Zeitung Heute : Finanzspritze für den Doktor

Jeder neunte Hochschulabsolvent schreibt nach dem Studium eine Doktorarbeit – oft helfen Stiftungen und Unternehmen dabei

Steffi Sammet

Sven Kroboth begeistert sich schon seit Jahren für komplizierte Materie. Die Euphorie des 31-Jährigen überzeugte vor knapp drei Jahren auch seinen damaligen Professor: Nach dem Physik-Studium bot ihm der Dozent für die Dissertation im Bereich Quantenoptik zunächst eine halbe, später eine Dreiviertel-Stelle amLehrstuhl an. „Ich musste mir überhaupt nicht den Kopf zerbrechen, wie ich meine Dissertation finanzieren könnte“, freut sich Kroboth. „Das war praktisch.“ Während er sich seither intensiv mit der Kühlung von Ytterbium-Atomen beschäftigt, flossen im ersten Jahr seiner Promotion 1000 Euro netto auf sein Konto, seit dem zweiten Jahr 1300 Euro. „Davon kann ich einwandfrei leben“, erklärt der Physiker. Das Gehalt decke die Kosten für die Doktorarbeit von etwa 30 000 Euro voll.

So einen reibungslosen Zugang zu den Geldtöpfen erwischt aber längst nicht jeder der 25 000 Doktoranden, die jedes Jahr in Deutschland ihre Dissertation angehen. Ausreichend Finanzmittel aufzutreiben, kann für sie zu einer anspruchsvollen Aufgabe werden, denn je nach Fach oder Thema verschlingt eine Forschungsarbeit inklusive Lebenshaltungskosten für zwei, drei Jahre schnell mal 50 000 Euro. Mit solchen Summen für ihre Diss-Zeit müssen speziell Chemiker oder Physiker rechnen. Mediziner und Juristen, die meist recht zügig promovieren, kommen mit Beträgen zwischen 20 000 und 30 000 Euro günstiger weg; Philologen oder Sportwissenschaftler müssen mit Beträgen ab 25 000 Euro aufwärts rechnen. Trotz dieser hohen Summen finden viele Doktoranden Sponsoren für ihre Pläne,vorausgesetzt, sie bieten ein interessantes Thema und einen straffen Zeitplan. Dann bieten staatliche Förderprogramme wie auch private Initiativen Finanzspritzen.

Ob in Biologie, Physik, Wirtschaftswissenschaften oder Germanistik: Alle Hochschulen schreiben regelmäßig Assistentenstellen oder Hilfskraftjobs für Doktoranden aus. Für die Professoren ist es allerdings kein Muss, sie öffentlich auszuschreiben, sie können sie jederzeit auch hausintern besetzen. Ein guter Draht zum Lehrstuhl schon zu Studienzeiten kann sich also auszahlen. Etwa zwei Drittel aller Doktoranden wählen den Weg über einen Uni-Job. In der Regel ist die Stelle auf zwei bis vier Jahre beschränkt und wird nach BAT-Tarif IIa bezahlt, was für einen 27-jährigen Single rund 3200 Euro brutto pro Monat bedeutet.

Der Haken: Neben der Dissertation sind auch organisatorische Aufgaben am Lehrstuhl zu erledigen, Vorlesungen zu halten, Diplomarbeiten zu betreuen. Im Schnitt geht dafür ein Fünftel der Arbeitszeit drauf – die für die Promotion fehlt. Weniger abgelenkt werden Doktoranden als Mitarbeiter in einem Projekt, da sie dort nur selten Zusatzaufgaben für ihren Doktorvater übernehmen müssen. Derartige Stellen werden meist nicht öffentlich bekannt gemacht. Die Profs picken sich unter ihren Diplomanden Mitarbeiter raus, die dann über das Projektthema promovieren. Die Kosten für die Jobs finanzieren die Professoren oft aus Drittmitteln von Landes- oder Bundesministerien. Der Verdienst eines Projektmitarbeiters ist mit dem Gehalt einer Assistentenstelle vergleichbar. Wer einen dieser gefragten Jobs ergattert, darf allerdings nicht bummeln: Sobald das Projekt ausläuft, drehen die Förderer normalerweise den Geldhahn zu.

Unabhängig von der Uni hat Claudia Pauli-Magnus ihre Geldquelle für die Dissertation gefunden: Mit einem Thema zum Patientenverhalten im Rahmen von Therapien bewarb sich die Psychologin bei der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg. Nur kurze Zeit später erhielt Pauli eine Zusage, die ihr zwei Jahre lang monatlich 1000 Euro bescherte. „Das war toll, unbürokratischer ging es kaum“, findet die Heidelbergerin, obwohl es sie einige Zeit gekostet hat, die geforderten Gutachten von ihren Profs zu erhalten und einen Bericht über den geplanten Verlauf ihrer Arbeit anzufertigen. Unabhängig von der Fachrichtung gewähren Begabtenförderungswerke wie die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder die Bundesländer ihre Stipendien – zunächst mal für zwei Jahre. Was viele der rund 10 000 Doktoranden, die solch ein Stipendium beziehen, unter Zeitdruck setzt. Denn nur etwa vier Prozent der Promovierenden schließen in dieser Zeit die Diss ab. Die meisten Einrichtungen gestehen immerhin noch die Option zu, das Geld ein weiteres Jahr zu beziehen. Wer dann noch nicht fertig ist, braucht sehr gute Argumente für mehr Geld. Die Zuschüsse liegen in der Regel zwischen 600 und 920 Euro monatlich, plus Zuschläge für Sach- oder Reisekosten. Nach einem Jahr müssen die Stipendiaten oft einen Rechenschaftsbericht zum Stand ihrer Arbeit vorlegen.

Den Antrag für solch eine Förderung stellt man an der Uni oder direkt bei den Begabtenförderungswerken. Der Bewerbungsprozess braucht Zeit: „Bei uns dauert es maximal sechs Monate, ehe wir zu- oder absagen“, stellt Martin Gräfe von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung fest. Ein Bewerber muss dort unter anderem in einem persönlichen Gespräch überzeugen. „Wir erwarten eine gewisse Bandbreite an politischem oder sozialem Engagement. Wer im Elfenbeinturm sitzt und nur seine Karriere im Kopf hat, ist bei uns nicht an der richtigen Adresse.“ Alternativ zum Sponsoring durch Stiftungen können Doktoranden auch die Förderung über die Wirtschaft anpeilen. Inzwischen loben zunehmend mehr Unternehmen wie die Elektrowerke Vorwerk, die Bayer Schering Pharma AG oder die Telekom-Stiftung derartige Stipendien aus (siehe Kasten). So vergab beispielsweise der Internet-Dienstleister SinnerSchrader im letzten Jahr 10 000 Euro an einen Doktoranden, der an einer „besonders interessanten Forschungsarbeit“ im Bereich E-Business arbeitet. Gerade in der Internet-Wirtschaft „kommen die Impulse viel zu oft aus dem Markt, zu selten aus den Universitäten“, erklärt Firmengründer Matthias Schrader das Engagement seiner Firma.

Mehr zum Thema lesen Sie im Karriere-Heft vom Februar.

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