Zeitung Heute : Fit durch positive Gefühle

Wer bis zum Rentenalter arbeitsfähig bleiben will, muss für seine Gesundheit mehr Verantwortung übernehmen

Regina-C. Henkel

Deutschland gilt als Land der Miesepeter und Miesepetras. Dabei steigert Lachen „nicht nur die Kreativität, sondern ist auch noch gesund. Es regt Blutkreislauf, Atmung und Nervensystem an.“ Das sagt Manfred Bölk, Mediziner und Regisseur der WDR-Doku-Soap „Lachakademie“ und begründet: „Lachen baut das Stresshormon Cortisol ab und schüttet stattdessen Endorphine, also Glückhormone aus.“

Wer fit und gut gelaunt bis zum Renteneintrittsalter von 65 Jahren – und darüber hinaus – durchhalten will, muss etwas für seine Fitness tun. Das predigt Wildor Hollmann, legendärer Nestor der Sportmedizin und langjähriger Chef der Sporthochschule Köln, seit 50 Jahren. Also werden abends zu Hause auf dem Ergometer Kilometer abgestrampelt, Fitness-Center besucht und in bundesweit inzwischen mehr als 100 Lachclubs nach Kräften Endorphine produziert. Und die Arbeitgeber freuen sich über die Diät-Kurse und Rückenschulen, die von den gesetzlichen Krankenkassen angeboten werden. Aber im Grunde wissen sie, dass das nicht reicht.

Weniger Fürsorge und Risikoabsicherung durch den Staat, dafür mehr Eigenverantwortung für den Einzelnen, hat neben der körperlichen eben auch eine mentale Dimension. Immer mehr Erwerbstätige scheinen das so zu sehen, denn Personaltrainer, Coaches und Berufsberater haben volle Auftragsbücher. Und die Tipps eines Ulrich Strunz, der mit 3,2 Millionen verkauften Büchern als deutscher Fitness-Papst gehandelt wird, werden regelrecht aufgesogen. Immerhin begann Strunz erst im Alter von 45 Jahren Marathon zu laufen und ist heute mit 59 Jahren stolz darauf, kein überflüssiges Gramm Fett am Körper zu haben. Für den promovierten Mediziner gibt es auf Fragen zur körperlichen und geistigen Gesundheit nur eine einzige Antwort: „Bewegung - Ernährung - Denken.“

Schön gesagt von einem Bestseller-Autor mit großer Fachpraxis, der seinen Terminkalender nach eigenen Prioritäten füllen kann. Die meisten abhängig Beschäftigten können von täglichem Training für die Teilnahme an jährlich mehreren Marathon- und Triathlon-Wettbewerben allenfalls träumen.

Immerhin: Mit rund 27 Millionen Mitgliedschaften in über 87 000 Turn- und Sportvereinen zählt der Deutsche Sportbund deutlich mehr Mitglieder als der ADAC (etwa 14,4 Millionen). Aber besonders gesund sind die Deutschen deshalb trotzdem nicht. Zwei Drittel der Bevölkerung hierzulande gelten als übergewichtig. Dabei steigt das Zuviel an Pfunden mit dem Alter: Sind von den 18- bis 24jährigen „nur“ etwa 20 Prozent übergewichtig, gehören von den 55- bis 64jährigen zwischen 70 und 80 Prozent in diese Kategorie. Die Kosten für die Begleit- und Folgekrankheiten liegen im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich – und werden (noch) von den Krankenkassen bezahlt.

Der individuelle Preis freilich ist höher: Laut Gesundheitsreport 2003 der Deutschen Angestellten Krankenkasse wird jeder vierte Deutsche von Rückenschmerzen geplagt. Bei den 55- bis 65-Jährigen liegt die Quote sogar bei 60 Prozent. Dass die Krankschreibungen unter den Mitgliedern der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland im ersten Halbjahr 2003 einen Tiefststand von 3,66 Prozent erreicht haben, erklärt die „Apotheken Umschau“ vor allem damit, „dass viele Berufstätige derzeit um ihren Arbeitsplatz bangen.“

So werden psychische Probleme heute oft lieber einem unabhängigen Mobbing-Berater vorgetragen als dem Hausarzt. Eine Ingenieurin, die sich dem gestiegenen Arbeitsdruck und dem rauheren Betriebsklima im Job nicht mehr gewachsen fühlt, begründet: „Da bekomme ich Handlungsanleitungen und nicht nur Medikamente.“

Gerald Wood, Geschäftsführer der Gallup GmbH Deutschland, kennt indes noch eine ganz andere Möglichkeit, etwas für seine Gesundheit zu tun. Seine Empfehlung lautet: „Suchen Sie sich einen Arbeitsplatz, der Ihrer Persönlichkeit entspricht.“ In einer Langzeitstudie über 25 Jahre hat das amerikanische Beratungsunternehmen Gallup nämlich einen Zusammenhang zwischen emotionaler Bindung an den Arbeitsplatz und Gesundheit herausgefunden: Wer sich in seinem Job wohl fühlt, ist pro Jahr sechs Tage weniger arbeitsunfähig als diejenigen, die zu ihrem Arbeitsplatz keine positive Beziehung aufbauen konnten. Das Schöne daran: Auch die Firmenleitung hat allen Grund zur Freude. Laut Gallup-Studie sind Mitarbeiter, die ihr Management als gut bezeichnen, deutlich produktiver als ihre Kollegen ohne positive Gefühle für ihre Chefs. Wood hält dabei für besonders erwähnenswert, dass diese zusätzliche Produktivität „völlig unabhängig vom Alter“ ist. Der von Fitness-Papst Strunz kreierte Begriff „Frohmedizin“ scheint also durchaus eine gewisse Berechtigung zu haben. Vorsichtshalber referiert Gerald Wood am 12. November aber auch im Forum „Betriebliches Gesundheitsmanagement“, veranstaltet vom Fraunhofer IAO in Stuttgart.

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