Flüchtlinge : Abgesandte der Hoffnung

Sie versuchen es jede Nacht, die Kinder von Tanger, Marokko: Hunderte von ihnen huschen im Hafen umher, dort, wo die Fähren nach Europa ablegen. Sie verstecken sich in Lastwagen und hoffen auf die Überfahrt in ein besseres Leben. Viele wurden von ihren Eltern losgeschickt.

Philipp Lichterbeck[Tanger]

Er setzt sich auf die Bank und mit ihm der ganze verkommene Hafen. Der Gestank von Fisch, Abfall, Salz und Diesel beißt in der Nase. Er sagt leise: „Ich bin Driss, ich bin zwölf Jahre alt.“ Mit dunklen Augen starrt er an sich hinunter, auf sein von Löchern übersätes T-Shirt und seine blaugraue Tarnhose, die steif ist vor Schmutz. Auf Driss’ hagerem Gesicht klebt eine Kruste aus Rotz und Schweiß, sein Haar ist kurz geschoren. Das letzte Mal habe er sich vor einer Woche gewaschen, sagt er. Drüben, auf der anderen Seite des Meers, in Europa. Driss zeigt übers Wasser, wo am Horizont die Berge Andalusiens aufragen. Dort haben ihm die spanischen Polizisten zu essen gegeben, und er durfte sich auf einer Matratze ausruhen. Ein paar Stunden lang. Im Morgengrauen haben sie ihn geholt und zu der Fähre gebracht, mit der er gekommen war. Eine Beamtin hat Driss ein paar Schläge verpasst, und in 90 Minuten war er wieder zurück. Auf seiner Seite der Welt, in der es kein Bett und keine Dusche gibt. Nur den Hafen von Tanger mit seinen kurzen Träumen und unendlichen Abgründen.

Tanger, nördlichste Stadt Marokkos, einst Hascherparadies und Traumort der westlichen Künstlerboheme. Perle des Nordens lautete ihr Beiname in den Sechzigern, weiße Taube auf den Schultern Afrikas. Heute, nach Jahrzehnten des Verfalls, putzt sie sich wieder heraus, will erneut zum Ziel von Prominenten und Touristen werden. Hotels aus der Kolonialzeit werden renoviert, die Fassaden weiß gestrichen, und im Grand Café de Paris sitzt man entspannt wie einst beim „Whiskey Marocaine“ – frische Minze mit grünem Tee und viel Zucker. Die mit Drogengeld gebauten Häuser an der sichelförmigen Bucht hat man abgerissen und eine Strandpromenade angelegt. Sie endet an der Hafenmauer.

Dahinter spielt sich jede Nacht ein Drama ab, von dem man in Marokko schweigt und in Europa nichts wissen will. Seine Protagonisten sind Kinder, einige erst acht Jahre alt.

Es ist früher Abend im Hafen von Tanger, und auf der anderen Seite des Meeres flackern die ersten Lichter auf. 14 Kilometer, so nah, so fern. Während am Kai eine Autofähre quietschend ihr Heck aufklappt, erzählt Driss, dass er vor zwei Jahren mit seiner Familie nach Tanger kam, fortgezogen aus dem armen Süden Marokkos. So machen es jedes Jahr 250 000 Familien, die sich nicht mehr von der Landwirtschaft ernähren können und ihre Hoffnung auf einen Job in den Industrieanlagen des Nordens setzen. Deshalb kann heute keiner sagen, ob Tanger 650 000 oder schon eine Million Einwohner hat.

Driss Familie siedelte in einem rasant wachsenden Armenviertel am Stadtrand. Dann wurde er von seinen Eltern auserkoren, übers Meer nach Spanien zu reisen, ein Auskommen zu finden. Tu etwas für die Familie, sagte sein Vater. Du bist ein Mann. So ging Driss in den Hafen, wo jede Nacht hunderte Kinder versuchen, auf eine der Fähren zu gelangen, die nach Spanien fahren. Nach Algeciras und Tarifa gehen sie im Stundentakt. Sie transportieren Laster, die beladen sind mit Schuhen, Datteln und von marokkanischen Frauen gepulten Nordseekrabben. Dazwischen stehen die Wohnmobile und Reisebusse der Touristen.

