Zeitung Heute : FLORENZ UND BAGDAD

SACHBUCH

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_ von STEFFEN RICHTER

In seinem Roman „Rot ist mein Name“ erzählt Orhan Pamuk von einem blutigen Streit zwischen Traditionalisten und Erneuerern in der islamischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Die Traditionalisten gebieten, „eine Horizontlinie“ zu ziehen und „wie Allah die Welt von oben“ zu sehen. Den Neuerern, die von der Kunst der Perspektive erfahren haben, werfen sie vor, die Welt „aus dem Blickwinkel eines dreckigen Straßenköters“ zu betrachten. Die Perspektive, das wird deutlich, ist weit mehr als ein kunsthistorisches Darstellungsdetail. Sie ist eine Frage der Weltsicht und folglich ein Politikum. Was Pamuk nicht wusste: Lange bevor die verpönte Perspektive eine westliche Kunstpraxis wurde, gehörten ihre mathematischen Grundlagen zum festen Bestand der arabischen Wissenschaft.

So zumindest lautet die wichtigste These in Hans Beltings kunstgeschichtlicher Untersuchung über die Verwobenheit von „Florenz“ und „Bagdad“, von arabischer und europäischer Kultur zu Beginn der Neuzeit. Die Erfindung der Perspektive als einer Bildtheorie in der Malerei der Renaissance, so Belting, fußte auf einer mathematischen Theorie des Sehens, die in der arabischen Welt entwickelt wurde. Im Mittelpunkt steht dabei der in Bagdad ausgebildete und in Kairo wirkende Mathematiker Alhazen (965–1040) mit seinem so vergessenen wie wirkungsmächtigen Werk von der „Perspectiva“. Belting allerdings geht es nicht darum, die Pole Florenz und Bagdad gegeneinander auszuspielen, um die Vorzeitigkeit oder gar Vorrangigkeit des einen oder anderen zu behaupten. Seine „westöstliche Geschichte des Blicks“ ist vielmehr eine faszinierende Komparatistik der Kulturen in Gestalt eines „Bildwechsels“, der selbstverständlich auf gleicher Augenhöhe erfolgt. Es geht vor allem darum, historische Dispositive des Wissens freizulegen – ohne sich gegen politische Aktualisierungen zu sperren, die der Thematik unweigerlich zuwachsen (Stichwort Karikaturenstreit). Nicht um Gemeinsamkeiten ist es Belting zu tun, sondern um Erkenntnis und Verständnis fördernde Unterschiede zwischen arabischer und westlicher Kultur.

Die Erfindung der Zentralperspektive im Florenz des 15. Jahrhunderts war ein revolutionärer Einschnitt in der europäischen Bildpraxis. Mit ihm wurde die „Bedeutungsperspektive“, also die Darstellung von Objekten und Figuren gemäß ihrer Geltung, durch mathematisches Kalkül ersetzt. Mithilfe der Perspektive wird auf einer zweidimensionalen Fläche der dreidimensionale Raum simuliert. Das perspektivische Bild gibt vor, die natürliche Wahrnehmung zu spiegeln, ein „Faksimile unseres Sehbildes“ zu sein – und ist doch ein hochgradig komplexes Konstrukt, eine Fiktion. Entscheidend an der perspektivischen Fiktion ist, dass sie einen Blick ins Bild einbezieht, ein Betrachtersubjekt voraussetzt. Diese Bildpraxis nennt Belting (mit Ernst Cassirer) eine „symbolische Form“, in der sich die westliche Kultur der Neuzeit ausdrückt.

