Zeitung Heute : Firmengründung: Gründerwettbewerbe: Testlauf für die raue Unternehmerwirklichkeit

Harald Olkus

Wettbewerbe und Preise für Firmengründer und Start-Up-Unternehmen gibt es reichlich. Länder, Verbände, Banken und die Industrie loben sie in regelmäßigen Abständen zur Wirtschafts- und Innovationsförderung aus. Und auch das Interesse der Teilnehmer ist groß: Beim Innovationspreis und dem Businessplanwettbewerb werden bezüglich der Beteiligungszahlen jedes Jahr aufs Neue Rekorde eingestellt.

Das Niveau der verschiedenen Förderwettbewerbe allerdings ist höchst unterschiedlich: "Das geht vom Preisausschreiben bis zum inhaltlich anspruchsvollen Wettbewerb", sagt Florian Solzbacher, Marketingleiter des Berliner Sensoren-Herstellers First Sensor Technology. Die fünf Gründer der Firma haben vergangenes Jahr am Businessplan-Wettbewerb teilgenommen und sind gleich im Anschluss daran ins kalte Wasser des Unternehmertums gesprungen.

"Wir hatten den Wettbewerb zwar nicht gewonnen, aber das war auch nicht wichtig", sagt Solzbacher. Da sich insgesamt neun Preisträger das Preisgeld von 100 000 Mark teilen müssen, dürfte der Sieg einen eher symbolischen Wert haben. "Das Geld reicht ohnehin nur für eine Betriebsfeier oder ein paar Ikea-Möbel", sagt Solzbacher. Wichtiger seit vielmehr, dass alle Teilnehmer ein Schulungsprogramm durchlaufen und Kontakte zu Beratern und Geldgebern vermittelt bekommen. Man könnte den Businessplan-Wettbewerb also auch Ausbildungsprogramm nennen. "Aber das klingt nicht sehr attraktiv", sagt Andreas Bißendorf von der Investitionsbank Berlin.

Der Wettbewerb findet in diesem Jahr zum sechsten Mal statt und wird von der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin und Brandenburg sowie der Investitionsbank Berlin veranstaltet. Die meisten Teilnehmer sind Hochschulabsolventen und Wissenschaftler aus dem Technologiebereich, die sich mit einer Geschäftsidee selbstständig machen wollen. Viele von ihnen lassen sich nicht gerne sagen, dass sie Wissenslücken haben und noch einmal die Schulbank drücken müssen. "Aber die Hauptgründe für ein Scheitern neugegründeter Unternehmen sind mangelnde kaufmännische Kenntnisse", sagt Bißendorf.

Deshalb müssen die Firmengründer in spe in dem dreistufigen Wettbewerb ihren Geschäftsplan entwerfen. Dieser Plan beschreibt im Detail das unternehmerische Gesamtkonzept für eine Firmengründung. In ihm müssen das wirtschaftliche Umfeld, die gesetzten Ziele und die aufzuwendenden Mittel erfasst werden. Der Businessplan zwingt den Gründer, seine Geschäftsidee systematisch zu durchdenken, deckt Defizite im kaufmännischen Bereich auf, verlangt Entscheidungen und fördert daher ein strukturiertes Vorgehen. "Deshalb ist die Businessplan-Erstellung ein wichtiges Instrument bei der Gründung eines Unternehmens", sagt Bißendorf.

Die fünf Chefs der First Sensor Technology (FST) - ehemalige Mitarbeiter der Technischen Universität Berlin - hatten schon vor der Firmengründung an der TU mit Drittmitteln eine Fertigung von Sensoren aufgebaut, die unter hohen Drücken und Temperaturen arbeiten. Diese Sensoren sind eine Weltneuheit und können in der Automobilindustrie, der Luft- und Raumfahrt, der Verfahrenstechnik, aber auch in sogenannter Weissware, wie Kühlschränken, eingesetzt werden. Als zweites Geschäftsfeld produziert die FST Mikrodosiersysteme wie Tintendruckköpfe. "Wir hatten schon recht viel Erfahrung mit unseren Produkten, wussten aber weniger über Wirtschaft und Management", sagt Solzbacher.

Die drei Stufen des Wettbewerbs müssen nicht nur einen fertigen Businessplan ergeben, dieser wird auch in einer Art Testlauf unabhängigen Fachleuten vorgestellt. "Das war sehr wertvoll", sagt Solzbacher. Die Initiatoren des Businessplan-Wettbewerbs stellen den Gründern kostenlos Berater aus Investmentgesellschaften, Unternehmen oder Banken als "Coach" zur Verfügung, für die sonst hohe Tagessätze bezahlt werden müssen. Diese klopfen den Geschäftsplan auf Schwächen ab, sehen nach, ob Wichtiges fehlt und überprüfen die Geschäftsidee an sich. Die Wettbewerbsorganisation versucht auch - passend zugeschnitten auf die jeweilige Geschäftsidee - potenzielle Investoren auszusuchen, denen die Gründer ihren Geschäftsplan vorstellen können. "Diese Gesprächsplattform ist wie ein kleines Tutorium. Man lernt die Denkweise der Investoren kennen und die richtigen Fragen zu stellen", sagt Solzbacher. Die fünf Gründer der First Sensor Technology haben in diesem Forum auch ihren späteren Investor, die Deutsche Venture Capital Gesellschaft mbH (DVCG), gefunden, deren Beteiligung die notwendigen Investitionen ermöglichte. Neben dem Geld habe die DVCG auch viel Beratungsleistung in die Firma investiert.

Der Wert des Businessplan-Wettbewerbs als Kontaktbörse und Gesprächsplattform sei nicht zu unterschätzen, meint Solzbacher. Man trifft Gleichgesinnte, bekommt einen Überblick über deren Stand und lernt wichtige Berater und Kontaktpersonen kennen. Außerdem gibt der Wettbewerb ein Zeitraster vor, mit dem das künftige Unternehmen auf die Gründung vorbereitet wird. "Ein halbes Jahr nach dem Wettbewerb kann man dann durchstarten", meint der Marketingleiter. "Und das sollte man auch, denn manche sind ewig Gründer. Sie haben den richtigen Zeitpunkt einfach verpasst."

Im Oktober vergangenen Jahres haben die fünf Gründer der FST die Produktion in der "Amöbe" in Adlershof aufgenommen. "Mittlerweile sind wir schon 17 Mitarbeiter und suchen händeringend nach neuem Personal", sagt Solzbacher. Nicht alle Gründer erfüllen die von der Politik in sie gesetzten Erwartungen und schaffen so bald nach dem Start-Up relativ viele Arbeitsplätze. Eine Evaluierung des Businessplan-Wettbewerbs der Humboldt Universität ergab, dass etwa die Hälfte der Wettbewerbsteilnehmer tatsächlich gründen. 50 Prozent dieser Firmen wiederum stammen aus dem Bereich Zukunftstechnologien, die im allgemeinen rapide und nachhaltig wachsen, sagt Andreas Bißendorf von der IBB. "Der Wettbewerb ist eine Investition in die Zukunft. Und wenn nur eines der Unternehmen wirklich erfolgreich wird, dann ist schon viel geschafft."

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