Zeitung Heute : Flick Der

Zwei Mal war er der reichste Deutsche. Er verband das Geschäft mit der Politik und verdiente daran: in der Weimarer Zeit, bei den Nazis und in der Bundesrepublik. Etappen einer Karriere.

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Von Harald Wixforth Oberbayern, 13. Juni 1945. Offiziere der USArmy dringen auf den idyllisch gelegenen Hof Sauersberg vor, um den reichsten Mann Deutschlands zu verhaften. Ein Militärpolizist schießt auf das Schloss einer Tür, die er nicht sofort öffnen kann. Ein Projektil durchschlägt Friedrich Flicks linke Hand. Nach notdürftiger ärztlicher Versorgung weisen die Amerikaner Flick, dessen Vermögen auf zwei bis drei Milliarden Reichsmark (RM) geschätzt wird, in ein Internierungslager für NS-Täter ein. Die Karriere eines der mächtigsten deutschen Industriellen ist jäh gestoppt.

Heute, knapp 60 Jahre nach seiner Verhaftung, zählt Flick immer noch zu den umstrittensten Unternehmerfiguren des 20. Jahrhunderts. Eine präzise Antwort, wer Friedrich Flick wirklich war, fällt jedoch schwer. Welche Motive lenkten sein wirtschaftliches Handeln? Was waren seine Interessen? Was der Garant für seinen Erfolg? Wie konnte er zwei Mal der reichste Mann des Landes werden?

Das Vorspiel

Friedrichs Vater Ernst Flick bewirtschaftete im Siegerland einen Bauernhof. Vor allem aber handelte er in der an Erz reichen Region südlich des Ruhrgebiets mit Grubenholz für die Schwerindustrie. 1907 stieg der 24-jährige Friedrich in die Montan-Industrie ein. Binnen acht Jahren brachte er es in den Vorstand der Charlottenhütte AG aus dem siegerländischen Niederschelden, einem soliden Eisenproduzenten mit geringem Aktienkapital. Flick begann, mit seinem Direktorengehalt und einem Teil der Mitgift seiner Frau systematisch Aktien des Unternehmens aufzukaufen. Bereits während des Ersten Weltkriegs wurde er Großaktionär der Charlottenhütte.

Für die Ruhrbarone – Thyssen, Haniel, Klöckner oder Stinnes – entwickelte sich Flick zu einem lästigen Konkurrenten. Erst recht, als der nach 1918 versuchte, Anteile im Revier zu erwerben. Sie entschlossen sich zum Gegenschlag und kauften jede verfügbare Aktie der Charlottenhütte. Flick lenkte ein und wandte sich von der Ruhr weg nach Osten.

Heimlich kaufte die Charlottenhütte in Flicks Auftrag Aktienpakete oberschlesischer Montanunternehmen, so erwarb er von 1920 bis 1922 dort eine Reihe von Mehrheitsbeteiligungen. Die Kredite, die dafür aufgewendet wurden, waren zum Rückzahlungstermin fast nichts mehr wert: Während der Hyperinflation 1923 fiel der Kurs der Mark ins Bodenlose.

Anfang März 1927 traf sich Flick mehrmals zu vertraulichen Gesprächen mit Mitgliedern der Reichsregierung, um ein gemeinsames Vorgehen im seit 1921 polnischen Teil Oberschlesiens zu verabreden. Die Reichsregierung wollte die „deutschen Wirtschaftsinteressen“ in den ehemals deutschen Ostgebieten schützen, doch ein offenes Engagement hätte einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags bedeutet. Flick bot seine Hilfe an, wie die „Polonisierung“ der Schwerindustrie in Ost-Oberschlesien zu verhindern sei. Außenminister Stresemann versicherte Flick, dass er bei den „geeigneten Maßnahmen“ freie Hand behalten könne. So wurden Schweizer Holdinggesellschaften mit Sitz in Chur und Basel gegründet, die weitere Beteiligungen in Oberschlesien erwarben. Die Charlottenhütte besaß in diesen Holdings entscheidenden Einfluss. Zum ersten Mal praktizierte Flick eine Strategie, die ihm beim weiteren Aufbau seines Konzerns half: die enge Allianz mit der Politik.

Der Gelsenberg-Skandal

Nach dem Ende der Inflation und der Einführung der Reichsmark litt die Schwerindustrie unter erheblichen Überkapazitäten und einer dramatisch sinkenden Rentabilität. Im Oktober 1925 trafen sich Ruhrindustrielle mit Flick, um einen Zusammenschluss zu beraten. Mit der Gründung der Vereinigten Stahlwerke entstand 1926 der größte Montantrust Europas, der fast die Hälfte der Stahlerzeugung und ein Viertel der Kohleförderung in Deutschland kontrollierte.

