Zeitung Heute : Fischers Buchmessen

„Es ist vorbei. Es ist zu Ende. Punkt.“ Joschka ist wieder da – und verneint in diesen Tagen unaufhörlich, dass er zurück ist

Hans Monath Axel Vornbäumen

Da ist sie wieder, die knarzige Stimme aus dem Off, die irgendwie vertraut klingt: „Den Tisch dürft ihr nicht abbauen“, mahnt sie die drängelnden Kameraleute und Mikrofonhalter, die so wild um die besten Bilder und Töne kämpfen wie in den bewegten Zeiten der Irakdebatte oder der Visaaffäre.

Es geht an diesem Vormittag im lichten Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften um die Vorstellung des Buches „Die rot-grünen Jahre. Deutsche Außenpolitik – vom Kosovo bis zum 11. September“ – angeblich. Tatsächlich aber geht es um viel mehr: Joschka Fischer meldet sich zurück, nach einem Jahr des Dozierens an einer amerikanischen Eliteuniversität.

Nur – zurück als was? Als aktiver Kämpfer auf politischem Parkett? Der frühere Außenminister löst mediale Erregungswellen von solcher Heftigkeit aus, dass er ganz handfest den kleinen Tisch gegen den Andrang verteidigen muss, an dem er sein neuestes Werk aufstellen will. Vom düsteren Cover schaut er da, ganz Fischer, mit verhangenem Blick auf den Betrachter – irgendwo zwischen sehr müde und sehr weltweise.

Womöglich ist es doch so, dass sich das politische Publikum nach zwei Jahren großer Koalition mit glanzlosen Protagonisten wieder ein bisschen nach Analysekraft und Unterhaltungswert des Vollblutpolitikers Fischer sehnt. Mit Fischer ist schließlich einer zurück, der als begnadeter Debattenredner keinem Kampf aus dem Weg ging. So viele davon sind derzeit auch nicht im Angebot. Vielleicht hat auch deshalb der „Spiegel“ den Memoirenband des „letzten Live-Rock-’n’-Rollers der deutschen Politik“ (Fischer über Fischer) auf den Titel gehoben, hat der „Stern“ ein großes Interview mit ihm hinterhergeschoben.

Doch da gibt es auch den Verdacht, der an diesem Vormittag durch den Raum zieht: Kann einer wie Fischer, dieses „political animal“, überhaupt lassen von der ganz großen Bühne? „Es ist nicht mein Sinnen und mein Trachten, mich in die aktuelle Politik einzumischen“, versichert er, keine Sorge. Nur: Klar sei aber auch, „dass ich nicht in den Trappistenorden eingetreten bin“. Anders als Fischer zeichnen sich die Trappisten als Mönche aus, die ein Schweigegelübde abgelegt haben.

Vor allem für Fischers Partei, für die Grünen, ist der Zeitpunkt der Buchvorstellung brisant: Eben erst hat sich ein Sonderparteitag strikt gegen den Einsatz deutscher Tornados in Afghanistan ausgesprochen und damit den gesamten Bundeswehr-Einsatz infrage gestellt. Die Führungskrise der Grünen ist ungelöst, die Basis drängt zurück zu moralischen Gewissheiten der Opposition. Schweigend hinnehmen, trappistengleich, will der frühere Leitwolf der Partei das nicht. „Man bezahlt einen hohen Preis, wenn man sich in Richtung Illusionen verabschiedet“, hat er in einem Interview gewarnt und den Grünen vorausgesagt: „Das wird eine schwere Zeit.“

Doch bei der Buchvorstellung gibt er sich milde. Die These, er rechne in dem Werk mit seinen Gegnern ab, verstimmt ihn: „Unter Abrechnung verstehe ich etwas ganz anderes, das ist keine Abrechnung.“ Dabei wurmt es den Memoirenschreiber, dass die Grünen heute mehrheitlich sein Erbe in den Wind schlagen und dem Basisvertreter Robert Zion folgen. Der will mit dem „System Fischer“ aufräumen, ordnet die Welt von Gelsenkirchen aus und erklärt dem afghanischen Außenminister hochfahrend, dass die Afghanen doch ohne Antiterrorkampf besser dran wären. Aber nachdem Fischer in Interviews deutlich vor Eskapismus gewarnt hat, schont er nun die Grünen auffällig. „Ich wähle meine Partei, ich habe noch nie ’ne andre gewählt“, versichert er. In kleinem Kreis hat er freilich geklagt, er habe schon die letzten Parteitage kaum noch ausgehalten: „Ich schlage drei Kreuze, dass ich mir das nicht mehr antun muss.“

