Zeitung Heute : Flitterwochen

Sie ist links, sie trägt ein Attac-T-Shirt – und schwingt die deutsche Fahne. Wilde, irrsinnige Nächte. Was ist los im Land?

Peter Becker[München] Berlin[München] Robert Ide[München]

Das Tor fällt in der Nachspielzeit, der Jubel geht in die Verlängerung. In der Innenstadt von München unterteilt er sich nach dem Treffer von Oliver Neuville gegen Polen in drei Phasen. Zuerst der Torschrei – ein dröhnendes Jaaaaa! aus allen Kneipen und Biergärten, das bis zum Abpfiff des Spiels um die Häuserecken tobt –, danach eine kleine Stille, die sich über die Straßen legt; Zeit des Biernachbestellens. Und schließlich, nach wenigen Minuten, kurven Tausende Autos und Motorräder mit Fahnenfaschingskostümierten durch das Zentrum, hupend wie bei einem Hochzeitskorso. Deutschland traut sich, die Menschen sagen Ja zu ihrem Land. Es sind Flitterwochen.

Es ist ein Bild aus tausend Selbstverständlichkeiten, das manch großer Geist zu einem nationalen Ganzen zusammenzufügen versucht. Doch in den Stadien ist von Patriotismus nirgendwo die Rede. Die Fans feiern einfach in ihren Landesfarben, als hätten sie nie etwas anderes getan. Und das geht so: In Münchens WM-Arena läuft am Mittwochnachmittag die zweite Halbzeit des Spiels zwischen Tunesien und Saudi-Arabien, das Deutschland-Spiel in Dortmund beginnt in wenigen Stunden. Die Fans auf den voll besetzten Rängen sind vorrangig Deutsche, die einfach nur bei der Weltmeisterschaft dabei sein wollen. Sie vertreiben sich die Spielzeit mit La Ola und schlagen sich schließlich auf die Seite von Saudi-Arabien, dem Außenseiter im Außenseiterduell. In der zweiten Halbzeit rufen einige Fans „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“ und erheben sich, ihnen folgt ein Block, eine Tribüne, das ganze Stadion. Plötzlich stehen alle und klatschen singend in die Hände, auch die Araber und Afrikaner machen mit. Und schon erschallt der alte Pokal-Schlachtruf, der seit dem Eröffnungsspiel von Stadion zu Stadion durch das Turnier getragen wird: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ In der Hauptstadt findet am 9. Juli das Endspiel statt.

Der alte Mann, der in die Trattoria bei Remo in der Hein-Hoyer-Straße in Hamburg kommt, hat schon bessere Zeiten erlebt. In den Händen trägt er Tüten voller leerer Plastikpfandflaschen, Obdach hat er nicht. Ob er sich denn draußen auf die Bierbank setzen dürfe, fragt er, auch er wolle Fußball gucken. Der Kellner erlaubt es, der alte Mann sagt leise „und ein Bier?“ „Subito“, sagt der Kellner, „geht aufs Haus, du hast ja eh kein Geld.“ Dann geht er zum Tresen, um das Bier zu holen, er trägt ein Deutschlandtrikot, und laut singt er, „schade, Polski, alles ist vorbei“.

Die Trattoria bei Remo liegt im Kiez um die Reeperbahn, im Herzland des FC St. Pauli, jenes Fußballklubs, dessen Anhänger sich mehr der Anarchie als der Staatstreue verpflichtet fühlen. In der Trattoria sitzen ein paar dieser Anhänger, es sind Gesichter und Typen, wie man sie aus dem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ kennt: Jungen, Mädchen, jung, offen, und was sie reden, weist sie als Vertreter des linken politischen Spektrums aus. Es ist ein Milieu, in dem kurz nach der Wende die Sorge grassierte, Gesamtdeutschland wolle auch wieder Großdeutschland werden, und wo Sprüche kreiert wurden wie „Halt’s Maul, Deutschland“. Als das Spiel angepfiffen wird, steht einer aus der Gruppe auf, hebt die Arme und singt. Was er singt, ist die Adaption eines uralten und ureigenen FC-St.-Pauli-Songs: „Deutschland ist der geilste Klub der Welt.“