An diesem „Stahlverein“ war Flick zunächst nur mit fünf Prozent des Aktienkapitals beteiligt. Er plante jedoch einen Coup, der seine Macht deutlich ausweiten sollte. Dafür nahm er die Gelsenkirchener Bergwerks AG, die größte deutsche Zechengesellschaft ins Visier. Die „Gelsenberg“ war am „Stahlverein“ mit knapp 40 Prozent beteiligt. Flick tauschte seine Stahlvereins-Aktien in Papiere der „Gelsenberg“, verschaffte sich Kredit für weitere Anteile, mit denen er sich die Mehrheit sicherte. Schließlich beherrschte er „Gelsenberg“, und „Gelsenberg“ beherrschte als Großaktionär den „Stahlverein“. So wurde Flick auch an der Ruhr zum mächtigsten Industriellen.

Doch die Vereinigten Stahlwerke gerieten in den Strudel der Weltwirtschaftskrise. Im Juli 1931 war das deutsche Bankensystem kollabiert. Auch der „Stahlverein“ war praktisch pleite. In diese Situation platzte am 6. Mai 1932 die Nachricht, dass die Regierung von Reichskanzler Brüning ein großes Aktienpaket der Gelsenkirchener Bergwerks AG aus Flicks Besitz zu einem Kurs von 90 Prozent des Nennwertes gekauft habe – obwohl die Gelsenberg-Aktien an der Börse gerade einmal 25 Prozent wert waren.

Flick hatte das Kabinett Brüning unter Druck gesetzt. Er behauptete, ausländische Interessenten würden seine Aktienpakete übernehmen, wenn das Reich nicht rasch reagiere und ließ das Gerücht streuen, französische Investoren wollten die Kontrolle über den „Stahlverein“ gewinnen. „Die Welschen wieder im Revier“, skandierte die deutsch-nationale Presse und verwies auf die Ruhrbesetzung durch die Franzosen 1923. Zudem drohte Flick, das gemeinsame Vorgehen in Oberschlesien gegen polnische Wirtschaftsinteressen offen zu legen. Dieser Verstoß gegen die Abmachungen mit den Alliierten hätte Deutschland um den letzten internationalen Kredit gebracht.

Die Wirtschaftspresse empörte sich über den Deal. „Flickwerk“ oder „Dunkel um das Flick-Geschäft“ titelten die Zeitungen. Flick aber war saniert und baute mit frischem Geld in der mitteldeutschen Schwerindustrie eine dominierende Position auf.

Die Nationalsozialisten und Flick

In der Endphase der Weimarer Republik unterstützte Flick sowohl die Deutsche Volkspartei als auch Brünings Zentrum. Als er erkannte, dass die konservativen Mitte-Rechtsparteien der Weimarer Demokratie während der Weltwirtschaftskrise an Boden verloren, verteilte er Spenden an die SPD, die national-konservative DNVP und an die NSDAP. Doch nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 legte sich Flick auf eine Seite fest. Insgesamt 7,65 Millonen Reichsmark spendete er in den folgenden zwölf Jahren an die NSDAP. Kein anderer Unternehmer suchte so enge Kontakte zu Hitlers Satrapen. Kein anderes Unternehmen der deutschen Schwerindustrie in privater Hand konnte eine solche Umsatz- und Gewinnsteigerung vermelden.

Flick profitierte nicht nur vom rasch einsetzenden Rüstungsboom. Entscheidend für den Aufstieg seines Konzerns war die Beteiligung an der „Arisierung“, wie die Nationalsozialisten die Übernahme von jüdischem Besitz nannten. 1935 versuchte er, die Waffenfabrik Simson zu übernehmen. Flick war der Kaufpreis jedoch zu hoch, zudem scheute er sich noch, Simson gezielt unter Druck zu setzen. Mehr Erfolg hatte er 1937 beim Hochofenwerk Lübeck, das sich ebenfalls in jüdischem Besitz befand. Zehn Jahre hatte Flick vergeblich versucht, dieses Unternehmen seinem Konzern einzuverleiben. Jetzt schaltete sich das Reichswirtschaftsministerium ein, die Familie des Hauptaktionärs Hahn emigrierte nach England.

