Zeitung Heute : Flavia, die Vorstadtelfe

Sie ist 14 und fing vor zwei Jahren an, einen Roman zu schreiben – einen Bestseller

Sabine Heimgärtner[Paris]

Wie begegnet man einem Wunderkind? Ein Mitbringsel? Vielleicht ein Buch für das Mädchen, das mit zwölf Jahren begann, einen Roman zu schreiben, der erst Schlagzeilen in Frankreich machte und in Deutschland bis auf Platz 14 der „Spiegel“-Bestsellerliste kam? Kieselsteine aus Schokolade sind vielleicht das passende Gastgeschenk, denn drei Steine – ein Opal, ein Jade- und ein Bernstein – stehen im Mittelpunkt des Romans „Das Orakel von Oonagh“ der heute 14-jährigen Französin Flavia Bujor. Ihre Fantasy-Geschichte spielt in einer zweigeteilten Welt, in der es drei Mädchen gelingt, nach langen und gefährlichen Prüfungen mit Hilfe der Macht der Steine die finsteren Kräfte der Unterwelt zu besiegen.

Paris, äußerster Osten im 20. Arrondissement, graue Vorstadtstimmung, Depot und Tankstation für alle Linienbusse der Stadt, ein Café. Man wundert sich, dass ausgerechnet in dieser Öde ein Wegweiser zu einem winzigen Park führt, der nach der Schauspielerin und Muse Sarah Bernhardt benannt ist. Ein Idyll inmitten der unfreundlichen Betonwüste, eine grüne, von Müttern, Kindern und Alten bewohnte Insel, die Flavia von ihrem Balkon im siebten Stockwerk aus seit ihrer frühen Kindheit im Blick hat. Hier muss ihr die Idee von der „Mär“ gekommen sein, dem Land im Roman, das von Zauberern, fantastischen Wesen und gutmütigen Zwergenvölkern bewohnt wird.

Wie der Park gegenüber der Wohnung der Autorin, die dort mit ihren aus Rumänien stammenden Eltern und dem cremefarbenen Perserkater Perle lebt, einer Enklave inmitten des Großstadtlärms, ist die Mär eine heile Welt inmitten des Bösen, zu deren Befreiung Flavia Bujor die drei Heldinnen Opale, Jade und Ambre auf eine lange, strapaziöse Reise schickt, verfolgt von unheimlichen Geistern, magischen Wesen und anderen rätselhaften Zeitgenossen, die unaussprechbare Namen wie Bumblinks, Ghibduls und Rokcdär tragen.

Und nun sitzt sie da am runden Wohnzimmertisch, hoch gewachsen mit langen, lockigen, braunen Haaren, T-Shirt und Jeans, gegenüber ihr Klavier, auf dem sie „möglichst regelmäßig“ Chopin und Schubert übt, und knabbert höchst zufrieden die Schoko-Kiesel. Von der Schule darf man sie für ein Interview nicht abholen, keine Wunderkind-Allüren, null Bock, auch nur irgendwie aufzufallen. Bloß nicht den Eindruck erwecken von einer, die ehrgeizig jeden Abend an ihrem Roman schreibt. „Das hasse ich“, sagt sie, „ich bin das Gegenteil.“ Berühmt zu sein würde sie verabscheuen, und „grässlich“ fände sie es, auf der Straße erkannt zu werden, sagt sie. Längst arbeite sie wieder an einem neuen Buch, an „einem ganz anderen Stoff“. Viel will sie nicht verraten, auf jeden Fall geht es um nichts, was an ihre Vorbilder Tolkien oder Michael Ende oder an Harry Potter erinnert. Es geht offenbar um das Leben ihrer Generation.

Wie ihre Freundinnen liebt Flavia das Kino, geht in Diskos zum Tanzen, auf Partys, kauft gerne Bücher, CDs und Klamotten und geht neuerdings wöchentlich zu den Antikriegs-Demonstrationen in Paris, letzten Samstag mit einem selbst entworfenen Plakat, das Präsident Bush als Baby mit einer Nuckelflasche zeigt, aus der Erdöl tropft. Auf dem Anrufbeantworter ihres Handys hört man im Hintergrund den US-Rapper Eminem. Flavia, ein italienischer Name, auf deutsch: Pfingstrose, wie sie stolz mitteilt, geboren am 8.8.88, Sternzeichen Löwe, Aszendent Löwe, wie sie noch stolzer ergänzt.

Der vielleicht einzige Unterschied zu ihren Mitschülern ist eine Passion, die sie schon als kleines Mädchen hatte: „Ich wollte schon ganz früh lesen und schreiben lernen, weil ich ständig irgendwelche fantastischen Ideen hatte, die ich erst meinen Puppen erzählte und später für meine Freundinnen in der Schule aufschrieb.“ Abends, in den Ferien oder am Wochenende schrieb sie kapitelweise an ihrem Roman, mit der Hand auf perforiertes Computerpapier, am nächsten Tag verteilte sie den fertigen Abschnitt an ihre Klassenkameraden zum Lesen, einschließlich leerer Seiten für Kommentare. Eine Lehrerin wurde aufmerksam und übergab das Konvolut einem Verlag. Sechs Monate später war der Roman fertig.

Klingt sehr professionell, ist es aber in Flavias Augen nicht. „Ich schreibe nur zum Spaß.“ Nie hätte sie gedacht, dass aus den einzelnen Stücken einmal ein Roman werden könnte. Und wenn ihre Freundinnen, die Eltern – ihr Vater ist Bildhauer, ihre Mutter Psychotherapeutin – sie nicht ständig ermuntert hätten weiterzumachen, hätte sie vielleicht, so gesteht sie fast peinlich berührt ein, einfach mittendrin aufgehört und mit einer neuen Geschichte angefangen. Fuchsteufelswild kann sie werden, wenn sie immer wieder gefragt wird, ob sie den Roman wirklich selbst geschrieben hat. Natürlich nicht, sagt sie dann, war nur „ein Witz, was denn sonst“. Selbstbewusst fügt sie hinzu, am Manuskript habe der Verlag fast nichts verändert.

Honorare indes interessierten sie „überhaupt nicht“, und bei Lesungen fühle sie sich eher fehl am Platz und ist froh, wenn keiner kommt „Neulich beim Pariser Buchsalon“, sagt sie, „da saß ich fast allein mit ein paar Freundinnen und Leuten vom Verlag und dann sind wir einfach aufgestanden, über die Messe geschlendert und haben uns amüsiert.“ Das Buch soll bald in 13 Sprachen erscheinen, und das kommt ihr „sehr komisch“ vor. „Schwer vorstellbar, dass das meine Worte sein sollen, die da übersetzt werden.“

Jetzt steht ihre erste Lesereise im Ausland an, in Deutschland, das für Flavia kein Ausland ist. Seit drei Jahren verbringt sie immer einen Teil der Ferien dort, in Bremen, Köln und Tübingen lebte sie schon bei Gastfamilien und schulte ihr Deutsch. Freut sie sich? „Und wie, ich werde dort Würste essen und durch die Straßen der Städte schlendern, die ich noch nicht kenne, München zum Beispiel.“ Dienstagabend, wenn sie im Bücherkaufhaus an der Friedrichstraße zu Ende gelesen hat, vielleicht auch durch die von Berlin.

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