Zeitung Heute : Flucht aus dem Elend

Die Vereinten Nationen sprechen mittlerweile von zwei MillionenSyrern, die aus ihrem Landgeflüchtet sind. Wie ist ihre Situation?

Christian Böhme Martin Gehlen

Seine Worte lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Syrien sei die „Tragödie des Jahrhunderts“. Dort geschehe eine beschämende humanitäre Katastrophe mit Leid und Vertreibung „in einem in der jüngeren Geschichte beispiellosen Ausmaß“, sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Antonio Guterres, am Dienstag. Einziger Trost sei die Menschlichkeit, die benachbarte Länder aufbringen, indem sie so viele Menschen wie möglich aufnehmen und deren Leben retten.

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben mittlerweile zwei Millionen Menschen Zuflucht in Anrainerstaaten gefunden. Jeden Tag verlassen nahezu 5000 Frauen, Männer und Kinder ihre Heimat – eine ungeheure Belastung auch für jene, die ihnen ein provisorisches Zuhause gewähren (siehe Grafik). In den dortigen Lagern herrschen zumeist bedrückende Verhältnisse. Die Bewohner klagen unter anderem über fehlende sanitäre Einrichtungen, zu wenig Platz in Zelten und Containern sowie mangelnde Beschäftigung. Auch die Kriminalität nimmt offenbar zu. Es mehren sich Berichte über Vergewaltigungen, Mädchenhandel, Schmuggel und Diebstähle. Mafiöse Clans würden, so heißt es, Schutzgeld von Budenbesitzern erpressen. Zudem nehmen die Spannungen zwischen den Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung zu. Arbeit, Bildung, Wasser müssen als ohnehin knappe Güter nun unter viel mehr Menschen als früher aufgeteilt werden. Und so wachsen in den Anrainerstaaten die Aversionen. Ägypten hat durch die Einführung einer Visumspflicht seine Grenzen bereits vor sechs Wochen faktisch dicht gemacht. Seit dem Sturz von Mohammed Mursi läuft in den Medien eine fremdenfeindliche Hetzkampagne gegen die 200 000 Syrer am Nil, die pauschal als fünfte Kolonne der Muslimbrüder denunziert werden.

Noch dramatischer ist die Lage für Syrer, die keine Möglichkeit haben, das Land zu verlassen. Deutlich mehr als vier Millionen Menschen mussten laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk ihre Häuser aufgeben und irren nun umher. Beim Roten Kreuz geht man sogar von bis zu sieben Millionen Vertriebenen aus – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 22 Millionen. Jeder Dritte ist also vom Konflikt unmittelbar betroffen. Ihnen mangelt es in der Regel am Allernotwendigsten. Doch sie an Ort und Stelle zu unterstützen, bereitet den Hilfsorganisationen große Schwierigkeiten. Die Sicherheit für die Transporte ist oft nicht gewährleistet, bürokratische Hindernisse und Schikanen sind an der Tagesordnung. Dutzende freiwillige Helfer sind bereits getötet worden. Dennoch wollen Organisationen wie Rotes Kreuz oder „Ärzte ohne Grenzen“ weiter versuchen, das Leid der Menschen zu lindern.

Auf 1,1 Milliarden Dollar schätzt das UN-Flüchtlingshilfswerk den syrischen Finanzbedarf für 2013, von denen aber nur 47 Prozent durch Zusagen der internationalen Gemeinschaft gedeckt sind. Am Mittwoch wollen Vertreter der Nachbarländer Syriens in Genf über einen neuen internationalen Hilfsappell beraten. Würden die Zahlungen nicht deutlich aufgestockt, „wird das Risiko von Instabilität im Nahen Osten stark zunehmen“, sagte Guterres. Christian Böhme/Martin Gehlen

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