Zeitung Heute : Flintenkugeln im Fundament

Dirk Wegner

Bei der Inbesitznahme von Neuseeland ging es rauh zu / Spurensuche an der Bay of IslandsDirk Wegner

Wenn sich die schlanken Fenster oben nicht zu sakralen Spitzbögen verjüngten und im Vorgarten zwischen prächtigen Hortensienbüschen nicht steinerne Kreuze leuchteten, Neuseelands älteste Kirche könnte glatt mit einer weißgestrichenen Bretterbude verwechselt werden. Als die ersten europäischen Siedler 1836 Russells Christ Church errichteten, gab es Wichtigeres als herausgeputzte Betsäle. Dass dennoch mahnende Bibelworte im pazifischen "Paradies" von Nöten waren, beweisen die Einschläge der Flintenkugeln im Fundament des Gotteshauses. Stumme Zeugen einer rauflustigen Vergangenheit.

Rund um die Bay of Islands erstreckt sich ein faszinierendes Wirrwarr aus fast 150 Inseln, ausgefranster Küste, Agaven gesäumten Buchten und puderfeinen Stränden. Hat die Natur der weißen Zivilisation hier nicht die Schönheit der Anarchie vorgezeichnet? Auf der Karte erinnert die vulkanische Genese des erkalteten Festlandes an Bleigießen im Pazifik. Hemmungslos sprießen überall dschungelartige Misch-wälder voller Kletterpflanzen, aus grünem Dickicht leuchten roter Hibiskus und Pohutukawas. Kein Zweifel. Nicht nur bei schönstem Wetter stehen die schlicht zusammengehämmerten Holzhäuschen der Gründerjahre im Schatten dieser grandiosen Naturkulisse. Doch sie halten das historische Erbe auf erholsam rührende Weise lebendig.

Vier Stunden dauert die Autofahrt von Auckland nordwärts in die Subtropen. Mit der sinkenden Sonne werfen grasbewachsene Vulkankegel immer längere Schatten. Das gleißende Abendlicht lässt Schafherden auf den Wiesen golden leuchten und legt eine friedliche Stimmung über die Landschaft. Doch gelegentlich erzittert die Idylle. Entgegenkommende Trucker verwechseln auf dem Slalomkurs durch hügeliges Gelände ihre schweren Sattelschlepper mit spurtstarken Sportwagen. Selbst in Kurven donnern sie in erschreckendem Tempo vorbei.

In Opua wartet die Fähre nach Russell. Das sanfte Tuckern des Schiffsmotors beruhigt die permanent überwältigten Sinne. In jeder Richtung ein Postkartenmotiv. Junge Farnbäume spreizen lindgrüne Riesenfinger, türkisfarbenes Wasser schwappt gegen die weißen Bordwände wippender Luxusyachten, Salzwassergeruch mischt sich mit Diesel und Blütenduft. Natürlicher Wildwuchs als schöpferisches Motto hat auch in der nationalen Gründerzeit eine große Rolle gespielt. Als die ersten hellhäutigen Siedler ins "Land der langen Weißen Wolke" einreisten, erschrak das Urvolk zunächst über den Anblick viktorianischer Blässe. Irritiert bezeichneten sich die verschiedenen Kanibalen-Stämme als "Maori", als "normal".

Russell hieß Anfang des vorigen Jahrhunderts noch Kororareka, was "süßer Pinguin" bedeutet. Doch die erste Hauptstadt der Nation galt bald als Sammelplatz für desertierte Seeleute, entflohene Sträflinge, Schnapshändler und Robbenjäger.

Kaum hatten diese Pakehas, diese "europäischen Eroberer", ihre Schiffe verlassen, schon prügelten sie sich mit den Maoris um Landbesitz und Fischereirechte. Als Kulturgut importierten die weißen Männer Bibeln und Gewehre, Schnaps und Masern. Während sich ihr Besitz rasch vergrößerte, sahen die Ureinwohner ihr Mana, ihr Prestige, schwinden. Ob jene ersten Siedler, die vor der Massenarmut englischer Großstädte, sadistischen Kapitänen oder hartnäckigen Gläubigern hierher flohen, Muße zum Strandurlaub hatten? Heute lässt sich entspannt durch das einstige "Höllenloch des Pazifiks" bummeln. Der verträumte Ort ähnelt eher einer lebensgroßen Puppenstube. Neben der kleinen anglikanischen Kirche halten noch eine Handvoll historischer Häuser die Erinnerung an jene frühen Jahre wach, als hier erstmals in Neuseeland eine Bank, eine Post und ein Zollamt eingerichtet wurden.

