Finanzmärkte : Außer Kontrolle

Von Stefan Kaiser

Ein bisschen gierig sind wir alle. Der Wille, möglichst viel vom großen Kuchen abzubekommen, ist menschlich. Auf ihm ist das kapitalistische Wirtschaftssystem aufgebaut. Es funktioniert, solange es Regeln gibt, die helfen, die Gier in fruchtbare Bahnen zu lenken, und Institutionen, die für die Einhaltung dieser Regeln sorgen.

Die Finanzmärkte sind zwar kein gesetzloser Raum. An allen großen Börsenplätzen gibt es eine Aufsicht, die den Handel überwacht. Doch das ist längst nicht mehr genug. Die Märkte haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Sie sind internationaler geworden, komplizierter und vor allem größer. Nun brauchen sie auch entsprechende Regeln.

Die Summen, mit denen dort spekuliert wird, sind für den Einzelnen gar nicht mehr fassbar. Allein am Devisenmarkt werden täglich mehr als drei Billionen Dollar hin und her geschoben – das meiste davon aus reinen Spekulationszwecken, ohne Anbindung an die Realwirtschaft. Und wer kann sich schon etwas unter den 50 Milliarden Euro vorstellen, mit denen der französische Aktienhändler Jérôme Kerviel jonglierte?

Die Regeln sind nicht mit den Märkten mitgewachsen. Sie wurden für kleinere, nationale Märkte gemacht. Die Aufsichtsbehörden können nur innerhalb ihrer Landesgrenzen agieren. Für die neuen Spieler jedoch, die in den vergangenen Jahren auf den Märkten aufgetaucht sind, existieren nicht einmal einfachste Transparenzregeln. Hedgefonds, die von Steuerparadiesen wie den Cayman-Inseln aus Milliardensummen in der ganzen Welt investieren, können tun und lassen, was sie wollen. Sie müssen niemandem Rechenschaft ablegen.

Auch Zahl und Funktionsweise der Finanzprodukte sind unüberschaubar geworden. Noch vor 20 Jahren handelten Anleger und Banken vor allem mit Aktien und Anleihen. Heute machen Geschäfte mit sogenannten strukturierten Produkten einen Großteil des Marktes aus – Wetten auf künftige Kurse und Preise. Die Immobilienkrise in den USA konnte nur deshalb auf Europa überschwappen, weil sich die Kredite der amerikanischen Hausbauer über Wertpapiere an europäische Banken verscherbeln ließen. Anfang der 90er Jahre gab es solche Produkte hier noch gar nicht. Mittlerweile sind die Geschäfte der Banken außer Kontrolle geraten. Selbst die Vorstände haben die Übersicht verloren, wer gerade mit wessen Geld wo zockt. Es ist ein Herrschaftswissen einiger weniger Handelsprofis entstanden.

Das System braucht also neue Regeln – am besten internationale. So könnte man Hedgefonds und Banken zwingen, riskante Investments offenzulegen oder vielleicht sogar zu begrenzen. Realistisch ist dies derzeit leider nicht, weil sich Amerikaner und Briten gegen alles wehren, was auch nur nach Regulierung aussieht. Auf europäischer Ebene gibt es jedoch Hoffnungszeichen. Am Dienstag will sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem britischen Premierminister Gordon Brown treffen, um über mehr Transparenz auf den Finanzmärkten zu reden.

Doch auch national lässt sich einiges verändern. Die Skandale von Sachsen LB, West LB und IKB haben gezeigt, dass die deutschen Banken keineswegs alles im Griff haben. Hier ist eine stärkere Aufsicht gefordert – innerhalb und außerhalb der Banken.

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