Zeitung Heute : Flucht nach Süden

Die nordnorwegische Stadt Vadsø hat ein großes Problem – sie kann ihren jungen Bürgern nur schwer eine Zukunft bieten

Rolf Brockschmidt

Was wünschen sich die Menschen in Vadsø? „Dass die Jungen bleiben“ ist die Antwort, die man oft zu hören bekommt, wenn man sich nach den Perspektiven der Stadt am Polarmeer erkundigt. Vadsø am Varangerfjord ist die Hauptstadt der norwegischen Provinz Finnmark, zählt rund 6000 Einwohner und liegt auf halbem Weg zwischen dem Nordkap und Kirkenes, fast genau auf dem 70. Breitengrad.

Die Stadt ist heute das kulturelle Zentrum der Kvener, einer norwegischen Minderheit, die auf die starke finnische Einwanderung Mitte des 19. Jahhrunderts zurückgeht. Insgesamt leben noch etwa 30 000 Kvener in Nordnorwegen. Bis zur Russischen Revolutuion 1917 hatte die Stadt auch einen lebhaften Handel mit den Pomoren, einem Küstenvolk Nordrusslands, getrieben. Heute ist die Fischerei nahezu zum Erliegen gekommen. Die Zahl der jungen Leute zwischen 20 und 30 Jahren hat sich in den letzten 15 Jahren halbiert. Wie lebt es sich am Rande Europas in einer Stadt, in der die Sonne im arktischen Sommer nicht untergeht und in der sie sich im Winter, zwischen November und Januar, erst gar nicht zeigt?

Das Land hier ist flach, die Häuser erstrecken sich längs der Küste aufgereiht wie Perlen einer Kette, rote und gelbe Holzhäuser, Farbtupfer in einer kargen Landschaft. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein wuchtiger Kirchturm in der Formensprache der Nachkriegszeit. Bei den Kämpfen zwischen Roter Armee und deutscher Wehrmacht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Zentrum zerstört, aber dessen lang gestreckte Ausläufer links und rechts blieben unversehrt. Daher hat Vadsø heute im Gegensatz zu vielen norwegischen Städten im hohen Norden noch etwa 700 Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert. Die Stadt ist zwar Haltepunkt der Hurtigruten auf dem Weg nach Kirkenes, aber nicht unbedingt erste Wahl für Touristen.

„Ich wollte eigentlich nur ein paar Jahre bleiben“, erzählt Sigrid Skarstein, Leiterin des Vadsø-Museums. Sie kam einst aus Bergen, jetzt lebt sie schon 24 Jahre hier. Sie weiß alles über ihre Stadt und ist froh, ein wenig über die Geschichte zu erzählen. In dem kleinen Hof rot gestrichener Holzhäuser ist das Kvener-Museum untergebracht, das vom einfachen Leben der finnischen Einwanderer erzählt. Von der einstigen Bedeutung Vadsøs als Handelsstadt zeugt das Esbensenhaus, das von einem reichen Kaufmann aus Kopenhagen um 1849 erbaut wurde. Doch die Zeiten des Handels sind längst vorbei. Arbeitsplätze für die Bevölkerung bieten heute im Wesentlichen die Provinzverwaltung und die Landespolizeiverwaltung.

Sigrid Skarstein lebt gern in Vadsø. Sie zeigt die neue Grundschule, die Schwimmhalle und das alte Gemeindezentrum mit dem Kino. „Wir brauchen eigentlich eine Konzerthalle und ein neues Zentrum, aber dafür ist kein Geld da. Vielleicht kommt es mit dem neuen Museum“, sagt sie. Doch der Neubau wurde von der Regierung in Oslo abgelehnt. Immerhin hat Vadsø eine neue prächtige Bibliothek bekommen. „Man muss den Leuten hier etwas bieten“, sagt sie. Und berührt damit das große Problem Vadsøs – das der Flucht in südlicher gelegene Landesteile.

