Zeitung Heute : Flucht ins Grenzenlose

Dzevad Karahasan, bosnischer Schrifsteller, lebt in Österreich und sehnt sich nach Trennlinien, an die er stoßen kann

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Von Nadja Klinger, Graz

Dzevad Karahasan ist so kompliziert wie sein . Die Leute im österreichischen Graz sagen: unser Stadtschreiber. Das stimmt, und es spricht sich leichter aus. Die Leute sagen: Er kommt vom Balkan. Das stimmt, obwohl er, genau genommen, Bosnier ist. Aber die Sache mit Ex-Jugoslawien ist eben auch kompliziert.

Karahasan, Schriftsteller und Professor für Dramaturgie und Dramengeschichte an der Universität Sarajewo, kann erklären, wie das ist mit den Grenzen zwischen den Balkan-Staaten. Er kann noch mehr erzählen: Wie das ist mit den Grenzen zwischen Religionen und Kulturen. Denn er hat sich stets an solchen Grenzen aufgehalten. Bei seiner Flucht aus der Heimat hat er sie mit Mühen passiert. Wenn er nun darüber redet, wird das Stück Fußboden, auf dem er steht, zur Bühne. Ein Mann spielt die verworrene, zuweilen unerträgliche Welt. Er gestikuliert in ihr herum. Er geht in die Knie. Er schneidet Grimassen. Und er findet wunderschöne Worte. Man hört ihm andächtig zu. Jedoch gibt es nur selten dieses Vergnügen. Denn die Grazer sehen ihren Stadtschreiber kaum.

Er sitzt oben in seiner Wohnung auf dem Schlossberg der Stadt. In den Bäumen vor seiner Tür zwitschern die Vögel. Die Angst, die Karahasan kennen gelernt hat, ist in Sarajewo geblieben. Er schreibt an seinem neuen Roman. Er veröffentlicht in Literatur- und Kunstzeitschriften. Journalisten aus ganz Europa interviewen ihn, wenn es um den Balkan geht. Er eröffnet in Deutschland Theatertage, spricht über Hölderlin und Kleist, 15 Zeitungen drucken die Rede dann ab. Er ist ein gefragter Mann. Doch manchmal kommt von ihm tagelang kein einziges Wort. Aber jeden Tag grübelt er. Das Grübeln ist wie eine Sucht. Er leidet. Er sitzt im friedlichen, grenzenlosen Westeuropa und leidet daran, dass er nicht jeden Tag an Grenzen stoßen kann.

Mit der Sucht begann es vor zehn Jahren. Karahasan stieg die Treppe in seinem Mietshaus in Sarajewo hinauf. Das hatte er schon unzählige Male getan, aber jetzt blieb er vor jedem Klingelschild eine Weile stehen und studierte die Namen. In den Wohnungen lebten Muslime, orthodoxe Serben, Kroaten und serbisch-kroatische Mischlinge zusammen. Eigentlich war das keine Neuigkeit. Jedoch hatte es plötzlich eine Bedeutung. Er konnte es nicht fassen: Da waren die vertrauten Stimmen hinter den Türen, es duftete nach ihm bekannten Speisen – und es war Krieg. Die Grenzen, um die es in diesem Krieg ging, führten mitten durch die Familien im Haus. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien sortierte sich nicht, sondern er löste sich auf. Fast 40 Jahre alt war Karahasan, da entzog sich ihm die Realität.

War das möglich? Er betrat seine eigene Wohnung und machte sich etwas vor. Arbeitete weiter an seinem Buch. Dass er immer öfter vom Schreiben hoch sah und ins Leere starrte, wollte er nicht bemerken. Abends kamen die Nachbarn zu Besuch, dann witzelten sie herum. Malten sich aus, durch welche Zimmer in ihren Wohnungen fortan die Grenzen verlaufen sollten. „Wenn das Bad in meinen Bereich fällt“, sagte der Muslim Karahasan, „dann stellt sich doch die Frage, unter welchen Bedingungen ich meiner Frau, die keine Muslimin ist, gestatten sollte, sich die Zähne zu putzen. Und ob überhaupt.“

