Zeitung Heute : Flohmarkt

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Neulich durchsuchte ich meine Wohnung nach Entbehrlichem, das ich auf dem Flohmarkt am Arconaplatz verkaufen wollte. Ich fand einen Wasserkocher, mehrere Simple-Minds-CDs, eine Tasche aus Lkw-Plane, eine gefütterte Jeansjacke, Stiefel, Pumps und fast ungetragene Turnschuhe. Für diese Dinge, fand ich, könnten andere Geld zahlen wollen. Die waren ok.

Aber da hatte meinerseits der Verrat ja schon angefangen. Die Pumps aus New York, ein Urlaub mit einer Freundin: Was sollte ich dafür nehmen, um die Erinnerung zu würdigen? Die Lkw-Planentasche, Geschenk einer alten Liebe, darf man das überhaupt verkaufen? Die Stiefel, das erste Paar Schuhe, für das ich mal 400 D-Mark ausgegeben habe. Kaum getragen. Doch was wird man auf dem Flohmarkt dafür bekommen? Nirgends ist der Käufer so brutal wie beim Trödelschacher. Die Turnschuhe zum Beispiel hob zwar jeder hoch, drehte und wendete sie, doch wenn ich sagte, dass die zehn Euro kosten, guckten die Leute, als hätte ich ihnen in den Fuß geschossen.

Nein, die meisten wollten keinen fairen Handel. Die wollten die Sachen am liebsten geschenkt, und auch nur, wenn ein Markenname draufsteht. Die besonders schnurrbärtigen Männer hatte ich im Verdacht, ohnehin nur Zwischenhändler auf dem Warenweg in den Osten zu sein. Aber ohne mich. Bevor ich die Turnschuhe für acht Euro verkaufe, verschenke ich sie. Ein schlechtes Geschäft macht den Verrat an Eigentum und Erinnerung noch schlimmer. Wohltätigkeit dagegen lindert.

Ich dachte an lauter Krimskrams, der zu Hause lag, weil ich mich geniert hätte, so was zum Verkauf anzubieten. Ein völlig überflüssiges Gefühl. Es gibt auch Käufer für einzelne selbst gestrickte Socken mit Loch, Hauptsache der Preis stimmt.

Es waren vier Frauen am Stand, die erfolgreich aussahen und selbstbewusst, die aber ihre Männer holten, damit die sagen, ob die Frauen sich alte Pullis für sieben Euro kaufen. Sieben Euro sind auf dem Flohmarkt ein Heidengeld, aber die Zögerlichkeit hat mich trotzdem bestürzt. Die Männer haben in allen Fällen vom Kauf abgeraten. Die Frauen hätten sich trennen sollen. Ich packte zusammen.

Trödelmarkt am Arconaplatz ist immer sonntags. Standmiete zwischen 5,50 Euro und 24,50 Euro. Infos unter Tel. 78 69 764

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