Zeitung Heute : Flachs, Hanf und Holz

Berliner Wissenschaftler dämmen Gebäude mit Hilfe nachwachsender Rohstoffe. Das ist nicht nur ökologisch wertvoll, sondern auch praktisch

Heiko Schwarzburger

Energie wird immer teurer, dieser Trend dürfte in den kommenden Jahrzehnten anhalten. Deshalb gewinnt auch die Wärmedämmung von Altbauten zunehmend an Bedeutung, denn die meiste Energie in einem Wohnhaus geht – zumindest in unseren Breiten – in die Heizung.

Herkömmliche Dämmsysteme aus Mineralwolle und Styropor versprechen zwar, den Energieverlust durch die Gebäudehülle zu senken. Doch sie machen eine Milchmädchenrechnung auf: Mineralwolle kostet in der Herstellung enorme Energie und Styropor wird aus Erdöl gewonnen, dessen Preise auf dem Weltmarkt derzeit nach oben schießen. „Außerdem lassen sich diese Wärmedämmverbundsysteme nur schwer wiederverwenden“, sagt Hans-Volker Huth, Professor am Fachbereich Berufsakademie der Fachhochschule für Wirtschaft.

Huth ist Experte für umweltbewusstes Bauen. Gemeinsam mit Partnern vom Institut für industrielle Bauproduktion der Universität in Karlsruhe und aus der Wirtschaft hat er mit seinem Team ein System entwickelt, in dem die Gebäudedämmung ausschließlich durch nachwachsende Rohstoffe erfolgt. „Das sind Dämmsysteme aus Holz, Flachs, Hanf oder Chinaschilf“, nennt er einige Beispiele. „Wir nutzen auch Schütt- und Einblasdämmstoffe, die beispielsweise aus Roggen und Altpapier hergestellt werden.“ Vor die Dämmung wird eine aus Holzwerkstoffen hergestellte hinterlüftete Bekleidung gesetzt, die vielfältige Möglichkeiten der Fassadengestaltung in sich birgt.

Die Forschergruppe, die von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit einer Viertelmillion Euro unterstützt wird, hat ein komplettes System entwickelt, das unter ausschließlicher Verwendung natürlicher Dämmstoffe außerhalb der Baustelle vorgefertigt und anschließend montiert wird. „Auch das ist eine Neuheit“, erläutert Hans-Volker Huth. „Der Architekt vermisst die Fassade mit Hilfe von Lasergeräten. Diese Daten gehen direkt in ein Computermodell, mit dem sich die einzelnen Elemente der Wanddämmung und der Holzbekleidung schnell und genau konstruieren lassen. Diese Konstruktionsmaße gehen auf elektronischem Wege direkt zur Maschine, auf der die Bauteile vorgefertigt werden.“

Mit üblichen Dämmsystemen auf der Basis von Mineralwolleplatten und Putzen ist dies nicht möglich, Vorfertigung außerhalb der Baustelle scheidet weitgehend aus. Außerdem können die Putze unterhalb von fünf Grad Celsius nicht mehr verarbeitet werden, bei Minusgraden ruht der Bau ohnehin. „Unser System ist von der Außentemperatur unabhängig, weil die Dämmmodule und die vorgehängte Fassadenbekleidung an der Hauswand nur noch montiert werden. Die Module sind leicht, handlich und schnell montiert.“ Anschließend wird eine Vorsatzschale, in der Regel aus Lärchenholz, vorgehängt. In diese Bekleidung lassen sich beispielsweise auch Solarzellen oder andere Fassadenelemente integrieren. „Eine Putzfassade wirkt nach wenigen Jahren wieder alt und grau und neigt bei ungünstigen Umständen zur Veralgung“, meint Huth. „Die Holzfassade hingegen kann farblich gestaltet oder beschichtet werden.“

Das Projekt läuft seit Herbst 2003. Bisher entstand die Internet-Plattform „Eisan“, die den Architekten und Bauherren künftig eine breite Palette möglicher Einsatzvarianten bietet. Auch in Berlin werden Eisan-Systeme schon bald sichtbar: Noch in diesem Herbst wollen die Forscher an einer ehemaligen Kindertagesstätte in Friedrichshain zeigen, welche Vorteile das neue System bringt. Die Kita wurde in den 80-er Jahren als Plattenbau errichtet. Im Rahmen der Sanierung soll die Südwand mit dem Eisan-Konzept gedämmt werden. Die Betonfassade, in der breite Fugen klaffen, wurde zunächst auf den Zentimeter genau vermessen. Darauf werden die vorgefertigten Dämmmodule montiert. Zum Abschluss folgt die Bekleidung und Gestaltung der Fassade.

Weitere Informationen: Prof. Dr.- Ing. Hans-Volker Huth, Steinbeis-Transferzentrum für umweltbewusstes Bauen und Baustoffe, FHW Berlin, Tel. 29384-522, E-Mail: hans-volker.huth@ba-berlin.de

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