Ihr steht die Kulturtechnik des Bildes in der arabischen Welt entgegen. Diese ist von einer restriktiven Bildpolitik geprägt, die Abbildungsfragen mit der Gottesfrage verknüpft und Bilder weitgehend tabuisiert. Der Grund erinnert an Platons Argumentation: Bilder seien eine Art Schöpfungsplagiat, eine sündhafte Fiktion des Lebens, die das Monopol des Wortes unterwandern. Der versperrte Zugang zur Bildtheorie öffnet aber die Tore umso weiter zu einer Theorie des Sehens, die Abu Ali al Hasan Ibn al Haitham – latinisiert zu Alhazen – um das Jahr 1000 entwarf und die Belting für eine Kulturgeschichte der Perspektive erstmals produktiv machen kann. Alhazen war Mathematiker und zugleich induktiv vorgehender physikalischer Experimentator. Im Unterschied zu den antiken Optikern Euklid und Ptolemäus glaubte er nicht an Sehstrahlen, die das menschliche Auge aussendet, sondern untersuchte die Brechung der Lichtstrahlen in der Augenlinse selbst. Ihm zufolge empfängt das Auge keine Abbilder der Wirklichkeit, sondern ein Mosaik aus gebrochenen (und berechenbaren) Lichtpunkten, das eine geometrische „Sehform“ bildet. Auf derselben Geometrie beruhen zeitgleich in Blüte stehende Kulturtechniken der arabischen Welt wie die kanonische proportionierte Schrift oder der Knotenstil (die Arabeske). Noch das Dekor der Alhambra in Granada, so Belting, halte originelle Lösungen mathematischer Probleme bereit. Die abstrakten geometrischen Lichtgesetze jedenfalls kommen ohne Betrachter aus. Sie sind ihrerseits eine „symbolische Form“ der arabischen Welt, der es statt um Tiefendimension und Subjektivität um den Ausdruck einer strengen Flächenordnung geht. Die Lichtgesetze entwerfen als dargestellte Geometrie – etwa in Gestalt der Fenstergitterform „Maschrabiyya“ – eine Kunst eigenen Rechts, während sie im Westen als darstellende Geometrie der Kunst der Perspektive unterlegt werden.

Wie aber, fragt Belting, ist zu erklären, „dass eine arabische Sehtheorie, mit ihrer geometrischen Abstraktion, im Westen gegen ihren eigenen Sinn in eine Bildtheorie umgedacht wurde, die einen menschlichen Blick zum Angelpunkt jeder Wahrnehmung macht und ihn in Bilder fasst“? Bedingung für die Rezeption der Sehtheorie war zunächst die Akzeptanz rationalistischen Denkens und experimenteller Verfahren im Gefolge Roger Bacons. Dass es die Idee einer standortgebundenen Wahrnehmung schon gab, bevor man sie berechnen konnte, kann Belting anhand der simulierten Tiefenräume in der vorperspektivischen Malerei Giottos zeigen. Berechenbar wird die Perspektive aber erst mit einer veränderten Raumauffassung: der Erfindung des mathematischen Raumes durch Biagio Pelacani. In dem von ihm konzipierten leeren mathematischen Raum ließ sich die Körperwelt in ihren Ausdehnungen und Entfernungen erstmals konkret lokalisieren. Diese Vermessbarkeit der visuellen Wahrnehmung wiederum war Voraussetzung für die Einführung der Perspektive in der Architektur durch Filippo Brunelleschi und ihre erste Theorie bei Leon Battista Alberti. Damit war die westliche Bildtheorie zum Anwendungsfall der östlichen Sehtheorie geworden.

Die Genealogie der Perspektive von Alhazen über Pelacani zu Architekten und Malern der Renaissance kann, gesteht Belting, sich nur auf Indizien stützen, anstatt zeitgenössische Zeugnisse der direkten Einflussnahme vorzuweisen. Diese Indizienkette ist beeindruckend. Sie ist es umso mehr, als Beltings stupende Gelehrsamkeit über ihre Fachgrenzen hinausgreift (etwa in Richtung Theologie) ohne deswegen Allzuständigkeit zu behaupten. Belting verhandelt zeitgleiche Entwicklungen, die das anthropomorphe europäische Denken spiegeln wie etwa die Praxis des Porträts oder die Entstehung des perspektivischen Bühnenbildes im Schauspiel. Die Argumentation ist einerseits konzise, andererseits offen genug, um neue Denkräume aufzustoßen.

Die gängige Vorstellung, die Perspektive gehöre zum verschütteten Wissen der Antike und sei in arabischen Übersetzungen lediglich wieder zugänglich geworden, dürfte damit überholt sein. Erstens rechnet dieser Irrtum mit einem unrealistisch hohen Stand der antiken Mathematik, zweitens geht er auf eine Doktrin der Renaissance zurück, die in der arabischen Kultur lediglich eine Mittlerkultur sehen wollte. Tatsächlich aber ist die Perspektive, die den westlichen Blick so maßgeblich bestimmt, dank technischer Medien wie Fotografie und Film gleichermaßen europäischer Exportschlager wie Instrument der Kolonisierung geworden: als „Norm für das ,natürliche Sehen’“. Dass sie in der arabischen Wissenschaft wurzelt, gehört zu den Geheimnissen, die die westliche Gesellschaft lange vor sich verborgen hielt. Dank Hans Belting kann man es nun besser wissen.

Eine westöstliche Geschichte des Blicks. Verlag C.H. Beck, München 2008. 319 Seiten, 29,90 €.

Hans Belting, geboren 1937, genießt als Kunsthistoriker einen internationalen Ruf. Zu seinen wichtigsten

Büchern zählt „Bild und Kult – Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst“

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