Zeitung Heute : Fliegende Kunstwerke

Annemie Schneeberger

Der Traum vom Fliegen hat die Menschen seit jeher erfüllt. Düsenjets, Hubschrauber und Sportflugzeuge sind als moderne Verkehrsmittel längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Ein anderer Traum vom Fliegen hat dennoch an Faszination nichts verloren: das Drachensteigen. Wenn die ersten Herbststürme über uns hinwegziehen, sind Drachenbauer wieder allerorten aktiv. Vom einfachen Kinderdrachen über kunstvolle Fluggebilde bis hin zum superschnellen Sportlenkdrachen wird gebastelt, was das Zeug hält. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt - Hauptsache, das Objekt kann fliegen.

Ein "himmlisches Vergnügen" der ganz besonderen Art ist ein Besuch im weltweit einzigen Museum für Kunstdrachen, dem "art kite museum" in Detmold. Mehr als 150 fliegende Kunstwerke mit einem Gesamtwert von rund 20 Millionen Dollar beherbergt das Museum in dem denkmalgeschützten ehemaligen Flugzeughangar, erläutert Öffentlichkeitsreferentin Ingrid Stecker. Die Exponate haben bereits eine weite Reise hinter sich: Auf Einladung des Goethe-Instituts in Osaka / Japan schufen bekannte Künstler aus aller Welt in Zusammenarbeit mit japanischen Drachenbaumeistern 1988 - im Jahr des Drachen - eine hochkarätige Kollektion fliegender Kunstwerke.

Nach einer "Vernissage am Himmel" im japanischen Himeji gingen die "Bilder für den Himmel" auf Welttournee und gastierten in zwölf Jahren in den wichtigsten Kunstmuseen Japans, Europas, Australiens und Amerikas. Mit über drei Millionen Besuchern sei die Drachenausstellung die meistgesehene Ausstellung der Kunstgeschichte überhaupt, berichtet die Referentin Stecker.

Hoch über den Besucherköpfen an einer Gitterrostdecke hängen die Exponate in der riesigen stützenfreien Halle in Detmold - fast als würden sie fliegen. Viele Künstler wählten die klassischen asiatischen Drachenformen für ihre Werke. Als ästhetisches Element bezogen etliche das Bambusgitter in ihre Bilder ein, andere die Transparenz des Japanpapiers. Eindruck erweckend blickt die "Herzdame" auf dem Edo-Drachen von Paul Wunderlich den Besucher an. Bizarr hingegen wirkt der Kaku-Drachen "Descent and Ascent" eines japanischen Künstlers. Als fliegender Engel winkt der Kinshoj-Drachen mit dem Namen "Angel kite" von Ulrike Rosenbach von der Decke. Andere Künstler hielten sich nicht an die traditionellen Formen und gestalteten neue, ungewöhnliche Gebilde: etwa Tom Wesselmann mit seiner "Blondine", Friedensreich Hundertwasser mit seinem Werk "Floating water" oder José de Guimaraes mit "Oguerreiro". Sowohl vom Titel als auch vom Motiv geradezu bestechend sind die Flugobjekte "Starring the star", "Fullmoon" und "The wheel of heaven".

Drachenfeste

Aber auch ein umfangreiches Begleitprogramm lockt Jung und Alt in die Ausstellung: Hier kann man Kindergeburtstag feiern, mit Drachenfutter und Drachengeschichten. Kongresse und diverse "Feiern unter dem Drachen", Drachenbauworkshops,Mitternachtsführungen und Drachenfliegen finden hier statt. Die dem Hangar vorgelagerte Fläche mit angrenzendem Flugfeld sei ein ideales Gelände für Drachenfestivals und andere große Open-Air-Veranstaltungen, schwärmt Ingrid Stecker.

Ursprünglich sollten die kostbaren "Drachenhäute" am Ende ihrer Reise um die Welt zu Gunsten eines wohltätigen Zweckes versteigert werden. Doch schon bald war es nicht mehr vorstellbar, die weltweit einzigartige Sammlung auseinander zu reißen. Große Städte aus aller Welt bewarben sich und wollten die Ausstellung beherbergen. "Die ehemalige Kaserne in Detmold hat ein Umfeld, was kein anderer Ort der Welt zu bieten hat", meint Stecker. Die Stadt am Rande des Teutoburger Waldes bekam deshalb auch den Zuschlag und kann mit Recht stolz auf ihr Museum sein.

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