Was ist hier los? Sie tragen T-Shirts, auf denen „Weltpokalsiegerbesiegter“ steht, eine Anspielung auf den Sieg der Hamburger über den FC Bayern München – und ein politisches Bekenntnis wider die kapitalstrotzenden Großkopferten im Lande. Eine junge Frau trägt ein Shirt mit dem Logo von Attac, den Globalisierungsgegnern – und schwingt eine Deutschland-Fahne. Ja, die Bekenner zum Land sind nicht allein die Saturierten, die sich eingerichtet haben und den Kampf nie wollten oder längst aufgegeben haben. Es sind die Jungen, denen vieles nicht passt, die aber gerne hier leben. Als Angela Merkel auf der Leinwand auftaucht, schnellen in Remos Trattoria die Stinkefinger in die Höhe.

Deutschland tobt und tanzt. Es ist kein dumpf besoffenes, gröliges Taumeln, sondern ein wunderbar heller, die Nacht erleuchtender Irrsinn. Nicht nur in der Hauptstadt mit ihrer Parade-Fanmeile wirkte Oliver Neuvilles erlösendes Tor ab Mittwoch 22 Uhr 47 wie eine millionenfach verabreichte Glücksdroge. Selbst die Polizei war machtlos, wo alle öffentliche Ordnung im friedlichen Feierrausch außer Kraft gesetzt wurde. Auf Berlins Kurfürstendamm existierten vor Mitternacht nicht einmal mehr Reste der Straßenverkehrsordnung.

Was die Türken und ein paar andere hupende Südländer den deutschen Autofahrern jahrlang vorgemacht hatten, war diesmal keine schüchterne oder beflissen imitatorische Probe mehr. Sondern die Premiere eines so in Deutschland wohl noch nie erlebten Jubelwagenkorsos. Auf allen Fahrbahnen und in beiden Richtungen des Ku’damms ergoss sich der beflaggte Triumphzug. Egal ob in Fahrt oder im Stau, auf den Rücksitzen und teilweise sogar auf dem sonst so heiligen Blech von Motorhauben und Autodächern bewegten sich schwarzrotgoldene Mädchen und Jungs in eher südlichen Rhythmen. Und wie die vielen Nationalfarben längst nicht mehr nationalistisch oder martialisch wirken, so schienen auch in der Melodie des zigtausendfachen Gehupes auf einmal Sambaklänge mitzuschwingen in dieser tropischen Juninacht.

Manchen waren Flaggen und Wimpel als Schmuck schon nicht mehr genug – einer hatte seine eher polenroten Karre mit dem riesigen Schriftzug „Ballack“ und der Nummer 13 beklebt. Andere haben WM-Trikots nicht mehr nur am Leib oder im Fenster kleben, sondern auf die Karosserie gedruckt. Dazu zeigt sich: Außerhalb Kaliforniens, wo der Bundestrainer herkommt, gibt es wohl die meisten Cabrios in Deutschland. Beim Hotel Kempinski, wo eben noch die Brasilianer genächtigt haben, werden zwei unbeflaggten Berliner Blondinen im offenen BMW vom Straßenrand schwarzrotgoldene Papierfähnchen zugereicht, und aus den Restaurants und Cafés am Boulevard des Berliner Westens wird das große Straßentheater immer wieder mit Beifall bedacht.

Die Euphorie lässt offenbar auch die ältesten Feindbilder der Fußballfans verschwinden. Der Deutsche Fußball-Bund, kurz DFB, muss normalerweise bei jeder noch so kleinen Unregelmäßigkeit als Blitzableiter herhalten. Nach dem Sieg gegen Polen aber skandierte eine berauschte Fangruppe in der Potsdamer Straße in Berlin einen Slogan, der vor wenigen Tagen noch schier undenkbar gewesen wäre: „Hier regiert der DFB!“

Es ist in jeder Stadt das gleiche Bild. Und jedes Bild hat so viele Gesichter. Manche Teile des Taumels hat man sich ein wenig abgeschaut bei den ausländischen Fans, die an den Spieltagen die Städte mit ihrer Farbentracht übergießen. Am Donnerstag ist Nürnberg voller Engländer, und deshalb holen die Einwohner ihre Deutschland-Trikots aus dem Schrank oder kaufen sich noch schnell eine Fahne oder ein Tuch. Oder Leipzig: Als die Holländer hier gastieren und die Stadt in einen orangefarbenen Mantel hüllen, bilden sich Schlangen an den Souvenirgeschäften. Viele holen sogar ihre Fahnen von den Einheitsfeiern und den „Helmut, Helmut“-Kundgebungen aus den Kellern. Sie sind zu erkennen am angegilbten Bundesadler oder am herausgeschnittenen DDR-Emblem. Die Jungen geben lieber Geld für ihre Symbole aus, der Renner sind schwarzrotgoldene Blumenketten aus Plastik.

