Zeitung Heute : Fleißige Handwerker

Wer den Meister hat, kann ohne Abitur studieren.

Alexandra Bülow[dpa]
In einem Gespräch mit der Hochschule sollte geklärt werden, ob man die Studienzeit eventuell verkürzen kann.Foto: dpa-tmn
In einem Gespräch mit der Hochschule sollte geklärt werden, ob man die Studienzeit eventuell verkürzen kann.Foto: dpa-tmnFoto: dpa-tmn

Eine Führungsposition, ein neues Aufgabengebiet oder einfach die Lust am Lernen: Es gibt viele Gründe, warum Handwerker mit Meistertitel noch ein Studium machen möchten. In den letzten Jahren ist der Zugang zu den Hochschulen für sie einfacher geworden – ohne Stolpersteine ist der Weg aber auch heute nicht. Trotzdem hat sich der Anteil von Menschen ohne Abitur an den Hochschulen in den letzten Jahren fast verdoppelt.

Karrieren wie die vom Kfz-Mechatroniker zum Ingenieur sind heute durchaus üblich. Denn wer als Handwerker einen Meisterbrief in der Tasche hat, kann sich an vielen deutschen Hochschulen für jedes Studienfach bewerben. Möglich ist das erst seit 2009. Damals beschloss die Kultusministerkonferenz, den Meister mit der allgemeinen Hochschulreife gleichzustellen. Das deutsche Bildungssystem sollte durchlässiger werden. Auch die zuvor sehr unterschiedlichen rechtlichen Vorgaben zum Studium ohne Abitur in den einzelnen Bundesländern sollten vereinheitlicht werden. Seitdem hat sich in den Ländern viel getan: Handwerker können sich heute in fast allen Ländern nicht nur an Fachhochschulen, sondern auch an Universitäten einschreiben. Einzige Ausnahmen sind derzeit Brandenburg und Sachsen.

Wie viele Meisterstudenten es an den Hochschulen gibt, ist nicht bekannt. Aber die Zahl der Studierenden ohne Abitur steigt insgesamt deutlich an. Zwischen 2007 und 2010 hat sich ihr Anteil an allen Studienanfängern in Deutschland fast verdoppelt. Laut dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) stieg er von 1,09 auf 2,08 Prozent. Damit büffeln insgesamt derzeit 12 000 Studienanfänger ohne Abitur oder Fachabitur an deutschen Hochschulen.

Ein Studium kann für Handwerker aus mehreren Gründen sinnvoll sein: Die einen schließen ein BWL-Studium an, um in ihrem Betrieb in eine Führungsposition zu kommen. Die anderen machen noch ein Studium in den Ingenieurswissenschaften. Denn einige Industriebetriebe lagern die Bereiche Forschung und Entwicklung inzwischen an ihre handwerklichen Zulieferer aus, sagt Volker Born vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin.

Allerdings: „Die Regelungen in den Bundesländern sind immer noch sehr unterschiedlich“, sagt Sigrun Nickel, Forscherin am CHE. Orientierung bietet das Internetportal studieren-ohne-abitur.de. Hier finden angehende Akademiker nicht nur eine Übersicht über 4000 Studienangebote, sondern auch Tipps zum Studium, zu Stipendien und Studienkrediten. „Wenn man passende Studiengänge in der Datenbank herausgefiltert hat, sollte man direkt Kontakt zu den Hochschulen aufnehmen, um sich beraten zu lassen“, rät Sigrun Nickel. In einem solchen Gespräch sollte geklärt werden, ob die Meisterstudenten einen Vorkurs brauchen. Außerdem sollte beim Berater nachgefragt werden, ob durch die Vorqualifikation die Studienzeit verkürzt werden kann.

„Studieninteressierte sollten prüfen, welches Studienformat an welcher Hochschule ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht“, rät Jochen Schwarz, Referent der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Oft sind für Meisterstudenten Hochschulen besonders geeignet, die ein berufsbegleitendes Studium ermöglichen. „Handwerksmeister stehen anders im Leben als Abiturienten. Sie haben oft Familie oder einen eigenen Betrieb“, gibt Born zu bedenken. Besonders beliebt ist daher das Fernstudium.

Ist das passende Studium gefunden, bleibt vielen Meisterstudenten noch das Problem mit der Finanzierung. Stipendien gibt es für die Zielgruppe der beruflich qualifizierten Studenten kaum. Eine Ausnahme ist das Aufstiegsstipendium des Bundesbildungsministeriums (sbb- stipendien.de/aufstiegsstipendium). Alle anderen sollten mit dem Personalchef ihrer Firma über einen möglichen Zuschuss sprechen.Alexandra Bülow, dpa

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