Zeitung Heute : Flüchtiges Vertrauen

Lothar Sand

Der Alptraum beginnt für Laura auf dem Heimweg. Eine Gruppe Maskierter zerrt sie vom Moped in ein Auto und verschleppt die Fünfzehnjährige aus Florenz in eine abgelegene Höhle. Ihre Entführer behandeln sie unter den gegebenen Umständen korrekt, glauben dem Mädchen aber nicht ein Wort, als sie immer wieder beteuert, keineswegs die Millionärstochter zu sein, für die sie von den Verbrechern gehalten wird. Lauras Geiselhaft zieht sich über Monate hin; es ist für das Mädchen eine Zeit der Angst und Ungewissheit, zugleich auch des zwangsläufigen Zurückfallens auf sich selbst. Sie durchdenkt ihr bisheriges Leben, ihre Beziehungen zu Eltern und Bruder und ebenso ihr Zusammensein mit Antonio, ihrem Freund.

Laura entwickelt einen Überlebenswillen, der sie die Torturen ertragen lässt, während sich die Lösegeldverhandlungen in die Länge zu ziehen scheinen. Und sie gibt genau Acht auf Eigenarten und Nuancen ihrer Bewacher, um sie für sich zu charakterisieren und später, nach einem langen Irgendwann, der Polizei eine Hilfe sein zu können. Ertappt sie sich bei so etwas wie Sympathie, wischt sie diese sogleich fort; mögen die Männer auch Familienväter sein oder nur unter Zwang handeln - sie sind Verbrecher, die einen Tag nach dem anderen aus Lauras Leben stehlen.

Die Geschichte nimmt eine entscheidende Wendung, als Laura neuen Bewachern übergeben wird, die mit ihr in die Berge fliehen. Wenig später kommt es zum Schusswechsel mit den Carabinieri, Laura wird leicht verletzt und ist endlich in Sicherheit. Sie hätte jedoch nie gedacht, dass damit noch lange nicht alles gut ist. An ihre Genesung schließen sich quälende Verhöre an, durch die ihre traumatischen Erinnerungen wach gehalten werden. Zudem hat sich ihr eigener Vater, dessen Baufirma tief in den roten Zahlen steckt, so ungeschickt ins Fadenkreuz der Ermittlungen manövriert, dass die Behörden ihn verdächtigen, von Lauras Entführung gewusst zu haben oder zumindest davon profitieren zu wollen. Schlimmer noch, Laura selbst ist sich ihres engsten Umfeldes nicht mehr sicher. Während sich alle beklagen, wie sehr ihr Leben durch Lauras Entführung beeiträchtigt wurde, bleibt das wahre Opfer allein.

Lauras aktionistischer Vater, die begütigende, furchtsame Mutter und nicht zuletzt die linkischen Allüren ihres Freundes Antonio machen dem Mädchen klar, dass nichts, aber auch gar nichts mehr so sein kann wie vorher. Durch eine Kurzschlusshandlung Lauras zeigt sich ihre Familie noch einmal alarmiert; dies ist aber nur ein retardierendes Element in der Geschichte einer jungen Persönlichkeit, für die mit der Befreiung aus der Gefangenschaft auch die Loslösung von allen alten Strukturen begonnen hat.

"Falsche Beute" ist eine stringente, stellenweise packende Erzählung über Schuld, Vertrauen und folgenreiche Irrtümer, nach einer wahren Begebenheit von Werner Raith gewohnt souverän entwickelt. Der vierte Jugendroman des Italienexperten und Mafiakenners sollte zugleich sein letzter sein. Werner Raith, der exklusiv für den Tagesspiegel als Italien-Korrespondent gearbeitet hat, ist im vergangenen Jahr überraschend gestorben. Seine spannenden Geschichten jenseits gängiger Bella-Italia-Klischees werden fehlen.

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