Deutschland macht auf südländisch: BVG-Mitarbeiter tanzen in der Berliner U-Bahn mit den brasilianischen Sambagruppen mit, eine Schulklasse in Nürnberg singt mit den Engländern ein länderübergreifendes „Olé, olé, olé“, und die Münchner Berufspendler lachen mit den Tunesiern über den zusammenbrechenden Nahverkehr. Nur einer schämt sich, dass bei der Rückfahrt vom Stadion keine Züge kommen, um die Massen in die Stadt zu bringen. „Da präsentieren wir uns aber toll, wenn es drauf ankommt“, schimpft der ältere Herr, der eine schwarzrotgoldene Pickelhaube aus Plastik auf dem Kopf hat. Doch die Tunesier beruhigen ihn: „Nicht so schlimm.“ Und dann singen und schwitzen wieder alle gemeinsam. Und so vermischen sich seit einer Woche im ganzen Land die Landeskulturen, so wie sich die globalen Freizeitkulturen schon lange vermischt und vielleicht auch schon vereinheitlicht haben.

Die Feierlichkeiten nach dem deutschen Sieg gehen bis in die frühen Morgenstunden, in München, in Hamburg, in Berlin, ja, wo eigentlich nicht? Es ist wie vor vier Jahren, als in Seoul und überall in Südkorea vorwiegend jugendliche Fußballfans auf die Straßen gingen und einerseits ihre Mannschaft feierten, andererseits sich und drittens ihr Land, gerade so, als wollten sie sagen, dieses Land gehört nicht nur euch, der Wirtschaft, der Politik, der Korruption, es gehört auch uns.

Zurück in der Hamburger Trattoria: Es ist die Hölle los nach dem Sieg in der kleinen Kneipe, und der alte Obdachlose darf mitsaufen. Draußen tanzt sich die Reeperbahn ins Glück. Die Massen haben sich auf die Straße gewälzt, wer nicht kostümiert ist mit deutschen Emblemen, fällt auf. Die Menge singt, sie lässt Deutschland hochleben, aber nicht mit jenem dumpfen Stakkato-Klatschmarsch, der 1990 ungute Gefühle weckte, als die Nationalmannschaft in Italien den Titel gewann und mit eben diesem Klatschmarsch gefeiert wurde, am Ende der Klatschorgie war ein grausiges „Sieg!“ gebrüllt worden. Und auch nicht wie 2002 bei den Übertragungen der Spiele aus Asien, als der deutsche Finaleinzug in deutschen Cafés schon mit Deutschlandfahnen gefeiert wurde, aber immer noch mit einem Gefühl skeptischer Zurückhaltung. Diesmal aber ist nichts tümelnd, nichts skeptisch, sondern nur fröhlich, freudig, trunken. Auch die Huren gegenüber der Hamburger Davidswache tragen die Farben, schwarzer String, roter Body, goldener Gürtel oder umgekehrt. Die, die in der Herbertstraße aus den Schaufenstern winken und lachen, haben Deutschlandfahnen im Fenster, die Atmosphäre ist nicht schmuddelig-geschäftig, sondern leicht und unbeschwert.

Wer 1974 schon auf der Münchner Leopoldstraße nach dem deutschen Finalsieg mit wildfremden Mädchen tanzen konnte und danach auch ein paar WM- und Europapokal-Feiern zwischen Madrid und Rom erlebt hat, der fragt sich jetzt nur noch eins: Wie lässt sich diese ekstatische Euphorie nach zwei Vorrundenspielen noch steigern? Wenn es Richtung Finale erst wirklich ernst wird, kann das ja heiter werden. Wahnsinn halt, und keiner möchte „Halt, Wahnsinn!“ rufen.

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