Ihre Witze konnten noch so skurril sein. Sie waren bald schon von der Wirklichkeit übertroffen. Im Namen der Serben wurde Sarajewo angegriffen. Der Pazifist Dzevad Karahasan meldete sich bei der bosnischen Armee, um seine Heimatstadt zu verteidigen und damit auch seine serbischen Nachbarn. Vielleicht überlebte er, weil sie ihn bei der Armee nicht genommen haben. Aber so hätte er das nie gesagt. Denn bereits dieser nachdenkliche Gang durch sein Treppenhaus hatte ihn dazu gebracht, sich gegen jegliche Logik des Krieges zu sträuben.

Die Logik der Chauvinisten

Es erschien ihm einleuchtend, auf die Hilfe Westeuropas zu hoffen. Doch mit dieser Hoffnung war es bald vorbei. Bereits kurz nach Kriegsbeginn sprachen auch die Politiker der demokratischen Staaten nur noch von Muslimen, Serben, Kroaten. „Sie hatten die Logik und Rhetorik der chauvinistischen Führer auf dem Balkan übernommen“, sagt Karahasan. Erst nach drei Jahren wurde Sarajewo geholfen. Da war er schon nicht mehr dort. Und es war zu spät. „In dieser Stadt hätten die Grundwerte der offenen Gesellschaft verteidigt werden müssen. Aber selbst das moderne Westeuropa hat sich nur um die territorialen, um die äußeren Grenzen geschert.“ Nicht nur Jugoslawien, sondern Karahasans Leben, das er im multikulturellen Sarajewo geführt und das ihn zu dem gemacht hatte, der er war, löste sich auf. „An den inneren Grenzen jedoch, an denen wir tagtäglich mit Menschen aus anderen Kulturen in Berührung kamen, haben sich unsere Identitäten artikuliert.“

Seit 1997 ist er Stadtschreiber. Im Grunde ist Graz, eine halbe Autostunde von Slowenien entfernt, wie geschaffen für ihn. Man hört die Sprachen des Balkans, widmet sich der fremden Kunstszene. Doch wenn das gefeiert wird, ist Dzevad Karahasan nicht dabei. Zuweilen geht er vom Berg, am Ufer der Mur entlang, einen Hut auf dem Kopf, darunter all das, was ihm so ins Auge fällt. Eine Zigarettenkippe, ein junger Hund, die Farbe des Wassers. Kleinigkeiten. Er holt sie vom Rande dessen, was gewöhnlich wahrgenommen wird und bedenkt sie. Er ist süchtig danach, die Grenzen aufzuspüren, die das Leben bietet. Und hat er sie gefunden, will er sie nicht überwinden, sondern sich dort aufhalten. Wie einst in seinem Haus in Sarajewo. Und so scheint es, als liege, wie ein Gürtel rund um den Schlossberg, die Grenze zwischen dem Stadtschreiber und den Leuten da unten in Graz. „Im Bosnischen sagen wir ,vier Menschen’. Ab der Zahl fünf verwenden wir das Wort ,Leute’“, sagt Karahasan. „Leute sind eine Masse.“ Und eine Masse ist nichts für ihn. Nichts Konkretes. Keine fremde Identität, an der er sich reiben kann.

Etwa zur selben Zeit als Karahasan sich in Richtung Österreich aufmachte, fuhr der österreichische Schriftsteller Peter Handke durch Serbien. Die beiden Männer reisten sozusagen in entgegengesetzte Richtung. Handkes Reisetagebuch „Gerechtigkeit für Serbien“ war in ganz Europa umstritten. Die schönen Landschaften, durch die der Österreicher gekommen und die netten Menschen, denen er begegnet war, standen gewollt im Kontext des Krieges. „Das ist dasselbe, als wäre jemand wie ich 1939 durch Deutschland gefahren und hätte gesagt: Ein Land, in dem so schöne Flüsse fließen, führt doch keinen Krieg“, sagte Karahasan. Die Männer waren nicht nur in unterschiedliche Richtungen gereist, sondern sie waren einfach sehr verschieden. Ein Konflikt wie der auf dem Balkan könne sich einem reisenden österreichischen Schriftsteller wohl kaum offenbaren, sagte Karahasan. Seine schlechten Erfahrungen mit Westeuropa nahmen mit Handke Gestalt an. Der Bosnier kritisierte den Österreicher öffentlich und scharf. Das erregte mächtig Aufruhr in Graz, und bis heute haben ihm Leute aus der Literaturszene seines Gastlandes den Streit nicht vergessen. Mittlerweile sagt der Bosnier zu Handke gar nichts mehr. Aber das ist auch unwichtig. Wichtig war ihm nur, sich mit der fremden Auffassung auseinanderzusetzen. Zu ringen. Sich zu behaupten.

