Zeitung Heute : „Flexibilität führt zu mehr Jobs“

Konjunkturexperte Wohlers fordert mehr Mut

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ECKHARDT WOHLERS (60)

ist Leiter der Abteilung Internationale

Makroökonomie am Hamburgischen Welt-

Wirtschafts-Archiv.

Foto: ddp

Herr Wohlers, die Union hat Pläne zur Reform des Arbeitsmarkts vorgelegt. Ist eine radikale Lockerung des Kündigungsschutzes sinnvoll?

Der Kündigungsschutz hat zwei Seiten. Er schützt diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, aber er errichtet Barrieren für diejenigen, die eine Stelle suchen. Man muss also eine Güterabwägung treffen. Aus meiner Sicht ist der Arbeitsmarkt in Deutschland noch immer sehr verkrustet. Es bedarf weiterer Deregulierung, und die Lockerung des Kündigungsschutzes gehört sicher dazu.

Kritiker bemängeln, die Reformvorhaben gingen einseitig zu Lasten der Arbeitnehmer.

Man muss auf dem Arbeitsmarkt die richtige Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität finden. Aber in Zeiten der Globalisierung darf man nicht mehr in nationalen Schemata denken. Das heißt nicht, dass wir auf asiatisches Niveau heruntergehen müssen, wie manch einer sagt. Aber es gibt ja gute Reformbeispiele aus Europa. Großbritannien, Dänemark und die Niederlande haben es geschafft, durch Flexibilisierung des Arbeitsmarktes Arbeitsplätze zu schaffen.

Haben die Unionspläne eine Chance, auch umgesetzt zu werden?

Dass wir mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt brauchen, ist letztlich bei allen Parteien unumstritten. Auch Bundeskanzler Schröder will mit der Agenda 2010 die Vorschriften des Arbeitsmarkts lockern. Die Union geht jetzt noch einen Schritt weiter.

Die Pläne sehen vor, dass Arbeitgeber ihren Mitarbeitern einfacher kündigen können. Führt das wirklich zu mehr Beschäftigung?

Ziel der Reformen am Arbeitsmarkt ist es, die so genannte Beschäftigungsschwelle zu überwinden. Wir haben in Deutschland einen längerfristigen Wachstumstrend von knapp 1,5 Prozent. Die Beschäftigungsschwelle, ab der neue Stellen geschaffen werden, ist etwa gleich hoch, so dass selbst bei einem Wachstum entsprechend dem durchschnittlichen Trend keine neuen Arbeitsplätze entstehen. Wir brauchen eine Doppelstrategie: Auf der einen Seite müssen wir die Wachstumskräfte stärken. Andererseits müssen wir die Beschäftigungsschwelle senken.

Die CDU wollte sich für eine Steuervereinfachung stark machen, scheint es damit nun aber nicht mehr eilig zu haben. Ein Fehler?

Das ist leider ein Rückschritt, zumal ich die Argumente dagegen nicht nachvollziehen kann. Es heißt, die mit der Steuervereinfachung einhergehende Steuersenkung sei nicht finanzierbar. Das bedeutet nur, man traut sich nicht daran, andere Ausgaben zu kürzen oder Steuervergünstigungen abzubauen. Wer sich wirklich traut, Subventionen auszulichten, hat auch Spielraum für Steuersenkungen. Es wäre tödlich, wenn der Reformwille jetzt erlahmen würde.

Mit Horst Köhler wird womöglich ein Wirtschaftsexperte Bundespräsident. Was würden Sie sich davon erwarten?

Ich kann nur sagen, dass Herr Köhler ein exzellenter Mann ist. Er könnte das Gewicht seines Amtes vielleicht nutzen, den Bürgern klar zu machen, wie notwendig Reformen sind, aber auch dass manche lieb gewordenen Besitzstände nicht mehr zu halten sind.

Das Gespräch führte Alexander Visser.

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