Zeitung Heute : Flucht über die Alpen

Walter Mayers Abreise aus Turin

Markus Huber[Wien]

Am Samstagabend war die Sache noch einigermaßen in Ordnung gewesen. Während Thomas Morgenstern und Andreas Kofler bei den Olympischen Winterspielen von der Großschanze zu Gold und Silber für Österreich flogen, wurde zwar bekannt, dass es zu einer Dopingrazzia im Mannschaftsquartier der österreichischen Langläufer und Biathleten gekommen war. Doch kommentiert wurde das wie immer: Die Bösen waren die Dopingjäger, die unnötig Unruhe in den Sport brachten, die österreichischen Aktiven hingegen waren die Armen, die man gemeinerweise aus ihrer Konzentration gerissen hatte. Am Samstagabend kündigte der Österreichische Skiverband noch eine Pressekonferenz für Sonntag an, bei der dessen Präsident kräftig auf die Dopingjäger schimpfen wollte.

Doch spätestens am Sonntagmorgen war klar, was die Carabinieri im Quartier der Österreicher fanden: Spritzen, Blutbeutel und Medikamente. Einer der Biathleten soll dabei ertappt worden sein, wie er sich eine Spritze gesetzt hatte, ein anderer Biathlet hatte bei der Ankunft der Dopingjäger versucht, einen Sack mit Spritzen aus dem Fenster zu werfen. Walter Mayer fanden die Polizisten nicht.

Walter Mayer, 48, österreichischer Sportlerbetreuer bei den Spielen 2002, dort wegen der so genannten Blutbeutel-Affäre aufgeflogen: Damals hatte er das Blut der österreichischen Langläufer mit UV-Strahlen behandeln lassen und war dafür vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bis inklusive 2010 gesperrt worden. Mayer war geflohen.

Am Sonntagabend dann wird in Österreich die Polizei angerufen, in Paternion, Kärnten, stehe ein Auto, darin schlafe ein Mann. Beamte werden ausgeschickt. Sie klopfen gegen die Seitenscheibe, der Mann – es ist Mayer – reagiert nicht. Ein Polizist öffnet die Fahrertür, später im Polizeibericht wird stehen, dass er dabei „starken Alkoholgeruch“ wahrnimmt. Mayer stellt den Motor ab, die Beamten kontrollieren die Papiere, Mayer dreht den Zündschlüssel wieder um, gibt dem Beamten einen Stoß, fährt davon. Die noch offene Tür knallt gegen einen Baum.

Mayer fährt durch Paternion, die Polizei stellt zwei ihrer Autos quer, blockiert damit die Straße, Mayer kracht ungebremst darauf. Die Autos: Totalschaden. Mayer: leichte Kopfverletzung. Er wird zur Polizeiinspektion gebracht.

Die Österreicher sind nun ratlos. Gedopt hatten laut gängiger Lehrmeinung eigentlich immer nur die anderen, und wenn es in der jüngeren Geschichte mal einen Österreicher erwischt hatte, dann war sich zumindest die Mediengesellschaft immer rasch sicher, dass er einer Intrige zum Opfer gefallen war. So wurde Mayer nach seiner Sperre durch das IOC vom Österreichischen Skiverband schon vor einiger Zeit begnadigt, er war bis Sonntag offiziell Nordischer Sportdirektor.

Nun aber hat sich der Verband von Mayer getrennt. Die beiden Biathleten, die Samstagnacht nach der Doping-Razzia aus dem Olympiaquartier abgereist waren, wurden ebenfalls suspendiert und aus der Mannschaft geworfen.

Mayer, mittlerweile wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen und in einer Klagenfurter Nervenklinik untergekommen, drohen nach seiner Amokfahrt nun drei Jahre Haft, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und verschiedener Verkehrsdelikte.

Dabei geht fast unter, dass vielleicht gerade die erfolgreichsten Winterspiele in Österreichs Geschichte laufen: Am Montag holten die Skifahrer und Skispringer die Goldmedaillen fünf, sechs und sieben.

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