Zeitung Heute : Fit für den Überlebenskampf

In der „Strategieschule“ lernen angehende Berater Boston Consulting kennen. Teamgeist ist gefragt

Alexander Visser

„Sagen sie das nicht mir, sondern ihren Teamkollegen“, fordert Alexander Hombach den jungen Mann auf, der gerade über die Wertschöpfungskette der Internetwirtschaft referiert. Wie vielen anderen Teilnehmern an dem Rekrutierungskurs der Boston Consulting Group fällt es ihm nicht leicht, sich auf Anhieb in die verordnete Teamarbeit einzufinden. Statt zu seiner Gruppe spricht er zu Boston-Berater Hombach, als ob der Noten zu verteilen hätte. Dabei sollen die Studenten, Hochschulabsolventen und Berufseinsteiger an diesem Wochenende keine Noten bekommen, sondern Einblick in den Berateralltag. Und der, betonen die Boston-Ausbilder immer wieder, ist Team-Job.

Von 1000 Bewerbern hat BCG 65 in den Backstein-Hinterhof nahe dem Hackeschen Markt eingeladen, in der die Gruppe ihren Berliner Sitz hat. Die Teilnehmer haben in ihren Bewerbungsmappen relevante Praktika, Auslandserfahrung und Spitzennoten nachgewiesen. Manch einer erwartet jetzt ein Prüfverfahren, in dem die Eignung der Teilnehmer getestet wird. Doch die Berater beteuern: Bei der „Strategy School“, sollen die Geladenen vor allem die BCG kennenlernen. „Es ist nicht ganz leicht, den Teilnehmern zu vermitteln, dass wir hier keine geheimen Aufzeichnungen über sie machen“, sagt Martin Koehler, der sich selbst als Fossil bezeichnet. 18 Jahre schon arbeitet der schwäbische Maschinenbauer für Boston Consulting.

Die 1963 in den USA gegründete Beratungsgesellschaft hat heute weltweit 60 Büros und 2600 Berater. In Deutschland unterhält die Gruppe sieben Büros und liegt nach der Branchenanalyse der Firma Lünendonk beim Umsatz nach McKinsey und Roland Berger an dritter Stelle. Boston ist spezialisiert auf Strategieberatung für Großunternehmen und entwickelt mit ihnen langfristige Visionen und Ziele. Folgerichtig beginnt das Wochenende mit der Frage: Was ist Strategie? Für Koehler nicht so sehr der Plan zum militärischen Sieg: „Das erfolgreiche Verhalten einer Spezies im Überlebenskampf der Evolution ist eine passendere Vorstellung.“

Für den Rest des Tages hören die Teilnehmer Experternvorträge, die die Wettbewerbssitutation bei Flughäfen, Versicherungen, der Autobranche und der Internetwirtschaft erläutern. Die Fachvorträge bereiten auf den nächsten Tag vor, dann sollen die Teilnehmer in mehreren Teams Managementstrategien für fiktive Kunden aus der gewählten Branche entwickeln. „Wir wollen den Teilnehmern einen möglichst realistischen Eindruck von unserer Arbeitsweise vermitteln“, sagt Berater Hombach, der die Internet-Gruppe begleitet. In kürzester Zeit müssen sich die Teilnehmer durch einen Stapel mehr und weniger wichtiger Unternehmensmeldungen und Statistiken kämpfen, um die Wettbewerbssituation des Kunden zu analysieren. Am Ende steht eine Präsentation vor den anderen Teilnehmern.

Martin Janker* hat Gefallen an dem Beraterjob gefunden, ihn reizt die „extrem steile Lernkurve“ die ihm Boston Consulting biete. Der 27-jährige Chemie-Ingenieur, Abteilungsleiter einer Pharmafirma, denkt über einen Wechsel in die Beraterbranche nach. Quereinsteiger mit drei bis fünf Jahren sind hier begehrt. Mit ihrer Erfahrung können sie Kunden oft eher überzeugen, als frische Hochschulabsolventen

Ein knappes Drittel der Geladenen sind Frauen. Die 25-jährige Politikwissenschaftlerin Mareike Schröder* zieht für sich ein positives Fazit. „Die meisten Teilnehmer waren natürlich Betriebswirte und Ingenieure, aber ich hatte den Eindruck, dass ich auch als Sozialwissenschaftlerin eine Chance bekomme“, sagt sie. Zunächst will sie ihre Promotion abschließen. Ob sie sich dann bei Boston bewirbt, weiß sie noch nicht. Falls ja, steht ihr ein Gesprächsmarathon bevor: Auf jeden Bewerber warten sechs intensive Interviews mit Beratern.

*Namen geändert.

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