Zeitung Heute : Flensburg: Hier gingen schon viele nach Punkten k.o.

Immo Sievers

Es gibt ja bekanntlich nichts, was man nicht sammeln kann. Ein paar harmlose Zeitgenossen sammeln Kronkorken einer Flensburger Brauerei, andere, meist nicht ganz so friedliche Mitmenschen, sammeln Flensburger Punkte. Die werden nicht etwa für Spiel, Satz und Sieg vergeben, sondern für Unvernunft, Unnötiges und Unfälle.

Und dabei hatte alles so harmonisch bei der Gründung des Kraftfahrt-Bundesamtes vor 50 Jahren begonnen. Am 4. August 1951 dachte noch niemand daran, Verkehrssünder mit System abzumahnen; man war froh, den Verkehr überhaupt wieder in Gang zu bringen. Deshalb schlug Hans-Christoph Seebohm, damaliger Bundesverkehrsminister, vor, ein Kraftfahrtbundesamt (KBA) zu gründen. In ihm sollten verschiedene Sammelstellen und Typenprüfstellen zusammengefasst werden, die vor dem Krieg den Verkehr verwaltungstechnisch organisiert hatten. Und wenn nun in Flensburg die Korken knallen, darf auch Berlin mitfeiern. Denn hier hat das KBA seine historischen Wurzeln.

Gesetzeschaos in Deutschland

Ende des 19. Jahrhunderts herrschte verkehrstechnisch gesehen nicht nur auf den Chausseen ein wildes Treiben. Auch in den damals 27 Ländern gab es ein heilloses Durcheinander an Verordnungen und Gesetzen, die zumeist veraltet waren. Vor allem sollten damit die Schmutz-, Staub- und Lärmbelästigungen eingedämmt werden. Geschwindigkeitsbegrenzungen waren noch lange eine Frage des Augenmaßes der Schupos und Landgendarmen.

Die Unfallzahlen stiegen zwar beängstigend, doch entwickelte sich der Automobilbau zu einem Wirtschaftszweig, da musste man die Dinge reglementieren. Vorbild war das zentralistisch organisierte Frankreich, das seit 1898 Kraftfahrzeuge besteuerte und 1899 eine einheitliche Verkehrsordnung erlassen hatte. Im föderalen Deutschland dagegen sah man sich lange nicht in der Lage, eine reichseinheitliche Verordnung für Automobile zu schaffen. Hier wurde für Preußen am 15. April 1901 in Berlin erstmals eine Polizeiverordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen erlassen. In ihr wurde die Kennzeichnung der Motorwagen geregelt. So musste an der Rückseite der Fahrzeuge an leicht sichtbarer Stelle und in deutlich lesbarer Schrift die Bezeichnung der zuständigen Polizeibehörde und eine Erkennungsnummer angebracht sein.

Gleichzeitig regelte die Berliner Verordnung die Betriebssicherheit durch eine Typengenehmigung. Der Autobesitzer musste eine Bescheinigung über die Eintragung in die polizeiliche Liste und die Erkennungsnummer, den Vorläufer des Kfz-Scheines, sowie eine Bescheinigung über die Vertrautheit mit dem Auto, den Vorläufer des Führerscheines, bei sich tragen. Dieser wurde erst 1906 reichseinheitlich eingeführt, gemeinsam mit einem Beschluss über allgemeine Verkehrsregeln. 1909 folgte das Auto-Haftpflichtgesetz für ganz Deutschland.

Mittlerweile gab es im Deutschen Reich schon 21 176 Motorräder, 18 547 Autos und 2004 Nutzfahrzeuge. Die Situation auf den Straßen musste effektiver geregelt werden - 1910 wurde die Verordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen erlassen, die nun schon alles berücksichtigte, was das Automobil betraf: Führerschein, Zulassung, Betriebserlaubnis, Kfz-Steuer, Statistik und technische Überwachung. Auch die uns heute geläufige Einteilung des Führerscheins in Klassen wurde 1910 eingeführt. Um das alles zu überwachen, wurde am 1. April 1910 im Polizeipräsidium am Alexanderplatz die Sammelstelle für Nachrichten über Führer von Kraftfahrzeugen (SNFK) eingerichtet. Das war bereits eine Bundesbehörde, die in ihrem ersten Jahr schon 52 485 Führerscheine erteilte, aber nur 122 einzog. Diese SNFK ist die eigentliche Keimzelle des heutigen Kraftfahrt-Bundesamtes.

Parallel zu ihren Aufgaben wurden im Kaiserlichen Statistischen Amt am Lützowufer 6 seit 1907 Statistiken über Kraftfahrzeuge in Deutschland geführt. 1919 wurde das Reichsverkehrsministerium gegründet, dem die SNFK unterstellt wurde. Da sich Ende der 20er Jahre der Fahrzeugbestand in Deutschland der Millionengrenze näherte, wurden über 800 Zulassungsstellen bei den örtlichen Polizeibehörden eingerichtet, um Führerschein, Betriebserlaubnis und Kennzeichen schneller ausgeben zu können.

Diebstähle erschweren

Nicht nur der Fahrzeugbestand wuchs sprunghaft, sondern mit ihm auch der Autodiebstahl. Besonders häufig wurden Gebrauchtwagen und auf Raten gekaufte Neuwagen kurzerhand an Dritte gegen Bargeld weiterverkauft, ohne den Eigentümer auszuzahlen. Um dies zu erschweren, wurde 1934 neben dem Zulassungsschein, der beim Kfz zu verbleiben hatte, zusätzlich ein Autobrief eingeführt, der die Eigentumsverhältnisse dokumentierte. Sie waren die Vorläufer unserer heutigen Kfz-Scheine und -Briefe.

Natürlich bedurfte es einer neuen Behörde, um diese Unterlagen zu verwalten. Die Sammelstelle für Nachrichten über Kfz (SNK) wurde eingerichtet und dem Statistischen Reichsamt in der Neuen Königstraße in Berlin unterstellt. Es existierten nun also zwei Behörden, die dazu noch verschiedenen Ministerien zugeordnet waren. Und da aller guten Dinge drei sind, wurde 1938 die Reichsstelle für Typenprüfung von Kfz und Kfz-Teilen im Baumschulenweg eingerichtet, unterstellt war sie dem Reichsverkehrsministerium. Von nun an benötigten die Hersteller nicht nur für ihre Chassis, sondern auch für ihre Aufbauten eine Typprüfung und Bauartgenehmigung dieser Behörde.

Der Krieg machte aber auch vor dem Amtsschimmel nicht halt und ab 1944 wurden die einzelnen Dienststellen auf das Reichsgebiet verteilt. Bei Kriegsende waren die Bestände der Sammelstellen in rechts- und linksrheinische Gebiete aufgeteilt. Dieses Provisorium wurde erst nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 geändert. Bundesverkehrsminister Seebohm erließ ein Gesetz über die Errichtung eines Kraftfahrt-Bundesamtes, das am 4. August 1951 verkündet wurde. In diesem Amt wurden die beiden Sammelstellen und die Typprüfstelle nun endlich zusammengefasst.

Und die Punkte, wo gibt es die nun? Eigentlich waren die Sammelstellen nur für verwaltungstechnische Belange eingerichtet worden. Erst 1958 wurde die "Verkehrssünderkartei" eingeführt und erhielt ein eigenes Dienstgebäude im Flensburger Brauereiweg, womit wir wieder bei den Kronkorken wären.

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