Die Zahl der jugendlichen Auswanderer in spe schwankt von Nacht zu Nacht. Mal sind es 250, mal 1000. Sie wuseln zwischen den Fahrzeugschlangen umher, immer verfolgt von den Wachleuten eines privaten Sicherheitsdienstes. Ein Katz- und-Maus-Spiel. Driss versucht dann auf einen Laster zu klettern, bewaffnet mit einem Schraubenzieher, um die Plane aufzuschlitzen. Oder er steigt in den Hohlraum über den mächtigen Reifen und sucht im Radkasten Schutz. Oder er legt sich auf eine Achse und hofft, dass er nicht runterfällt. Ein Freund von Driss hat vor kurzem beide Beine verloren, als er vom Lkw überrollt wurde. Ein zweiter zerschmetterte sich die Stirn bei einem Sturz. Ein dritter ist am Morgen gestorben – erstickt an einer mit Klebstoff gefüllten Plastiktüte. Er hat die Dämpfe so heftig inhaliert, dass er die Tüte in den Rachen saugte.

Vor einer Woche dachte Driss, er sei dieser Welt entkommen: Er hatte es, verborgen in einem Wohnmobil, erstmals auf spanischen Boden geschafft. Doch das Glück verließ ihn schon wieder im Hafen von Algeciras. Dort durchlaufen alle Fahrzeuge, die aus Afrika kommen, eine doppelte Kontrolle: Zunächst überprüfen Beamte der Policía Nacional die Ausweise. Dann kommen die Paramilitärs der Guardia Civil und untersuchen die Ladung der Laster, lassen Drogenhunde schnüffeln und winken die Fahrzeuge durch ihre Detektoranlagen. Diese registrieren, ob im Innern eines Wagens oder Containers ein Herz schlägt. 200 Fahrzeuge werden so pro Stunde kontrolliert. Die Guardia Civil entdeckte Driss’ pochendes Herz, holte ihn aus dem Wohnmobil und übergab ihn der Polizei. Obwohl Minderjährige ohne Begleitung nach den vergleichsweise liberalen spanischen Gesetzen nicht gleich wieder ausgewiesen werden dürfen, sondern in Heime gebracht werden müssen, sieht die Wirklichkeit oft anders aus. Erst im Juni hat die EU noch schärfere Abschieberegeln beschlossen. Die sind zwar noch nicht in Kraft, aber ihr restriktiver Charakter wirkt sich schon heute auf die Praxis der Behörden aus.

Driss wurde kurzerhand „repatriiert“. Denn die spanischen Polizisten wissen, dass Kinder wie er darauf spekulieren, in ein Heim gebracht zu werden, wo sie bleiben können, bis ihre rechtliche Situation geklärt ist. Driss etwa kennt die Adresse des Aufnahmezentrums von Granada von einem Jungen, der schon dort war und sagte, dass er dort gut behandelt wurde. Wenn die Behörden entscheiden, dass ein Kind nicht abgeschoben werden kann, etwa weil die Familie nicht ausfindig zu machen ist, erhält es laut Gesetz eine Aufenthaltsgenehmigung. Rund 7000 Flüchtlingskinder warten derzeit in Spanien auf diesen Moment. Und Driss weiß natürlich auch, dass vor zwei Jahren 600 000 illegale Immigranten in Spanien Papiere bekommen haben. Das macht ihm Mut.

„Wir beobachten das Phänomen der Kinderflüchtlinge seit einigen Jahren“, sagt Mohammed Serifi Villar, „2004 hat die spanische Küstenwache das erste Schlauchboot voller Kinder entdeckt.“ Serifi, 56, ist der Chef des UN-Kinderhilfswerks Unicef in Tanger und hat Erfahrung mit schier aussichtslosen Kämpfen. Von 1974 bis 1991 saß er im Gefängnis, verurteilt wegen eines angeblichen marxistischen Umsturzversuchs gegen König Hassan II. „Wir haben zumindest darüber geredet“, sagt Serifi mit zigarettenrauer Stimme und lenkt seinen Geländewagen durch den Hafen. Serifi hat eine polierte Glatze, dazu trägt er einen grauen Bart. „Wo sind die Kids, die ihr so schlecht behandelt“, ruft er einem der Wachmänner zu. Der nickt mit dem Kinn zu einem Flachdach. Eine Gestalt taucht auf und verschwindet wieder. Die meiste Zeit des Tages verbringen die Kinder dort, „sie fühlen sich dort sicherer“, sagt Serifi. Einige Schritte weiter stapeln Jungs Plastikkörbe an den Ständen der Fischer, um ein paar Dirham zu verdienen. Im Hafen fallen auch immer wieder essbare Abfälle ab.

