Zeitung Heute : Fliegende Pferde, tanzende Fische

Die Stipendiaten der Graduiertenschule und ihre überraschenden Projekte

Katharina Buess

Fische sind stumm, das weiß jeder. Und deswegen natürlich auch völlig unmusikalisch. Aber halt, das ist schon falsch: richtig stumm sind sie nicht, sondern nur sehr leise. Und unter bestimmten Umständen können sie auch Musik machen – es braucht nur jemanden zum Übersetzen. An diese Aufgabe macht sich die Musikerin Susanne Heiter und inszeniert die „Tropical Fish Opera“ von Ramon Sender von 1962. Dabei gruppiert sie Musiker um ein Aquarium, an dessen Wände Notenlinien gezeichnet sind. Je nach Position der Fische hinter den Linien werden die Töne dann von den Musikern gespielt; ihre Bewegungen im Wasser werden in Musik übersetzt.

„Das Ergebnis klingt natürlich experimentell“, gesteht Heiter. Die studierte Biologin und Musikerin aus Wien interessiert sich für die Schnittmenge der beiden Fächer und promoviert über das Thema „Tiere in der Musik“. So exotisch, wie es zunächst klingt, sei es gar nicht. „Überraschenderweise habe ich bei meinen Recherchen sehr viele Stücke gefunden, in denen Tiere mitwirken“, berichtet die 33-Jährige. Ihr geht es dabei um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, das in den Geisteswissenschaften gerade sehr aktuell sei; in der Neurobiologie werde derweil eifrig erforscht, was Tiere können. Sie als Musikerin treibt vor allem die Frage an, ob Tiere die Möglichkeit für ästhetisches Handeln haben. Beurteilen kann sie das noch nicht. „Aber ich glaube, dass Tiere deutlich mehr Fähigkeiten haben, als wir ihnen zutrauen.“

Unterstützt wurde Heiters Vorhaben während des letzten halben Jahres durch ein Stipendium der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften an der UdK. Die Graduiertenschule ist ein disziplinübergreifendes Forum, das hoch qualifizierte Absolventen aller künstlerischen und wissenschaftlichen Fächer fördert. Sie wurde 2006 vom Präsidenten der UdK Berlin Martin Rennert initiiert. Zehn beteiligte Professorinnen und Professoren der UdK Berlin haben gemeinsam mit acht Stipendiatinnen und Stipendiaten in diesem Jahr das Konzept der Graduiertenschule erfolgreich in der Praxis erprobt. Noch im Jahr 2009 wird sie als Exzellenzprogramm der UdK Berlin starten.

Ein anderer Stipendiat der Graduiertenschule ist der Künstler Mohamad-Said Baalbaki. Sein Projekt trägt den Namen „Al Burak“. Burak ist der Name des Reittiers des Propheten Mohammed. Das Tier, so geht der islamische Mythos, habe einen Pferdekörper mit Flügeln und einen menschlichen Kopf gehabt – ähnlich wie Pegasus, das geflügelte Pferd aus der griechischen Mythologie. Dessen „Skelett“ hat Baalbaki rekonstruiert. Denn: Wo ist die Grenze zwischen Überlieferung und Wahrheit, zwischen Sage und Naturwissenschaft?

Seit einigen Jahren widmet sich der 35-Jährige dem Thema, wie Gegenstände in musealem Raum ausgestellt werden und dabei große Macht entwickeln können – glauben die Besucher doch, was ihnen gezeigt werde, sei wissenschaftlich belegt. Genau hier sieht Baalbaki eine Gefahr, denn Gegenstände seien manipulierbar oder gar Fiktion, wie sein Pegasus. So besteht seine Rauminstallation aus 50 fiktiven archäologischen Exponaten: Skelette aus weißem Ton, die als „Rekonstruktionen“ deklariert sind, Daten und Fotos der scheinbaren Knochenfunde suggerieren zusätzliche Glaubwürdigkeit. Auf die Idee zu seiner Installation kam Baalbaki im Naturkundemuseum. Hier stand er immer wieder fasziniert vor einer Vitrine, in der vermeintlich ein um 1700 ausgestorbener Vogel ausgestellt wird, die Dronte. Er wurde anhand historischer Zeichnungen rekonstruiert und wird nun – auf den ersten Blick – als museales Objekt präsentiert. Erst bei genauerem Hinsehen lese man eine Beschriftung, dass die scheinbare Dokumentation des Tiers „nicht geeignet für eine wissenschaftliche Rekonstruktion“ sei.

Die Widersprüchlichkeit von Präsentation und Wahrheit inspirierte Baalbaki derart, dass er die nächsten zwei Jahre an seinen eigenen „archäologischen Rekonstruktionen“ arbeitete. Mit ihnen wollte er ein Bewusstsein schaffen, die Autorität der Institution Museum zu hinterfragen. Am besten würde dies natürlich funktionieren, wenn seine Stücke im Naturkundemuseum selbst dazwischengeschummelt und so für Irritation sorgen würden, erklärt Baalbaki mit einem Schmunzeln.

Susanne Heiter zeigt während des Rundgangs am 17. Juli die „Tropical Fish Opera“ von Ramon Sender und „Bird Cage“ von John Cage.

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