Zeitung Heute : Flaggen zeigen

Erst Massendemos, nun ein Zeltlager mitten in Beirut. Die Menschen im Libanon eint zumindest eines: Die Syrer sollen aus dem Land

Frank Jansen[Beirut]

Sein Bild hängt an den Schaufenstern, an Mauern, an Bauzäunen. Rafik Hariri lächelt oder gibt auf einem grünen Rasen den Boss, mit einer Hand in der Hosentasche. Es sind die Bilder eines Toten. Über vielen Hariri-Bildern liegt oben links ein schwarzer Balken. Beirut trauert. Der ehemalige Ministerpräsident, Baulöwe und Milliardär ist seit seinem brutalen Tod ein Märtyrer. Manche Libanesen tragen am Revers ein blaues Schleifchen, auf dem ein Button samt Foto von Hariri steckt. Die Autobombe, die ihn am 14. Februar zerriss, hat das ganze Land getroffen.

Auf der Place des Martyrs wehen unzählige Fahnen. Sie flattern über groben blauen Plastikplanen und Campingzelten. Von der großen Bühne, die nur wenige Meter entfernt steht, schallt die Nationalhymne. Es ist Abend, die Luft mild. Etwa 1000 junge Männer und Frauen singen. Viele recken eine Fahne mit der grünen Zeder in die Höhe.

Es mögen 80 Zelte sein, die auf dem großen, im Bürgerkrieg völlig verwüsteten und jetzt kahlen Areal im Stadtzentrum stehen. In den ersten Tagen nach dem Tod des populären Politikers gingen in Beirut Hunderttausende auf die Straße und zwangen die Regierung zum Rücktritt. Junge Libanesen, vor allem Studenten, errichteten die Zeltstadt als Zeichen der Trauer und der Wut auf die, wie sie vermuten, syrischen Mörder und ihre angeblichen Handlanger in der libanesischen Regierung. In den internationalen Medien werden die Zelte schon als Fortsetzung der Orangenrevolte von Kiew gefeiert, als „Zedern-Revolution“ – und als ein erstes Signal des Aufbruchs der Araber in eine demokratische Zukunft.

Drei junge Männer stehen vor einem kleinen Zelt, ein vierter kriecht gerade heraus. „Wir schlafen hier“, sagt der Wortführer, 23, ein Wirtschaftsstudent mit schwarzem Vollbart. Die Studenten sind jetzt drei Tage hier, die Stimmung ist ernst, ihnen ist auch mulmig: Syrische und libanesische Geheimdienstler könnten sich hier herumtreiben, da sei es besser, die Namen nicht zu nennen. Die Ansichten hingegen sind rigoros. „Wir bleiben, bis die syrische Armee weg ist, und wir wissen, wer Hariri getötet hat“, sagt der Wirtschaftsstudent. Der Kommilitone sagt: „Die Syrer sind für Hariris Tod verantwortlich.“ Die anderen nicken. Woher sie das wissen? „Die syrischen und libanesischen Geheimdienste waren ganz nahe beim Anschlag.“ Wo genau? „Das Attentat geschah in der Nähe des Hotels Phoenicia“, sagt der Bärtige, „da sind immer Geheimdienstler drin, weil in dem Hotel oft Politiker aus arabischen Ländern übernachten.“

Die vier Studenten gehören zur Religionsgemeinschaft der Drusen, einer islamischen Sekte. Die Drusen haben im Bürgerkrieg gegen die Christen gekämpft. Doch im Camp auf der Place des Martyrs stehen die Zelte von Christen und Muslimen nebeneinander. Es gibt auch Schilder, auf denen neben einem Halbmond ein Christenkreuz steht. „Der Krieg ist Vergangenheit“, sagt der Wirtschaftsstudent. Was sich von 1975 bis 1990 zwischen den Volksgruppen des Libanon abgespielt hat – darüber wollen sie nicht mehr reden. Der Hass auf die mutmaßlich syrischen Mörder von Rafik Hariri scheint zumindest die Bewohner des Protestcamps zu einen. Fast niemand befürchtet einen weiteren Krieg. Oder kritisiert die Herrschaft der großen Clans. Oder das starre System der Aufteilung von Posten und Mandaten unter den Konfessionen des Libanon. Das fahnenselige Beirut erinnert in diesen Tagen eher an „Deutschland einig Vaterland“, nicht so sehr an „Mehr Demokratie wagen“.

Sie wären sogar damit einverstanden, dass zwei der härtesten christlichen Warlords wieder in der libanesischen Politik mitmischen, sagen die vier Drusen. Der 1990 von syrischen Truppen ins französische Exil gezwungene General Michel Aoun solle zurückkehren. Und der im Gefängnis sitzende Ex-Kommandeur der christlichen Miliz, Samir Geagea, müsse endlich freikommen. Stört es die vier nicht, dass Geagea als einer der brutalsten Kriegsfürsten galt? „Alle haben Verbrechen begangen“, sagt der Wirtschaftsstudent. Haben die Väter der vier im Krieg gekämpft? Die jungen Männer nicken. Darüber reden wollen sie nicht.

