Zeitung Heute : Firmenchef Marco Börries strebt zu neuen Ufern - die Software wird zum Strom im Netz

Peter Zschunke

Fast 15 Jahre lang hat sich die kleine Hamburger Software-Firma Star Division gegen den übermächtigen Konkurrenten Microsoft behauptet. Jetzt stimmte sie der Übernahme durch das amerikanische Computerunternehmen Sun Microsystems zu, das im großen Maßstab das Lager der Microsoft-Gegner anführt. Geplant ist ein völlig neuer Umgang mit Software: Computerprogramme sollen nicht mehr im Paket gekauft, sondern bei Bedarf im Internet genutzt werden.

"Das ist ein neues Leitmodell für ein neues Jahrtausend", sagte Marco Börries, der Star Division im Alter von 16 Jahren gegründet hat. Im klassischen Software-Markt konnte sein Programmpaket StarOffice nie zu einer ernsthaften Konkurrenz für Microsoft werden. Seit November vergangenen Jahres ist StarOffice für den privaten Gebrauch kostenlos - die größere Verbreitung der Software sollte Star Division mehr Gewinne im Geschäft mit Unternehmen einbringen. Jetzt aber kann StarOffice auch für den kommerziellen Einsatz kostenlos heruntergeladen werden ( www.sun.com/staroffice/ ). Darüber hinaus soll sogar der Quellcode freigegeben werden, damit interessierte Entwickler das Programm weiter verbessern können.

"Nachdem ich 15 Jahre unabhängig war, habe ich keine Probleme, mich diesem großartigen Team anzuschließen", sagte Börries, der jetzt Vizepräsident bei Sun ist. Sun sei das einzige Unternehmen der Informationstechnik mit der Vision, ganz neue Alternativen anzubieten. Statt umfassender Mammut-Software will Börries die Kerntechnik der Programme von ihrer Benutzeroberfläche abkoppeln, dem so genannten Interface. Der Software-Kern bleibt auf dem Server im Netz. Der Anwender kann darauf zugreifen, wenn er diese Funktionen benötigt. Auf dem eigenen Computer wird nur das Interface gespeichert, und das soll künftig nichts anderes sein als der Browser mit Unterstützung von Java und anderen offenen Standards wie der HTML-Erweiterung XML, die sich besonders gut für Tabellen und Datenbanken eignet. "Das Netzwerk ist der Computer", lautet der Slogan für dieses Modell.

Und was verspricht sich Sun Microsystems von der Übernahme der Star Division? Konzernchef Scott McNeally nannte den Support für den Einsatz von StarOffice im Unternehmen, fügte dann aber gleich mit Blick auf die geplante Netz-Software hinzu: "Das macht den Kauf von Servern nötig. Und das gefällt mir." Sun Microsystems ist zwar wegen seines Software-Projekts Java bekannt geworden, das Kerngeschäft wird aber mit leistungsstarken Servern erzielt.

Wenn Computerprogramme nicht mehr auf immer leistungsstärkeren Personalcomputern installiert werden müssen, wird Software gewissermaßen zum Strom im Computernetz. Ob die benötigte Software-Leistung nun vom PC oder mit einem kleinen Westentaschencomputer aus dem Netz geholt wird, spielt dann keine Rolle mehr. Ähnlich wie schon die E-Mail-Dienste im World Wide Web, die von jedem Computer mit Internet-Anschluss zu erreichen sind, sollen sich die Software-Anwendungen dann zu reinen Dienstleistungen entwickeln.

"Es geht auch um die globale Reichweite", sagte Börries. Zumindest in Deutschland aber stehen den geplanten Software-Tankstellen im Internet noch die hohen Telefonkosten entgegen. Nicht umsonst war bei der Präsentation der Firmenübernahme in New York auch eine Managerin der amerikanischen Telefonfirma AT&T dabei. Und so locker, wie man es von ihm kennt, sagte McNeally: "Das ist eine großartige Möglichkeit für die Telefongesellschaften, ihre Leitungen zu füllen."

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