Fischereiindustrie : Ein Haken ohne Haken

Sie laufen aus, um den begehrtesten Fisch der Welt zu holen, den großen Thunfisch – aber dann fangen sie auch viele Tiere, die noch zu klein sind, Schildkröten und Delfine. Der WWF ändert das jetzt, mit einer ganz schlichten Idee

Moritz Kleine-Brockhoff[Benoa Bali]

Und dann, nachdem er ein ganzes Jahr gezögert hatte, hat er ihn doch noch ausprobiert. Er war begeistert. „Ich wollte es ja nicht glauben“, sagt der Kapitän. „Aber die neuen Haken sind tatsächlich gut.“ Gut für den Kapitän im Hafen von Benoa, Bali, Indonesien. Und gut für die Weltmeere.

Die neuen Haken sind länger als die alten und am Ende gebogen. Wie ein „G“ sehen sie aus. Die alten sehen aus wie ein „J“. Der Kapitän hat sie geschenkt bekommen. Seit einiger Zeit sind da Fremde im Hafen unterwegs, Leute von der Tierschutzorganisation WWF (World Wildlife Fund for Nature), die diese Haken gratis verteilen. Versucht es, sagen sie. An diesen Haken verbeißt sich weniger Ungewolltes, weniger sogenannter Beifang.

Kapitän Laode Mongsidik ist 54 Jahre alt, seit 33 Jahren fährt er zur See. Seine Stirn ist sonnengebräunt, faltig und hart. Immer länger dauern seine Fahrten, sagt er, weil es immer länger dauert, bis er die fischreichen Gründe erreicht, und da ist die Konkurrenz dann groß. Die Statistik der Fischer von Benoa macht das deutlich: 14 000 Tonnen Thunfisch im Jahr 2004, nur 9600 Tonnen in 2007.

Zwei bis drei Monate lang ist Laode mit seinem Fischkutter, der „Samodra 39“, pro Jahr mittlerweile unterwegs, weit hinein in die internationalen Gewässer dringt er vor. Auf hoher See wirft er dann eine kilometerlange Leine mit Pappbojen von Bord. An der langen Leine hängen alle paar Meter kürzere Leinen, die in die Tiefe sinken, weil an ihren Enden Haken und als Köder kleine Sardinen baumeln.

„Mein Chef will große Thunfische. Also bringe ich ihm große Thunfische“, sagt Laode. Deshalb und weil sein Laderaum nicht sehr groß ist, schmeißt er fast alles zurück ins Meer, was sonst noch anbeißt: kleine Fische, Haie, Schildkröten, Delfine. Was soll er damit auch anfangen? Nur die Thunfische bringen großes Geld. Der Rest, der Beifang, ist Müll.

Mit dem neuen Haken fängt Laode nun fast nur noch Thunfisch und kaum noch Schildkröten, die besonders lästig sind, weil sie so viel Platz wegnehmen. Selbst die größte, die Lederschildkröte, hat für den geschwungenen Haken ein zu kleines Maul. Das ist gut, weil die Lederschildkröte, die seit 90 Millionen Jahren existiert, vom Aussterben bedroht ist. Ihr Bestand ist in den vergangenen 20 Jahren um 98 Prozent gesunken, im Pazifik gibt es nur noch etwa 2500 Weibchen. Kapitän Laode also sagt über den neuen Haken: „Den sollten alle benutzen.“

Egal, ob sie mit Leinen und Haken, mit Netzen oder mit Käfigen arbeiten – alle Fischer der Welt holen Beifang mit nach oben und schmeißen ihn meist zurück ins Meer. Niemand hat genaue Zahlen. Der WWF schätzt, dass der Beifang zehn bis 30 Prozent des globalen Fischfangs ausmacht. Das entspräche bis zu 30 Millionen Tonnen, die jährlich nutzlos gefischt werden. Ein Viertel dieser Fische ist schon tot, wenn sie an Bord kommen. Von denen, die lebendig zurück ins Meer geworfen werden, sterben später viele, weil sie verletzt sind oder den Haken verschluckt haben.

„Beifang ist keine Kleinigkeit, sondern eine der größten Bedrohungen des maritimen Ökosystems. Millionen Fische sterben sinnlos, Bestände schrumpfen, Arten sterben aus“, sagt die WWF-Tierschützerin Lida Pet Soede, eine energische blonde Niederländerin, die sich im Projekt engagiert. „Der neue Haken, wir nennen ihn Rundhaken, hilft Schildkröten und auch kleineren Fischen“, sagt Lida Pet Soede. Er sei zu groß für kleine Mäuler – und kleine Fische wachsen zu lassen, das helfe dem Bestand und damit auch der Fischindustrie.

Denn der Fischfang, das große, globale Geschäft, hat auch große Probleme. Die Thunfische, die jährlich gefangen werden, haben einen Marktwert von mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Aber neun von 23 Thunfischarten gelten bereits als gefährdet. Und die Nachfrage steigt weiter.

Allein in Indonesien, der großen Thunfischnation, sind 500 000 Boote unterwegs, die Jahr für Jahr mindestens vier Millionen Tonnen Fisch an Land bringen. Aber die Behörden sind mit der Regulierung überfordert, auch weil es oft an Gesetzen fehlt. So gibt es in Indonesien zum Beispiel keines, das eine Mindestgröße der gefangenen Fische vorschreibt oder eine Mindestgröße der Netzmaschen. Und die Gesetze, die es gibt – zum Beispiel die nationale Fischfangquote –, werden von vielen Fischern ignoriert.