Der Krieg ist in Beirut auch 15 Jahre später allgegenwärtig. Zwischen restaurierten Straßenzügen und verglasten Bürotürmen stehen Ruinen. Alte, orientalische Häuser, gesprenkelt mit Einschusslöchern, und auch monströse Hochhaushöhlen wie das Holiday Inn. 30 Stockwerke ragen als Gerippe in den Himmel. Nur wenige Meter entfernt ein anderes vom Krieg ausgeweidetes Hotel, das legendäre St. Georges – jetzt ein doppeltes Symbol für den Irrsinn der Gewalt. Direkt vor der Ruine des St. Georges ist vor knapp drei Wochen die Autobombe explodiert, als der Konvoi von Rafik Hariri vorbeifuhr. Betonpfeiler sind eingedrückt, von den Fassaden der benachbarten Gebäude hängen Stahlstreben herunter, Dutzende Autos sind nur noch verbrannte Wracks.

Das Areal an der Küstenstraße präsentiert die extremen Kontraste des Libanon. In Sichtweite der Ruine des St.Georges ankern Luxusyachten. Hier und in den vielen eleganten Neubauten mit den extrateuren Boutiquen spiegelt sich die Vision des Rafik Hariri: Der Libanon sollte wieder mondänes und weltoffenes Zentrum der arabischen Welt werden.Wie damals, in den goldenen Jahren vor dem Ausbruch des Krieges.

Der Glanz der 50er und 60er Jahre, als der Libanon „Schweiz des Nahen Ostens“ genannt wurde, hat allerdings über die Geburtsfehler des Staates hinweggetäuscht. Der Libanon war ein koloniales Konstrukt, erschaffen von den Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches. In dem neuen Gebilde Libanon waren die Christen in der Mehrheit, die Sunniten, Schiiten und Drusen wurden zweitrangig. Doch man arrangierte sich.

Vor dem Abzug der Franzosen 1946 einigten sich die Chefs der großen christlichen und muslimischen Clans auf das konfessionelle Proporzsystem, das mit einigen Abstrichen bis heute gilt. Die größte christliche Gemeinschaft, die Maroniten, stellt immer den Staatspräsidenten. Premierminister wird ein Sunnit, Parlamentspräsident ist ein Schiit, die Drusen bekommen Ministerposten. Das funktionierte bis 1975, obwohl die muslimische Bevölkerung stark wuchs. Und enorme Verstärkung erhielt. Hunderttausende Palästinenser strömten ins Land, auf der Flucht aus dem benachbarten Israel.

Als im April 1975 maronitische Milizionäre in Beirut 27 Palästinenser massakrierten, war der Libanon nicht mehr zu retten. Mit unbeschreiblicher Brutalität gingen die Kämpfer der Christen und der verbündeten Muslime und Palästinenser aufeinander los. Bald gerieten die Christen an den Rand einer Niederlage. Da schaltete sich Syrien ein und attackierte 1976 die eigentlich als Brüder geltenden libanesischen Muslime und Palästinenser. Und blieben im Land. Das Regime von Hafis al Assad sah die historische Chance, die in Syrien nie akzeptierte Abtrennung des Libanon zu revidieren. 1982 intervenierte Israel im Libanon und zwang die Kämpfer von Palästinenserchef Arafat zum Abzug. Das kleine Land zerfiel nun restlos in Besatzungszonen sowie Miniterritorien von Christen, Sunniten, Schiiten, Drusen. Und in diesen Zwergrepubliken bekämpften sich noch pro- und antisyrische Fraktionen.

Der Krieg endete, als die Amerikaner den Syrern 1990 freie Hand gaben, den widerspenstigen christlichen Teilstaat zu überrennen und dessen Chef, General Michel Aoun, ins Exil zu schicken. Keine libanesische Regierung kann seitdem gegen die Interessen Syriens agieren. Gegen 14000 syrische Soldaten und ein Schattenheer von Geheimdienstlern ist der Libanon machtlos. Zumindest bislang. Aber nun sind die prosyrischen Libanesen verunsichert. Es ist kaum möglich, unter ihnen einen Gesprächspartner aufzutreiben. Selbst der Journalist einer Beiruter Zeitung, die als syrienfreundlich gilt, sagt im letzten Moment das Treffen mit dem deutschen Kollegen ab.