Wo das Duke of Marlborough Hotel mit seinen viktorianischen Schnörkeln die Strandpromenade schmückt, erteilte das englische Mutterland 1840 einem ehemaligen Sträfling die erste neuseeländische Lizenz zum Alkoholausschank. Der koloniale Grundstein für eine Biertrinkernation war gelegt. Wer auf der lauschigen Veranda keinen Durst auf ein schaumlos gezapftes Blondes verspürt, sollte lieber saftigen Apfel-Blaubeer-Pie versuchen. Nebenan dient das 1870 in neugotischem Stil erbaute Custom House als Polizeirevier. Dass in diesem Garten Eden jemand krumme Dinger drehen könnte, strapaziert allerdings die Vorstellungskraft. Wahrscheinlich dösen die Ordnungshüter täglich hinterm Schreibtisch und genießen einen lauen Lenz.

Auf der Wasserlinie am Horizont balancieren einige Surfer. Dahinter flimmert das geschäftigere Zentrum der Bay: Paihia. Eine Passagierfähre fährt direkt hinüber, mit dem Auto geht es nur über Opua. Die Hauptstraße Paihias verläuft parallel zum Strand.

Auf der Landseite versprechen diverse Ausflugsanbieter den Blick ins maritime "Paradies" zum Sonderpreis. Auf Seeseite ködern die Skipper tatendurstige Hobbyangler mit einer erfolgreichen Jagd auf den Blauen Marlin. Rundherum formt der Pazifik den Alltag an Land: Ein Lieferant für Meeresfrüchte lädt kistenweise zappelnde Langusten aus. Fischrestaurants versprechen exotisch klingende Gaumenfreuden. Aufgeblasene Schlauchboote werden vom Autodach gezerrt, daneben wühlt ein Bagger im flachen Wasser neue Ankerplätze für weitere Schiffe frei. Über allem flattert der Weihnachtsmann an einer Fahnenstange und wünscht bei dreißig Grad im Schatten aus tiefblauem Himmel "Merry Christmas".

Von Paihia aus lassen sich sämtliche Ausflüge ins Labyrinth der 144 Inseln organisieren. Wer vier bis fünf Stunden zwischen strahlender Sonne und glitzernden Wellen an Deck zubringt, sollte auf ausreichenden Schutz vor den UV-Strahlen achten, die immer noch ungefiltert durch das Ozonloch knallen. Doch mit der richtigen Vorsorge steht Fahrten zum "Hole in the Rock", nach Roberton Island oder der Grand Cathedral Cave nichts im Weg. Der Cream Trip führt über 60 Meilen entlang einer alten Schiffsroute, auf der einst abseits gelegene Siedler mit Post versorgt und die Milch von den Höfen eingesammelt wurde.

Wenige Kilometer weiter liegt Neuseelands geschichtsträchtigster Ort in einem herrlichen Park. Vor dem Treaty House des Waitangi National Reserve unterschrieben die Maori-Führer am 6. Februar 1840 den Vertrag, mit dem Neuseeland Teil des Britischen Empire wurde. Es ist erstaunlich, dass dieser ehemalige Wohnsitz des Repräsentanten der britischen Krone erst 1932 zum Nationaldenkmal hergerichtet wurde. Vor hundert Jahren wehte noch ein scharfer Geruch über den Rasen. Das historische Domizil diente damals vorübergehend als Schafstall. Derartige Freveltaten an der Geburtsstätte der Nation gehören jedoch der Vergangenheit an. Inzwischen entstand vor der glitzernden Wasserwelt eine weitläufige Oase, die mit nahezu paradiesischer Blütenpracht Bienen und Besucher gleichermaßen anlockt.