Die mit Abstand wichtigste Transaktion beim Ausbau des Flick-Konzerns war die „Arisierung“ des Petschek-Konzerns, zugleich der rücksichtsloseste Zugriff Flicks auf jüdisches Eigentum. Der Konzern war in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Julius-Petschek-Gruppe mit Sitz in Prag und die Ignaz-Petschek-Gruppe im sudetenländischen Aussig. Flick und sein Vertrauter Otto Steinbrinck hatten bereits Ende 1937, Anfang 1938 erfolgreich bei Göring vorgefühlt, um von ihm das Mandat für Verhandlungen mit beiden Gruppen zu erhalten. In einem Brief an Göring schrieb Flick: „Ich würde empfehlen, dass sie mich ermächtigen, diese ersten unverbindlichen Verhandlungen zu führen. In diesen Besprechungen wird man das Terrain so weit klären können, um einen Überblick zu gewinnen darüber, ob die Sache freiwillig geht oder nicht.“

Die Gespräche über den Erwerb der Petschek-Unternehmen verliefen jedoch zunächst ergebnislos. Die Petscheks glaubten ihren Besitz als Teil einer britisch-amerikanischen Holdinggesellschaft vor dem Zugriff Flicks sicher. In dieser Situation drohten Flick und seine Unterhändler damit, die Reichsbehörden darüber zu informieren, dass es sich bei der Holdinggesellschaft um eine Verschleierung der tatsächlichen Besitzverhältnisse handele.

Die Petscheks lenkten ein. Ende Mai 1938 einigten sich beide Seiten darauf, dass Flick und seine Mitteldeutschen Stahlwerke das Aktienkapital der beiden Petschek-Gesellschaften im Nominalwert von 24 Millionen RM für nur 11,72 Millionen RM erwerben konnte.

Die Kriegswirtschaft

In Abstimmung mit der Leitung der Wehrmacht errichtete Flick spezielle Betriebe für die Kriegsproduktion. Die Stahlproduktion der Maxhütte, der Mitteldeutschen Stahlwerke und der Stahlwerke aus der Havelgruppe in Ostdeutschland verdoppelte sich von 1929 bis 1942. Die kriegswichtige Elektrostahlerzeugung wuchs im selben Zeitraum um ein Vielfaches. Der Flick-Konzern erhielt in dieser Zeit zudem eine neue Struktur. Die 1937 gegründete Friedrich Flick KG übernahm die Funktion einer Holdinggesellschaft, die sich auf die strategische Planung, die Rentabilitätskontrolle und die Koordinierung der Betriebsabläufe in den einzelnen Unternehmen konzentrierte. Die Produktion vor Ort und die Festlegung des Produktionsprozesses lag jedoch in der Eigenverantwortung der jeweiligen Konzern-Betriebe. Damit praktizierte Flick ein anderes Verfahren der Konzernführung als sonst in Deutschland üblich: Er besaß keinen in sich geschlossenen Komplex an Betriebsanlagen, sondern regelte die Entwicklung seiner Unternehmen von einer abseits der Produktionsstätten liegenden Holdinggesellschaft. Nach Kriegsende war diese Konstellation Teil der Flickschen Verteidigungsstrategie: Im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess versuchte er deutlich zu machen, dass er auf die Betriebsabläufe seiner Unternehmen, und damit auch auf die Beschäftigung von Zwangsarbeitern, keinen direkten Einfluss ausüben konnte.

Möglich war die enorme Ausweitung der Produktionskapazitäten während des Krieges nur, weil man im Flick-Konzern in bisher nicht gekanntem Umfang auf Zwangsarbeiter als billige Arbeitskraft zurückgriff. Von den 120 000 Beschäftigten in den Flick-Betrieben im April 1944 waren schätzungsweise 50 000 Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und ausländische Zivilarbeiter.

Die Maxhütte im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg forderte bereits kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, im Oktober 1939 Kriegsgefangene für ihre Erzgruben an. Bald darauf erhielt sie die ersten polnischen Gefangenen als Zwangsarbeiter. Flicks enge Kontakte und seine strategischen Allianzen mit dem Herrschaftsapparat der Nationalsozialisten zahlten sich erneut aus: Göring und Himmler zögerten nicht, Flick bei der „Zuteilung“ von Arbeitssklaven bevorzugt zu behandeln.

