Zeitung Heute : Fluch und Segen

Es geht darum, zwischen Lebensqualität und wirtschaftlichem Aufschwung eine Balance herzustellen.

Johanna Schlaack
Arbeitsplatz. Mit dem Flughafen entstehen neue Jobs. Foto: dapd
Arbeitsplatz. Mit dem Flughafen entstehen neue Jobs. Foto: dapdFoto: dapd

Die einen werden feiern, die anderen bangen. Während für die Bewohner im Norden Berlins mit der Schließung von Tegel endlich die ersehnte Ruhe einkehrt und sich eine weitere Steigerung der Preise ihrer Wohnimmobilien abzeichnet, sind die anderen wie etwa die Flughafennachbargemeinde Blankenfelde-Mahlow in Sorge. Mit der Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER „Willy Brandt“ wird sich das wirtschaftliche Scheinwerferlicht, aber auch die Lärmbelastung in die südliche Berliner Stadtregion verschieben.

Die Gemeinden im Umfeld des neuen Flughafens sehen sich sowohl mit den positiven, vor allem wirtschaftlichen, Effekten des Neubaus konfrontiert, als auch mit den negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität. Der Bürgermeister der Gemeinde Blankenfelde-Mahlow, Ortwin Baier, hat daher im Januar 2010 eine interdisziplinäre Forschergruppe ausgehend von der TU Berlin um Hilfe gebeten. Daraus ist das Forschungs- und Anwendungsprojekt „fAIRleben“ entstanden. Neben dem Anspruch einer nachhaltig grünen, energieeffizienten, sozialen, lärmverträglichen und bürgernahen Gemeindeentwicklung wird vor allem die Aufgabe im Vordergrund stehen, wie in der Region eine wirtschaftliche Entwicklung gelingen kann.

Die wirtschaftliche Strahlkraft des neuen Flughafens weckt Hoffnungen und Begehrlichkeiten auf verschiedenen Seiten. Denken wir nur an die versprochenen 40 000 Arbeitsplätze oder den ambitioniert geplanten Entwicklungskorridor vom BER über Adlershof zum Berliner Hauptbahnhof. Überwiegend gespeist aus dem Bedarf der Hauptstadt, liegt der Flughafen – mit den damit verbundenen (Steuer-) Einnahmen und Wachstumsimpulsen – jedoch auf Brandenburger Territorium in der Gemeinde Schönefeld. Die Beziehung beider Länder und die der verschiedenen Flughafenanrainergemeinden wird auf eine harte Probe gestellt, weil jeder sein „Stück vom Kuchen“ bekommen möchte. Vor allem, wenn es um den ökonomischen Nutzen geht.

Deshalb ist es wichtig, gerade im dynamischen Wirtschaftsraum rund um den Hauptstadtflughafen grenzüberschreitend zu denken und zu planen. Das ist nicht immer leicht, da Politik und Verwaltung jeweils an den Landes-, Landkreis- beziehungsweise Gemeindegrenzen haltmachen und übergreifende Planungen und Projekte wie beispielsweise gemeinsame sogenannte „interkommunale Gewerbeparks“ erschweren.

Zur übergeordneten Steuerung der Wohn- und Gewerbeentwicklung wurde bereits 2006 ein „Gemeinsames Strukturkonzept Flughafenumfeld BBI“ erarbeitet und ein regionaler Dialogprozess gestartet. Das Konzept gilt als Leitbild für die Gemeinden im Flughafenumfeld. Die darin ausgewiesenen 2100 Hektar Siedlungserweiterungsflächen, davon 1300 Hektar für Gewerbe und 800 Hektar für Wohnen, sind fünfmal so groß wie die Gesamtfläche des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Deutlicher kann das Flächenüberangebot im Flughafenumfeld kaum illustriert werden. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass die Planungshoheit bei den Kommunen liegt. So hat die Gemeinde Schönefeld in ihrem Flächennutzungsplan selbstbewusst etwa 465 Hektar Gewerbefläche ausgewiesen, was der Größe des Flughafens Tegel entspricht. Bei durchschnittlich 25 Hektar prognostiziertem Flächenbedarf im Flughafenumfeld pro Jahr könnte also allein Schönefeld die gesamte Gewerbeentwicklung der nächsten 20 Jahre aufnehmen.

Wie können die Maßgaben des Strukturkonzeptes jedoch im Planungsalltag der Gemeindeverwaltungen umgesetzt werden, bei aufkeimender Konkurrenz um anzusiedelnde Unternehmen und solvente Investoren? Für die wirtschaftliche Entwicklung kommt dabei dem bisher leider wenig stringent agierenden „Airport Region Team“ besondere Bedeutung zu. Dieses gemeinsame Vermarktungsorgan der Wirtschaftsförderungsagenturen beider Länder soll die Ansiedlung von Investoren und Unternehmen in der Region und im direkten Flughafenumfeld fördern.

Es wäre wichtig, „Qualität vor Quantität“ und die vom brandenburgischen Ministerium für Landwirtschaft und Infrastruktur geforderte Maxime „Baukultur als Standortfaktor“ im Flughafenumfeld ernst zu nehmen. Nur so können wirtschaftlich falsche Signale wie am flughafeneigenen „Business Park Berlin“ verhindert werden, bei dem nach ambitionierten Planungsideen nun ein Discountermarkt den Takt für weitere Projekte angibt.

Hauptanliegen des Projektes „fAIRleben“ ist es, den Wandel im Umfeld des Flughafens im Sinne eines Perspektivwechsels „vom Schatten in die Sonne“ zu gestalten. Die Beteiligung der hauptsächlich von Lärmbelastung Betroffenen an den ökonomischen Früchten des Flughafenausbaus sollte dabei selbstverständlich sein, ein weiteres Auseinanderdriften der Flughafenregion mit prominenten „Gewinnern“ wie der Gemeinde Schönefeld und abgeschlagenen „Verlierern“ wie Blankenfelde-Mahlow verhindert werden.

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin und Mitgründerin der Initiative „Think Berl!n“ an der Universität.

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