Am 6. Februar ist immer besonders viel los. Dann herrscht normalerweise nicht nur herrliches Sommerwetter, sondern auch Partystimmung: Am Waitangi Day feiert die Nation ihren Geburtstag. Genauer gesagt, der europäische Teil. Dem anderen, dem polynesischen, ist eigentlich nicht so recht nach Feiern zumute. Seit 1840 fühlen sich die Ureinwohner königlich enteignet. Damals übertrugen die Stammeshäuptlinge in der kleinen subtropischen Siedlung Waitangi ihre Souveränitätsrechte der englischen Krone. Das Dokument sollte ihnen Unabhängigkeit und ihre angestammten Ländereien garantieren. Ein trügerischer Irrtum. Bis heute klagen die Urenkel vor dem Waitangi Tribunal um die Rückgabe geraubten Grundbesitzes. Sie erinnert dieses Jubiläum nicht an eine natürliche Geburt, eher an einen Kaiserschnitt, dessen Narben bis heute schmerzen.

In der exotischen "Wiege" Neuseelands stehen die europäischen Anfänge in erkennbarem Kontrast zur Jahrhunderte alten Maori-Kultur. Wenige Meter vom Treaty House entfernt thront ein 35 Meter langes Kriegskanu mit dem unaussprechlichen Namen Ngatokimatawhaorua in einem luftigen Bootshaus. Das an Schnitzereien reich verzierte Kunstwerk aus Kauriholz läuft jedes Jahr zu den nationalen Feierlichkeiten neu vom Stapel. 80 Maori-Männer rudern die drei zusammengebundenen Baumstämme durch das fischreiche Küstengewässer an den Ehrengästen vorbei.

Reibereien auf Nasen beschränkt

Beim Treffen der Politprominenz grübeln die Sicherheitskräfte immer wieder, wie der Premierminister oder Prinz Charles, als geladener Repräsentant des britischen Königshauses, vor radikalen Ureinwohnern am besten zu schützen sei. Doch Prinz und protestierende Maoris begegneten sich bislang friedlich. Reibereien blieben mit einem traditionellen Hongi auf die Nasen beschränkt. So will es auch das Credo des Whare Runanga, eines ornamentreichen Versammlungshauses, vor dem die Prominententribüne jedes Jahr aufgebaut wird. "Du bist eingeladen, deinen Ärger, deine Unzufriedenheit und deine Fragen mitzubringen, aber wenn du gehst, nimm Frieden, Gutmütigkeit und Freundschaft mit", lautet die Besucherbotschaft. Im Inneren symbolisiert jedes der 28 Wandreliefs Ahnengeschichte und Prestige eines neuseeländisches Maori-Stammes, in Holz geschnitztes, kulturelles Selbstbewusstsein der Ureinwohner. Zwischen Meeresrauschen und Lichteffekten raunt ein Männerbass im Halbunkel historische Mythen. Dazu strecken die polierten Vorfahren mit schillernden Muschelaugen ihren Betrachtern die Zunge heraus. Keine Unhöflichkeit, nur eine uralte Maori-Geste, die Furchtlosigkeit und herausfordernde Kraft demonstriert.

Draußen werfen mächtige Baumkronen ihre kühlen Schatten über Kunst und Kultur. Lautlos teilt eine Sonnenuhr den restlichen Tag ein. Durch Blumenduft weht Kinderwispern. Eine japanische Reisegruppe kichert im Halbkreis schüchtern in eine Kameralinse. Drei Dutzend Mandelaugen blinzeln vom englischen Rasen voller Begeisterung über die Inselwelt der Bay of Islands. Etwas von dieser Faszination muss damals wohl auch in den Augen der ersten europäischen Siedler geflackert haben. Tipps für Neuseeland

Touren: Vom Schwimmen mit Delfinen bis zum legendären "Cream Trip": Fullers Northland, Maritime Building, Marsden Road, Paihia; Tel.: 09 / 402 / 74 21. Begegnungen mit der Maori-Kultur: Northland Maori Tourism, Box 97, Bay of Islands; Tel.: 09 / 402 / 61 88. Bikulturelle Touren in Waitangi und Paihia, Workshops, Unterkunft, Kapa haka Shows: Tamati Edmonds; Tel.: 09 / 402 / 68 08.

Waitangi National Reserve, Maori-Name: wai (Wasser), tangi (weinend).

Eintritt: Erwachsene acht Dollar, Kinder frei. Täglich geöffnet von 9 bis 17 Uhr, PO Box 48, Paihia; Tel.: 09 / 402 / 73 08. Weitere Informationen: Im Internet unter

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