Mut brauchten bisher allerdings die anderen, die Gegner Syriens. Oder viel Geschick. Der Sunnit Rafik Hariri war clever, und er hatte auch noch sehr viel Geld. Dabei stammte er aus ärmlichen Verhältnissen, arbeitete sich aber zum Bauunternehmer hoch und verdiente in Saudi-Arabien ein gigantisches Vermögen. 1992 wurde der Selfmademan und Patriot zum Premierminister gewählt. Hariri startete ein gewaltiges Wiederaufbauprogramm. Mit Erfolg: Beirut ist, trotz offener Kriegswunden, wieder eine der lebendigsten Metropolen des Nahen Ostens.

Hariri war politisch und auch persönlich unabhängig. Er zählte nicht zu den großen Clans, er hatte keine Kriegsverbrechen zu verantworten, er lotete bei den Syrern Freiräume aus. Doch 2004 kam es zum Konflikt mit Damaskus. Hariri trat zurück, weil er die aufgezwungene Verfassungsänderung ablehnte, die dem prosyrischen Staatspräsidenten Emile Lahoud eine weitere Amtszeit erlaubt. Der Protest Hariris war populär, bei den Parlamentswahlen im Mai hätte der Milliardär vermutlich einen großen Sieg errungen. Nun ist er tot und kein Nachfolger mit einem Format wie Hariri in Sicht.

Die Clanchefs hocken jetzt wieder zusammen, die prosyrischen Schiitenorganisationen Amal und Hisbollah tasten sich vorsichtig an den Volksprotest heran, im Nordlibanon begehren syrienfreundliche Christen auf, doch die entscheidende Figur ist womöglich ein alter Mann im Gebirge. Nördlich von Beirut, hoch über der Küste, residiert der Patriarch der Maroniten, Nasrallah Sfeir. Der 84-jährige Kardinal empfängt Gäste im großen Saal seines Palastes. „Wir wollen gute Freunde der Syrer sein“, der Kirchenfürst lächelt hintergründig. Der kleine, weißbärtige Mann in vollem Ornat ist einer der schärfsten Gegner der syrischen Präsenz im Libanon. Sfeir lässt denn auch keine Missverständnisse aufkommen, „jedes Land soll seine eigenen Dinge selbst regeln“, sagt er.

Welche Bedeutung Sfeir in der aktuellen Krise zukommt, zeigt die Einladung von US-Präsident Bush. Mitte März wird der Patriarch nach Washington reisen, Bush hat Sfeir kurz nach Hariris Tod zu sich gebeten. „Wir haben viele gemeinsame Interessen“, sagt der Patriarch. Will er den Präsidenten drängen, seinen Druck auf Syrien noch zu verstärken? Sfeir sagt weder ja noch nein, sondern: „Wir werden nicht über Religion sprechen.“ Deutlicher wird der Patriarch bei Fragen zur Zukunft des Libanon. Auch er will, dass Michel Aoun aus dem Exil zurückkehren soll und Samir Geagea aus dem Gefängnis freikommt. Und der Chef der Drusen, Walid Dschumblatt, habe „eine große Rolle zu spielen“. Mit der Antwort deutet Sfeir eines der großen Probleme der Christen an: Außer dem alten Patriarchen steht keine eigene große Führungsfigur zur Verfügung. Sie fehlt jetzt umso mehr, als die Krise des Libanon den Christen neue Chancen eröffnen könnte. Die sie offenbar wittern, wie der Eifer vermuten lässt, den sie auf der Straße und im Zeltlager demonstrieren.

So hat sich denn zu den Zeltbewohnern, zumindest besuchsweise, Camille Chamoun gesellt, der gleichnamige Enkel des einstigen Staatspräsidenten. Der 47-Jährige ist wie sein Großvater ein Hardliner. Der Bürgerkrieg sei kein Fehler gewesen, sagt er, „nur haben wir nicht die internationale Hilfe bekommen, um das Land zu befreien“. Die Maroniten hätten schon damals „vor dem Terrorismus gewarnt, der von Syrien ausgeht“. Der Mann im blauen Anzug beugt sich vor, „es brauchte das brennende World Trade Center, bis die Welt die Gefahr begriffen hat“.

Es wird kühl im Camp, der Wind frischt am späten Abend auf. Zwei Frauen gehen zu ihrem Zelt, sunnitische Psychologiestudentinnen, die kleinere trägt ein schwarzes Kopftuch. Und sie sagt etwas Erstaunliches. „Ich bin nicht sicher, dass die Syrer Rafik Hariri getötet haben.“ Warum ist sie dann hier? „Wir wollen die Syrer raushaben, die den Libanesen die Arbeit wegnehmen.“ Und die syrischen Truppen? „Die sollten bleiben.“ Die 20-Jährige blickt sich um, ob jemand zuhört. Dann sagt sie, „wenn Syriens Armee geht, gibt es vielleicht wieder Krieg mit den Christen“.

Ein paar Meter entfernt, unter einem lang gestreckten Zeltdach, ist das Grab von Rafik Hariri. Als die Sicherheitskräfte das Areal freigeben, strömen Hunderte von Libanesen dorthin und zünden Kerzen an.

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