verkaufen. Eine, die vielleicht weniger gut die Rezessionsklischees bedient, die aber deshalb nicht weniger über die Zeiten aussagt, in denen wir leben.

Randi hatte nie im Sinn, bei einer Bank zu arbeiten oder überhaupt in einem Büro. Dazu ist sie nicht der Typ. Es fällt trotz ihrer ganzen Professionalität schwer, sich vorzustellen, wie sie still an einem Bildschirm sitzt und Daten auswertet oder Berichte schreibt. Sie mag es, sich in Szene zu setzen, Aufmerksamkeit zu erregen, sie liebt Glamour und große Auftritte. Sie will ein Star sein und hat auch große Dinge vor.

Rick’s ist für sie keine Endstation, sondern ein Sprungbrett. „Ich mache das höchstens noch vier oder fünf Jahre“, sagt sie. Bis dahin will sie ihren Durchbruch geschafft haben, als Autorin oder Schauspielerin, egal, jedenfalls irgendwie als Medienpersönlichkeit. Den Plan dazu hat sie mit Ashley ausgeheckt, die aufmerksam den Auftritt ihrer Klientin überwacht.

Wie viele junge Frauen kam Randi Newton nach ihrem College-Abschluss in Nebraska – einem US-Staat im Mittleren Westen, in dem ungefähr so viele Menschen wohnen wie in Manhattan – nach New York, um es hier zu etwas zu bringen. Sie war das typische gut aussehende, kluge und ehrgeizige Mädchen vom Land mit großen Träumen. Schauspielerin wollte sie werden, der Job bei der Bank war nur Mittel zum Zweck.

„Ich musste ja von irgendetwas leben, und kellnern wollte ich nicht“, sagt sie. Also bewarb sie sich bei Morgan Stanley, einem der Riesen unter den Investmentbanken, und bekam den Job auf Anhieb. „Ich schlage mich gut in Vorstellungsgesprächen“, sagt sie. Aber dann gefiel ihr nicht, was sie tun sollte. Das war alles. „Es ist nichts Schlimmes passiert, ich bin auch nicht entlassen worden. Ich fand es nur nicht sonderlich spannend“, sagt sie. Zu steif war ihr das alles in der Finanzwelt, zu streng und reglementiert. So hatte sie sich ihr Leben im Big Apple nicht vorgestellt. Sie kündigte.

Danach machte sie, laut Selbstdarstellung in ihrem Blog, dies und das und wurde doch Kellnerin in einer Stripbar, wo sie sich eines Februarabends betrank und die Kleider vom Leib riss. Offenbar so anmutig, dass das Management an einer Wiederholung im nüchternen Zustand interessiert war.

Das Strippen wurde zur Offenbarung für sie. Drei Tage die Woche arbeitete sie bei Rick’s, und bei jeder Schicht nahm sie zwischen 1500 und 5000 Dollar an Trinkgeldern mit. Sie sei auch keine Angestellte, sondern „unabhängige Subunternehmerin“, darauf besteht sie.

Das Geld investierte sie in Schauspielunterricht, ihre letzte Rolle am Set war zwar die eines Komparsen, aber wenigstens passte der Film: Es war die zweite Kinofolge von „Sex and the City“. Die Arbeitsbedingungen in Rick’s Cabaret fand sie ganz ausgezeichnet – der „New York Post“ sagte sie, es sei erstaunlich zu beobachten, dass ein Stripclub besser organisiert sei als eine Bank.

Und schließlich ist Rick’s Cabaret auch nicht irgendein halbseidenes Lokal. Rick’s ist erstens der vornehmste Stripclub in Manhattan. Ausgedehnt über drei Stockwerke, inklusive Dachterrasse mit Skyline-Blick für die Zigarre danach. Auf einer Galerie mit Blick auf die Bühne kann man zudem Steak-Dinners mit ausgesuchten Rotweinen ab rund 300 Dollar genießen. Weibliche Tischgesellschaft gibt es gegen Aufpreis.

Und zweitens ist Rick’s Cabaret International ein riesiges Unternehmen, notiert an der Technologiebörse Nasdaq, das sich offenbar der Krise erwehren konnte. Die letzten beiden Meldungen von Rick’s lauten: Man werde einen weiteren Club in Dallas kaufen. Und den jüngsten Geburtstag des New Yorker Lokals feierte man mit einem dreitägigen Fest. Krise klingt anders.

Gegründet wurde Rick’s 1982 in Texas als privater Nachtclub, dann wurde expandiert und investiert und expandiert und investiert, quer durch die USA – Philadelphia, Florida, Nevada und eben New York – und unter mehreren Namen: außer Rick’s Cabaret gehören noch Tootsie’s, XTC und Onyx zur Kette. Im Onyx, Houston, soll, so wird es kolportiert, dereinst US-Modell Anna Nicole Smith getanzt und vor allem: ihren späteren Ehemann, den Ölmilliardär J. Howard Marshall kennengelernt haben. Karrieren unterschiedlicher Art also sind bei Rick’s zu machen.

An das Tanzen hatte sich Randi Newton schnell gewöhnt und auch an die „Lap-Dances“, bei denen die Tänzerin solange ihren nackten Körper an den angezogenen Kunden reibt, bis die aufhören zu zahlen. Die Regeln seien klar, Übergriffe selten, will ein Kunde die Tänzerinnen betatschen, wird sofort eingeschritten. Schwierigkeiten mit sexueller Belästigung habe sie in zehn Jahren an der Stange vielleicht zweimal gehabt.

Eine junge anständige Frau, die ihren bürgerlichen Beruf verliert und ins Sex-Gewerbe getrieben wird, ist Randi Newton also nicht. Auch wenn sie sich nicht dagegen wehrt, dass ihre Story so verkauft wird. Schließlich ist ein Abstecher ins Anrüchige schon lange kein Stolperstein mehr auf dem Weg zum Ruhm. Im Gegenteil. Von Lehman Brothers übrigens wird vermeldet, dass Personal gesucht wird, man will in Kürze ins Hypothekengeschäft zurückkehren.

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