Er hat ein Literaturprojekt ins Leben gerufen. Autoren aus ganz Europa schreiben für ihn, spüren die Grenzen auf, die es in ihrem Leben gibt: die Grenzen in der Zeit, die Schmerzgrenze, die Haut, eine Tür als Grenze. Die Grazer Literaturzeitschrift „Lichtungen“ veröffentlicht die Texte, und er macht zum nächsten Jahr, wenn Graz Europäische Kulturhauptstadt ist, ein Buch daraus. Er liebt dieses kleine Projekt wie ein kleines Sarajewo.

Wenn er jedoch von Zeit zu Zeit in seine Heimatstadt reist, um seine Seminare an der Fakultät abzuhalten, macht ihm das Thema regelrecht Liebeskummer. In der einst so multikulturellen, selbstbewussten Stadt trifft er auf Studenten, die nicht wissen, wer sie sind. In diesem Frühjahr behandelte er Georg Büchner. „Haben Sie die Werke gelesen?“, fragte er. Die Studenten nickten. „Und? Wie waren sie?“ – „Schön“, sagte jemand. Dann Stille. „Haben Sie irgendwelche persönlichen Fragen?“, wollte der Professor wissen. Die Stille weitete sich ins Unerträgliche aus. Schließlich meldete sich eine Studentin: „Wie meinen Sie das, persönliche Fragen?“ Und Dzevad Karahasan, der sich an seinen Schmerz um Sarajewo eigentlich gewöhnt hatte, rastete aus. „Wollen Sie einen Bauchtanz von mir?“ Er brüllte. „Wollen Sie von mir die Wahrheit hören? Schreiben Sie sich alles auf! Achten Sie mich, wenn ich die besseren Argumente habe! Aber dazu müssen Sie erst mal mit mir diskutieren, und wenn Sie mit mir diskutieren wollen, dann dürfen Sie alles, nur nicht: mit mir einer Meinung sein!“

Aus der Belagerung in die Freiheit

Er war auch noch wütend, als er nach Hause kam. Er war noch tagelang wütend. Obwohl ihm von Anfang an klar gewesen war, was die Studenten ihm nach langem gemeinsamen Ringen am Ende des Seminars offenbarten: dass sie „total verunsichert sind, Opfer des Krieges, der territorialen Grenzen, die sich plötzlich durch den Balkan ziehen und die es den Menschen schwer machen zu sagen, wer sie eigentlich sind.“

Der Stadtschreiber, den die Grazer haben, ist so kompliziert wie sein Name. Eigentlich kommt er nicht aus Bosnien, sondern ist Jugoslawe. Eigentlich ist er einst aus einer belagerten Stadt in die Freiheit geflohen. Jedoch beschränkt er sich darauf, der zu bleiben, der er dort geworden ist. Er ist Europäer. Aber wichtiger als die durchlässigen Staatsgrenzen sind ihm die Türen zu den Nachbarwohnungen, hinter denen Menschen anderer Kulturen wohnen, mit denen er zusammenleben und sich gleichzeitig von ihnen unterscheiden kann. Sarajewo ist fast schon in Vergessenheit geraten. Nur Dzevad Karahasan redet noch davon. Er redet und die Zeit rennt. Wie die Jogger, die ihn am sonnigen Ufer der Mur überholen. „Laufen Sie nur“, murmelt er und fasst sich an den Hut. „Der liebe Gott hat für jeden von uns die Schritte genau ausgezählt.“

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