Zeitung Heute : "Fleisch-Oscar": Arme Würstchen in Hollywood

Stefan Schirmer

Die Bühne versinkt in einem Bild aus Fleisch, Wurst und Geflügel. Zu sehen sind Schinkenaufschnitt, Gehacktes, Hähnchenkeulen. Vor der riesigen Leinwand, über die nun rohe, saftige Filetstücke von der Größe eines Ochsen flimmern, steht Sabine Rautenberg, flankiert von zwei Kollegen. Ihr Gesicht schimmert rosig im heißen Bühnenlicht. Sie wirkt gerührt.

In Hollywood wäre nun der Moment für Weinkrämpfe, Schluchz-Anfälle, bibbernd vorgetragene Dankesreden. Es wären jene Sekunden der Oscar-Verleihung, in denen Pomp und Pathos mit Händen zu greifen sind. Sabine Rautenberg hält die goldene Statue mit beiden Händen fest umschlossen, da bricht es aus ihrem Chef heraus: "Alles, was mir bleibt, ist Dank zu sagen." Applaus brandet im Ballsaal auf, und die Oscar-Preisträger vom Fleischmarkt Fuck aus Bad Honnef steigen wieder von der Bühne. Später wird Sabine Rautenberg sagen, dass sie "nervös und kribbelig" war. "Meine Verwandten glaubten gar nicht, dass es so was gibt - einen Fleisch-Oscar." Jetzt ist die 34-jährige Wurstabteilungsleiterin der Fleisch gewordene Beweis: Es war kein Jux.

Im Gegenteil, sie sind ernst beim "9. Kongress Fleisch, Wurst & Geflügel" am Mittwoch auf dem Petersberg bei Bonn. Das alte Gästehaus der Bundesregierung liegt schon den ganzen Tag in einem Grauschleier, der gewebt ist aus wattigem Nebel. "Das Wetter hat sich der Branchenlaune angepasst", ruft der Tagungsleiter zur Begrüßung, "es ist kalt und trüb." Im Saal versammeln sich die Gebeutelten der BSE-Krise: das Management aus dem Lebensmittelhandel, aus Wurstfabriken, Großschlachtereien und Metzgerläden. Am Rednerpult steht Richard Lohmiller, der Seniorchef der Ladenkette Lidl und große alte Mann der Branche. Der Titel seines Vortrags steht seit neun Monaten: "Begeisterung pur". Der Titel ist geblieben, aber den Redetext hat er doch über den Haufen geworfen. Seit im vorigen November im ersten deutschen Stall BSE festgestellt wurde, sei der Rinderwahn jeden Tag Nachrichtenthema gewesen, sagt er und haut vor Wut über "die Penetranz der Medien" fast den Mikrofonständer um. Er ruft: "Wir hatten nur eine Woche Ruhe - wegen Boris und Babs."

Durch den Saal geht eine La-ola-Welle des Nickens, die Manager und Metzger fühlen sich verstanden. Gewöhnlich wäre dieses jährliche Klassentreffen der Fleischindustrie eine nüchterne bis launige Veranstaltung, auf der sich rund 400 Teilnehmer gegenseitig mit Hochglanz-Broschüren zudecken und die Fleischhersteller zwischendurch über den "ruinösen Preiskampf" im Handel lamentieren. Auf einer Leinwand liefen dann Clips mit gut gelaunten Menschen, die in farbenfroh dekorierten Kantinen Steaks verzehren. Diesmal schaut der Saal auf eine vergrößerte Zeitungsmeldung: Österreichische Polizisten hätten in Tirol bei 200 deutschen Kindern mitgebrachte Würstchen beschlagnahmt. "Wiener Würstchen!" ruft einer laut. Ausgerechnet.

Sie retten sich in Galgenhumor. Einer empört sich, dass der Verbraucher "auf Rindfleisch reagiert, als sei es giftiger als Zyankali". Die Branche leckt ihre Wunden und macht sich Mut. In den Pausen auf den Fluren stillen die Manager ihre Fleischeslust an rohen Würstchen, die beschürzte Damen alle paar Meter auf Silbertabletts anbieten. Oder an luftgetrockneter Salami, "gereift in einem beschimmelten Schweinefaserdarm", wie die Bedienung stolz mitteilt.

Insider schätzen: Wegen BSE wird jeder vierte Fleischhersteller eingehen, und das ist eine optimistische Prognose. Einige murren schon, es werde zu viel über Ängste und zu wenig über Auswege aus der Krise gesprochen. Handels-Senior Lohmiller verlangt mehr Transparenz in dem Industriezweig, der als extrem öffentlichkeitsscheu gilt, und ruft: "Es muss ein gemeinsamer Arbeitskreis her!" Andere fordern unter großem Beifall pfiffige Werbespots wie bei den BSE-krisengeschüttelten Engländern. Dort machen Serienstars und TV-Komiker erfolgreich Appetit auf Fleisch. Die Dramaturgie ist schlicht: Mann will Frau mit tollem Hackfleisch-Candlelight-Dinner verführen. Sie beißt an.

Werbung soll auch der "Fleisch-Oscar" sein. Vier Preise vergibt das Fachblatt "Lebensmittel Praxis", das auch den Kongress veranstaltet, zum fünften Mal für die "besten Fleisch- und Wurstabteilungen". Die Figur sieht aus wie das Hollywood-Original, ein goldener Kerl mit verschränkten Armen und Schwert - wobei er "nur so hoch ist wie eine Bockwurst", wie sich eine Fleischverkäuferin wundert. Der Preis bringt der Zeitschrift das Wohlwollen der Branche, der Fleischindustrie ein bisschen Glamour und den Sieger-Theken, die damit werben, bis zu 30 Prozent Umsatzplus. Den Namen "Oscar" habe er gewählt, "um das Selbstwertgefühl zu steigern", sagt Verlagsleiter Eckhard Lenz und fragt leise: "Wer möchte heute Verkäufer an Wurst- und Fleischtheken sein?" Das werde doch nur noch unterboten von Müllarbeitern und Fischverkäufern. Erst recht in Zeiten von BSE.

Lenz hat eine mehrköpfige Jury durch ganz Deutschland geschickt, um inkognito Theken zu prüfen - welche Ware wie ausliegt und was der Kunde darüber erfährt. Irgendein Tester hat sich die Abteilung von Sabine Rautenberg angeschaut und war entzückt über die französischen Flugenten, Wachteln und Maishähnchen in Bad Honnef. "Ihr breites Spezialitätenangebot begeistert!", schmetterte der Conférencier während der Preisübergabe in der "Langen Nacht der Fleischwirtschaft". Gerade ist die scheppernde Fanfare aus "Carmina Burana" verklungen, die Preisvergabe vorbei. Frau Rautenberg steht noch lange am Rand des Ballsaals und klammert sich an ihren Oscar.

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