Trotz fehlender exakter statistischer Angaben zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Flick-Konzern belegen bisher publizierte Quellen die außerordentlich harten Arbeitsbedingungen und das Elend des „Arbeitseinsatzes“. Selbst eine staatliche Untersuchungskommission, die sich im Winter 1942 ein Bild von den Lebensbedingungen in den Zwangsarbeiterlagern an der Ruhr machen wollte, übte an den Zuständen im Lager Katharine, das zu den Essener Steinkohlebergwerken gehörte, scharfe Kritik: „Die Ernährung ist mangelhaft, die medizinische Versorgung völlig unzureichend, eine Behandlung der Kranken fehlt vollständig… Viel Ungeziefer, Strohmatratzen mussten entfernt werden… Arbeiter aus dem Osten werden bisweilen geschlagen...“

Das Nachspiel

1947 eröffneten die Alliierten gegen Flick und fünf seiner engsten Mitarbeiter den Prozess. Das Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal warf ihnen Beteiligung am System der Zwangsarbeit, der Enteignung jüdischen Besitzes, der Plünderung besetzter Gebiete durch Firmenübernahmen, sowie die Mitgliedschaft im „Freundeskreis des Reichsführer SS“ vor.

Flicks Verteidigern gelang es, die Nürnberger Richter davon zu überzeugen, dass der Hauptanklagepunkt Zwangsarbeit außerhalb der Zuständigkeit der Konzernleitung lag, während die Beteiligung an der Enteignung jüdischen Vermögens, der zweite Hauptanklagepunkt, als außerhalb der Zuständigkeit des Gerichts eingestuft wurde. Friedrich Flick wurde dennoch am 22. Dezember 1947 verurteilt: Sieben Jahre Gefängnis lautete das Urteil für ihn, fünf Jahre für seinen Vertrauten Otto Steinbrinck.

Seine Haftstrafe musste Flick jedoch nur bis zum Jahre 1950 verbüßen. Zum einen wurde die zweijährige Untersuchungshaft angerechnet, zum anderen reichte er als einziger Industrieller bei der Hohen Kommission ein Gnadengesuch ein, das auch bewilligt wurde.

Bereits während der Haftzeit begannen Flick-Vertraute damit, den Konzern neu zu ordnen. Drei Viertel seines Konzerns hatten im Osten des Reiches gelegen und waren nun von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt worden. Die komplette Liquidation des Konzerns und die Demontage und Entflechtung der im Westen liegenden Betriebe, so wie von den alliierten Behörden ursprünglich geplant, konnte nach langen Verhandlungen abgewendet werden. Von seinen im Ruhrgebiet liegenden Zechen musste sich Flick zwar trennen, doch konnte er die Verkaufsmodalitäten selbst bestimmen. Mit Rückendeckung Adenauers erreichte er, dass die Käufer seiner Ruhrzechen deutliche Aufschläge zahlten. Mit dem Erlös konnte Flick beginnen, den nächsten Privatkonzern aufzubauen.

Innerhalb von zehn Jahren gelang es Friedrich Flick, erneut ein Konglomerat verschiedener Unternehmen unter seine Kontrolle zu bringen. Flick wurde Großaktionär bei Daimler-Benz und erwarb die Mehrheit des Fahrzeug- und Rüstungskonzerns Buderus/Kraus-Maffei. Ein weiteres einträgliches Engagement waren seine Beteiligungen an den Chemie- und Kunststoffunternehmen Feldmühle und Dynamit Nobel.

Friedrich Flick wurde erneut zum reichsten Deutschen, schaffte es auf der Forbes-Liste der reichsten Männer der Welt auf Platz fünf. Bis zu seinem Tode weigerte er sich jedoch, auch nur eine Mark Entschädigung für Zwangsarbeiter zu zahlen. Dies wäre seiner Meinung nach ein Schuldeingeständnis gewesen.

Der Autor ist Wirtschaftshistoriker in Bielefeld und war Mitglied der Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte der Dresdner Bank während des Nationalsozialismus.

DER INDUSTRIELLE

Auf dem großen Foto von 1930 sitzt Friedrich Flick in der Bildmitte,

zusammen mit Bankiers und Wirtschaftsführern. Die zweite von rechts ist seine Frau Marie.

DER HÄFTLING

1945 wird Friedrich Flick von den Amerikanern

verhaftet. Er sitzt (Bild oben) hinten rechts mit

anderen Industriellen auf der Ladefläche eines Militärlastwagens.

DER ANGEKLAGTE Friedrich Flick steht 1947 vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher -

Tribunal. Rechts neben ihm sitzt sein Vertrauter Otto Steinbrinck. Beide werden verurteilt, Flick zu sieben, Steinbrinck zu fünf Jahren.

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