„Unsere Küstenwache hat nur zehn Patrouillenboote“, sagt Priyanto Rahardjo, Wissenschaftler im Fischereiministerium, er klingt verlegen. Und diese zehn Boote sollen das größte Archipel der Welt kontrollieren: 5000 Kilometer von Ost nach West, 17 000 Inseln. „Wir haben nicht die Möglichkeiten, überall nachzuschauen.“ Und die hohe Nachfrage aus Japan führt dazu, dass immer mehr unregistrierte Schiffe in See stechen.

Das Hauptproblem sind aber nicht die Fischer – das Hauptproblem sind die Verbraucher. Lida Pet Soede vom WWF sagt, dass „Verbraucherdruck hilfreich“ wäre. Die Menschen sollten nach Fisch fragen, der „nachhaltig gefischt“ worden sei, und den angemessenen Preis zahlen. Sie hat geholfen, den niederländischen Fischgroßhändler Anova für eine Zusammenarbeit mit dem WWF zu gewinnen. Die Anova handelt jährlich weltweit mit 90 000 Tonnen Fisch, in Deutschland sind Aldi, Deutsche See und Metro die größten Kunden. Und zu den Häfen, in denen die Anova einkauft, gehört auch Benoa.

Bas Zaunbrecher steht in Kittel, Gummistiefeln, Haube, Mundschutz und Handschuhen in einer großen Halle am Hafen, in der bei vier Grad in wenigen Minuten aus einem ganzen Thunfisch viele Steaks, Würfel und Streifen werden. Vermummte Frauen säubern und pulen, sie hacken und schnibbeln, wiegen, verpacken und markieren. „100 Prozent Delfine sicher“ steht auf einem Karton. Zaunbrecher begutachtet die Fischverarbeitung für Anova. „Vor ein paar Jahren begannen unsere Kunden zu fragen, wo der Fisch herkommt und wie er gefangen wird“, sagt er. Seitdem sei viel passiert. „Heute haben wir auf unseren Packungen Kennzeichnungen und können nachvollziehen, von welchem Boot der Fisch stammt, an welchem Tag er wie gefangen wurde, wann er wo verarbeitet und wie lange er transportiert wurde.“ Auch viele Supermärkte verlangten diese Informationen. Gerade seien für Anova Fischer mit den neuen Rundhaken rausgefahren. „Wenn die Fänge ordentlich ausfallen, wollen wir, dass unsere Zulieferer komplett umrüsten“, verspricht Zaunbrecher.

Draußen vor einem Holzsteg liegen Dutzende Boote, die bald auslaufen. Junge Männer schleppen Wassermelonen, Kokosnüsse und Kartons mit Ködern an Deck. Vor der „Restu Segara 33“, einem alten Holzkutter, wirft ein kräftiger Mann in Gummistiefeln dampfende Eisstangen in den Schlund einer knatternden Raspelmaschine. Über eine Plastikrutsche gleitet das geschredderte Eis in den Laderaum des Kutters, wo es später den Fang kühlen soll.

Ein paar Meter weiter liegt die „Parisudha 815“, die eben erst nach zwei Monaten auf See wieder eingelaufen ist. „Schlechtes Wetter. Zu viel Sprit verbraucht“, grummelt Kapitän Subadri, „vier Tonnen gefangen. Ich wollte fünf.“

Subadri meint Thunfisch, „Big Eye Tuna“, dicke, schwere Tiere, einen guten Meter lang und mit großen Augen. Die besten mit dem dunkelsten Fleisch werden innerhalb von Stunden per Flugzeug nach Japan verfrachtet und sofort auf Märkten versteigert. Der wertvollste Thunfisch aller Zeiten, ein Blauflossen- Exemplar, hat in Tokio 173 600 US-Dollar eingebracht. Diese Art ist längst weltweit überfischt, deshalb wird der Großaugen-Thun immer wertvoller.

Subradis Mannschaft hievt den Fang aus dem Kühlraum. Die Augen der toten Fische starren leer, ihre silbernen Bäuche glitzern in der Tropensonne. „Beifang? Wie immer jede Menge“, seufzt Kapitän Subradi, „außer ein paar Schwertfischen haben wir nichts davon mitgebracht.“

Subradi will es Kapitän Laode nachmachen und den neuen Haken ausprobieren. Imam Zainudin freut das. Der junge WWF-Tierschützer läuft im Hafen herum und versucht, Kapitäne vom neuen Haken zu überzeugen. Er weiß, dass er viel verlangt. „Es kostet 30 000 Dollar, ein Boot mit Sprit, Vorräten und Ködern vollzupacken“, sagt Imam. „Diese Kosten muss der Fang unbedingt decken. Da macht man ungern Haken-Experimente.“

Vor einem Jahr ist der erste Kutter mit den Rundhaken ausgelaufen. „Wir haben die eine Hälfte der Leine mit alten J-Haken und die andere mit den neuen Rundhaken besetzt“, erinnert sich Imam. Dann hat er gebetet. Und Gott hat ihn gehört: 80 große Thunfische hingen an den neuen Haken, nur 46 an den alten, wo auch 13 Schildkröten angebissen hatten. Mittlerweile hat Imam 18 der 780 Kapitäne in Benoa dazu bewegt, auf den neuen Haken umzusteigen. Das war nicht leicht. Weil der Rundhaken größer ist, muss auch der Köder größer sein. Und das kostet Geld.

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