Für Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat der Autor neben kritischen Anmerkungen zu dessen Russland- und Chinapolitik viel Lob parat („ein Fels in der Brandung“). Freilich hadert er auch nach zehn Jahren noch mit dem legendären „Koch und Kellner“-Vergleich, mit dem Schröder schon vor der Regierungsbildung die Machtverhältnisse zwischen ihm und den Grünen klarstellen wollte. „Es war eine Freude, für Gerhard Schröder zu kellnern, solange das Zeug nicht angebrannt war.“

Zum x-ten Mal versichert Fischer, dass er nicht als Akteur in die politische Arena zurück will: „Es ist vorbei. Es ist zu Ende. Punkt.“ Und klappt wie zur Bekräftigung seinen Collegeblock zu. Nicht als Akteur, aber doch als manchmal beißend scharfer Kommentator, als Mitspieler im Kampf um Meinungen. Der erste Band der Memoiren reicht gerade mal bis zum 11. September 2001. Vier weitere rot- grüne Jahre, die Irakkrise und der Streit um die Agenda-Politik, liegen da noch vor ihm. Er freue sich schon auf den zweiten Band, sagt der Autor. Da gehe es dann gleich deftig los.

Eine ganze Reihe von Terminen nutzt Fischer dieser Tage, um in aller Öffentlichkeit als Player aufzutreten, als routiniert mäßig gelaunter Schausteller in eigener Sache. Der „Spiegel“ widmet ihm nicht nur den Titel, sondern druckt Auszüge aus seinem Buch sowie ein Interview und eine einordnende Geschichte.

Lebensbeichten? Na ja, das nicht. Aber Erklärungsversuche seiner selbst, in jenen Zeiten eines Epochenbruchs nicht anders gekonnt zu haben. Epochenbruch! So hat er das wahrgenommen. Nicht Rot-Grün an sich. Aber die Zeit, in der Rot-Grün zugange war. Epochenbruch! Darunter macht er es nicht, hat er nie gemacht. Nicht alles ist überraschend, aber einiges ergänzend zum Bild des Fischers, der sich so oft neu erfunden haben soll. Nun ist es die Erklärung für seine wohl wichtigsten Jahre geworden. Rot-Grün war wichtig, weil Macht ihm wichtig war. Er muss sich nicht verbiegen, um das zuzugeben. Hat er nie gemusst.

Am Mittwochabend, in der Komischen Oper in Berlin, gibt er, der Titelheld der Woche, den Laudator auf den „Spiegel“, der am Tag der Deutschen Einheit als „Institution der Republik“ mit der Quadriga ausgezeichnet wird, was ein zeitlicher Zufall ist – und trotzdem eine etwas merkwürdige Konstellation. Ein schmaler Pfad nur führt da an dem Umstand vorbei, dass sich der politisch-publizistische Komplex aufs artigste selbst beweihräuchert. Fischer geht ihn mit Anstand. So was kann er. Noch kurz vor seinem Auftritt nestelt er an seinem Redemanuskript rum, ohne ein Auge zu haben für die Trapezkünstlerin, die im Rahmenprogramm direkt vor ihm unter der Decke hängt. Nicht seine Welt, so etwas.

Seine Welt ist die intellektuelle Auseinandersetzung, das Hamburger Magazin war ihm da immer recht. Dem „Spiegel“ attestiert er, ganz Laudator, nur Gutes – solange es mit der Person von Rudolf Augstein verknüpft ist. Dessen Wort vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ greift er auf und lässt es uneingeschränkt gelten, bis zu jenen Apo-Jahren von 67 und 68, als andere diese Funktion übernahmen. Fischers Welt war das. Und immer noch sind diese Jahre von der Wahrnehmung seiner selbst in rot-grünen Jahren nicht zu trennen. Das „Sturmgeschütz der Demokratie“ ist bisweilen auch auf ihn selbst angelegt worden – „ich weiß nur zu gut, worüber ich hier rede“, sagt er. Er weiß indes auch, dass diese Schüsse ihn geadelt haben.

In der Komischen Oper rockt zum Abschluss der Quadriga-Verleihung Bryan Ferry, was schon deshalb eine gute Idee ist, weil man erkennen kann, wie viele Liverocker der Politik in den tiefen Sesseln in der ersten Reihe so mitwippen. Ferry ist mit 62 drei Jahre älter als Joschka Fischer, vier Jahre älter als Kurt Beck. In den 70ern war Ferry mal Avantgarde. Ende der 80er hatte er den Hit „Let’s stick together“. Beck wippt nicht, als Ferry singt. Fischer schon. Wahrscheinlich hat Beck noch nie was von Ferry gehört hat. Bitte, das kann man Fischer jedenfalls nicht vorwerfen.

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