„Bis zu 20. Lebensjahr ist das hier ein Traumland“, erzählt Joachim, der deutsche Wirt des „Kolibri“, einem Restaurant mit Live-Musik. „Aber wer dann studieren will, zieht weg, nach Tromsø oder weiter nach Süden. Wir haben hier nichts, was junge Leute hält“, klagt er, der er hier seit eineinhalb Jahren wohnt.

Inger-Anita Markussen von der Stadtverwaltung legt die Zahlen vor. Die Lage ist ernst. „Wenn eine Firma 20 Leute entlässt, ist das für uns hier oben ein schwerer Schlag“, erzählt sie. „Die Gemeinde muss junge Unternehmer anziehen, aber das ist nicht einfach“, sagt sie. Und so hofft man zum einen, dass viele Wintertouristen, vor allem Individualreisende, Vadsø besuchen. Zum anderen wird auf die Vermarktung hochwertiger Produkte gesetzt, und zwar aus der Rentierzucht sowie aus dem Fang der Königskrabbe, die sich von Russland her ungebremst ausdehnt, Fischernetze zerstört und die einheimischen Fische frisst. Ihr Fleisch bringt gutes Geld.

Es ist nicht leicht, in Vadsø Geschäftsideen umzusetzen. Und so versucht man sogar aus einem alten Luftschiffmast irgendwie eine wirtschaftliche Verbindung mit Italien zu schaffen. Immerhin war Umberto Nobile 1926 und 1928 mit dem Luftschiff von Vadsø aus zu seinen Polarexpeditionen gestartet. Zarte Hoffnung setzt Inger-Anita Markussen auf Russland. Murmansk ist nicht weit, auf der Kola-Halbinsel wohnen rund eine Million Menschen und Kirkenes und Vadsø sind für sie näher als Moskau. „Die Russen kommen jetzt öfter und geben hier Geld aus. Wir bieten immerhin Russisch an den Schulen an. Die jungen Leute zeigen Interesse. Norwegen investiert viel in der Region Murmansk, das könnte für uns eine Perspektive sein."

Eine Perspektive suchen auch die rund 300 Immigranten, die die Regierung nach Vadsø geschickt hat, Menschen aus Afghanistan, Somalia, Liberia, Palästina und Tschetschenien. Sie lernen hier die Sprache und bekommen eine gute Ausbildung. Wenn jedoch die drei Pflichtjahre um sind, gehen viele in den Süden Norwegens, um sich dort eine Arbeit zu suchen. Die Flucht in südliche Landesteile bleibt das Problem.

Eigentlich, da sind sich im „Kolibri“ alle einig, fehlt Vadsø kein neues Museum, sondern etwas ganz anderes: „Wenn es eine Universität gäbe, müsste keiner gehen“, sagte die junge Bedienung. „Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen zurückkommen.“ Und so blickt man etwas neidisch auf das Städtchen Alta, das eine stürmische Entwicklung genommen hat, seit es weiterführende Ausbildungswege anbietet. Mit Studenten entsteht eine neue Infrastruktur, entstehen neue Jobs. Stattdessen Verunsicherung in Vadsø. „Jetzt diskutieren sie, ob das Krankenhaus im benachbarten Kirkenes geschlossen werden soll. Dann müsste man nach Hammerfest mit dem Flugzeug.“ Und eine weitere Debatte in Oslo verunsichert die Bürger Vadsøs. „Da wird ernsthaft diskutiert, ob man in Norwegen die Provinzebene abschafft. Das wäre das Ende für unsere Region, denn die Stadt lebt von dieser Verwaltung“, erzählt der Lehrer. „Wenn du einen Job hast und die Natur liebst, dann geht es hier gut. Dann kannst du auch verreisen. Aber ich kann nicht jeden Tag die Schönheit der Natur anbeten“, sagt er mit einem Lachen. „Gott sei Dank gibt es das Internet!“

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