Zeitung Heute : Fit fürs Leben

Bisher drückten Ergotherapeuten nur die Schulbank. Doch seit kurzem entstehen auch erste Studiengänge

Grit Thönnissen

In Monika Tietz Praxis steht ein voll ausgestatteter Kaufmannsladen für Kinder. Aber nicht etwa im Wartezimmer, um den kleinen Patienten die Zeit zu vertreiben. Das hölzerne Gestell mit den bunten Lebensmittelverpackungen, dem Obst und Gemüse aus Plastik ist Teil der Behandlung. Monika Tietz ist Ergotherapeutin und kümmert sich vor allem um Kinder. Obwohl der Beruf noch verhältnismäßig jung ist – die ersten Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten gab es in Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – befindet sich die Ausbildung bereits im Umbruch. Ein Trend zur Akademisierung hat eingesetzt, und auch die berufliche Weiterbildung soll in Zukunft mehr und mehr an Universitäten stattfinden.

„Ganz allgemein geht es in der Ergotherapie darum, Selbstständigkeit und Handlungskompetenz zu fördern“, sagt Monika Tietz. Oft kommen ihre kleinen Patienten zu ihr, nachdem im Kindergarten oder vom Arzt Defizite in der Entwicklung festgestellt wurden: Das Kind läuft nicht oder kann sich nur eingeschränkt bewegen. Es kann mit vier Jahren noch nicht sprechen oder ist hyperaktiv. Gerade für Kinder, die nicht einen Moment still stehen können, ist der Kaufmannsladen ein einfaches, aber wirkungsvolles Instrument, um sich zwischen den bunten Regalen auf ein paar Handlungsanweisungen zu konzentrieren. Wenn die Ergotherapeutin für einen Apfelkuchen die Zutaten bei ihrem kleinen Patienten einkauft, kann sie schnell feststellen, wie es um die soziale Entwicklung, die Kommunikationsfähigkeit oder die Bewegungsabläufe bestellt ist.

Neben der Arbeit mit Kindern sind Neurologie, Psychiatrie, Orthopädie und Geriatrie wichtige Arbeitsfelder für Ergotherapeuten. So gibt es auch in der Praxis von Monika Tietz zwei weitere Therapeuten, die sich um erwachsene Patienten kümmern. Viele von ihnen müssen nach einem Schlaganfall oder einer Schädel-Hirn-Verletzung wieder ganz alltägliche Dinge lernen, wie sich ein Brot zu schmieren, oder eine Tasse zu greifen. Doch auch wenn die Therapie sehr praxisorientiert ist, kommt es nicht nur darauf an, Körperteile wieder funktionstüchtig zu machen. So lautet die Maxime des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten (DVE): „Es geht es nicht um die mechanische Wiederherstellung körperlicher, geistiger oder psychischer Funktionen, sondern darum, dass der Mensch die verschiedenen Rollen und die damit verbundenen Aufgaben in seinem Leben wieder bestmöglich einnehmen kann.“

Waren es lange Zeit nur Fachschulen, die zum Ergotherapeuten ausbildeten, wird das Berufsbild jetzt zunehmend wissenschaftlicher geprägt. Inzwischen gibt es vier Professuren an deutschen Universitäten und Fachhochschulen, die Forschung wird zunehmend wichtiger. „Auch, um gegenüber den Krankenkassen den Beweis antreten zu können, dass Ergotherapie wirklich hilft“, begründet Monika Tietz, Mitglied im DVE die Weiterentwicklung des Berufsbildes.

Seit gut fünf Jahren gibt es Diplom- und Bachelorstudiengänge im Bereich Ergotherapie in Deutschland – an vier staatlichen und drei privaten Fachhochschulen. Und auch erste weiterbildende Masterstudiengänge entstehen, zum Beispiel an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Dort kann man seit dem vergangenen Wintersemester – aufbauend auf einen Bachelor – einen Mastertitel in Ergotherapie erwerben. Neben der beruflichen Arbeit als Ergotherapeut soll das Studium auch auf eine Forschungstätigkeit an Hochschulen oder Einrichtungen des Gesundheitswesens vorbereiten. Das Programm findet berufsbegleitend statt und dauert insgesamt fünf Semester.

Einen Bachelor-Studiengang „Ergotherapie und Physiotherapie“ bietet die Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) in Berlin an. Auch hier hält man eine Vertiefung und Ergänzung der herkömmlichen Ausbildung an den Berufsfachschulen für unerlässlich – auch, um den Anschluss an das im europäischen Ausland übliche Ausbildungsniveau nicht zu verlieren. Das Angebot richtet sich zwar in erster Linie an die Schüler von vier mit der ASFH kooperierenden Berufsfachschulen (siehe Kasten). Ein Einstieg in die zweite Studienphase ist aber auch für externe, berufserfahrene Ergo- und Physiotherapeuten möglich, die ihr Wissen auf Hochschulniveau erweitern wollen.

Der Bedarf an gut qualifizierten Ergotherapeuten wird laut Monika Tietz in den nächsten Jahren sogar noch steigen, vor allem in der Altenpflege. Die Patienten der Zukunft seien die Alten, die lange selbstständig bleiben und in ihren eigenen vier Wänden leben wollen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben