Zeitung Heute : Flaschenpost

Der Tagesspiegel

Von Claudia Keller

240 000 Briefe und Postkarten hat die Stasi jeden Tag mitgelesen. Die Flaschenpost eines Schulmädchens ist ihr entgangen. Und jetzt, nach 30 Jahren, im Treibgut der Elbe in Brandenburg aufgetaucht. Huhu, da weht er noch, der Hauch von Abenteuer und Romantik! Zumal das Dörfchen, in dem das Schulkind die Flasche zu Wasser gelassen hat, schon längst nicht mehr existiert. Es musste weichen für ein nie vollendetes Kernkraftwerk. Nur ein paar ins Leere laufende Bahngleise erinnern an den Ort... Jetzt könnte man mal wieder zivilisationskritisches Geheule anstimmen von wegen der fehlenden Romantik in der zwischenmenschlichen Kommunikation und Schnelllebigkeit unserer Zeit und so weiter.

Aber halt, die meisten von uns verschicken ja täglich ihre Flaschenpost. Und ganz ohne sich die Hände nass zu machen, einfach per Mausklick. Da verheddert sich die Flirt-mail an den Lieblingskollegen im Gestrüpp des Firmennetzes und landet bei der eifersüchtigen Kollegin, da verirrt sich eine E-mail aus den Weiten irgendeines Chatrooms und landet im eigenen Briefkasten. Und immer wieder, ups, gerät man mitten hinein in fremde Telefongespräche. Kein Netz ist wohl so dicht, als dass nicht manchmal etwas durchrutschen würde. Beste Voraussetzungen also für Abenteuer und Romantik – und peinliche Pannen.

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