„Der marokkanische Staat freut sich über jedes arme Kind weniger“, sagt Serifi, „und die Europäer befördern das Problem durch ihre Abschottungspolitik.“ Sie habe die Armen gezwungen, ihre Überlebensstrategie zu ändern. „Früher gingen ganze Familien rüber. Heute schicken sie die Kinder als Späher.“

Und so hat das Drama im Hafen auch mit dem anderen Drama zu tun, das sich vor den Küsten Europas abspielt. Weil die Grenzüberwachung immer strenger wird, wählen die Flüchtlinge immer längere Routen übers Meer und gehen immer größere Risiken ein. „Jeden Tag ertrinken und verdursten Menschen“, sagt Serifi. „1000 allein im letzten Jahr.“

Die „Verteidigung der Außengrenzen Europas“ regelt die EU-Agentur Frontex. Ihr Budget ist seit der Gründung 2004 von 6 auf 32 Millionen Euro gestiegen. Frontex setzt Abfangschiffe, Kampfhubschrauber, Überwachungsflugzeuge, Nachtsichtkameras, Radaranlagen, Satelliten und Fernüberwachung ein. „Die spanische Südgrenze sieht friedlich aus von Tanger“, schimpft Serifi. „In Wirklichkeit ist das eine militärische Sperrzone zur Abwehr einer angeblichen Invasion aus Afrika.“ Auch Driss und seine Freunde würden sich wohl, wenn es Frontex nicht gäbe, in ein Boot setzen und versuchen, über die Straße von Gibraltar zu schippern, trotz der starken Strömung und der 180 Transportschiffe, die täglich durchs maritime Nadelöhr fahren. So aber versuchen sie sich als blinde Passagiere.

Wie lange warst du nicht zu Hause, Driss?

- Lange.

Warum?

- Ich habe Probleme.

Hast du einen Traum?

- Ich habe keinen Traum.

Mohammed Bouchamer wird von allen nur Simó genannt. Der 27-Jährige kümmert sich seit sechs Jahren um die Jugendlichen im Hafen. „Es tut ja sonst keiner“, sagt er auf Spanisch. Bouchamer ist wie die meisten in Tanger dreisprachig, spricht auch noch Französisch und Arabisch. Seine mandelförmigen, traurigen Augen lassen ihn zehn Jahre älter erscheinen – „was ich jeden Tag sehe, macht mich nicht gerade glücklicher“. Bouchamer, der seine Arbeit mit Spenden finanziert, geht in den Hafen und verteilt Kleidung an die Kinder, die immer jünger werden. Er besorgt etwas zu essen – und am wichtigsten: Er bringt die verletzten und kranken Kinder in die Klinik. Seit kurzem lebten auch Mädchen im Hafen, erzählt er, sie verkleideten sich als Jungs.

Die Polizei hat Bouchamer schon mehrfach wegen seiner Arbeit festgehalten. Denn Driss und die anderen gelten bei ihnen als Kleinkriminelle. „Aber das stimmt nicht“, entgegnet Bouchamer. „Ihr einziges Ziel ist es, nach Europa zu gelangen.“ 2007 etwa seien 1000 Jugendliche aus Spanien repatriiert worden. 700 von ihnen seien schon wieder drüben, und der Rest warte auf die nächste Gelegenheit.

Driss wird unruhig, er kratzt sich am Arm, seine Haut ist rau und wund. Er will wie jeden Abend vor den Toren der Medina, die hinter dem Hafen ansteigt, um Essen betteln. Er will nicht darüber reden, aber er und seine Freunde wurden schon von Polizisten eingesperrt und geschlagen. Andere wurden sexuell missbraucht. Bouchamer deutet an, dass manche Kinder auch Sextouristen zugeführt würden.

Driss verschwindet. Bouchamer sagt, man solle nicht glauben, der Junge sei ein hoffnungsloser Fall. Er sei neulich in Barcelona gewesen und habe dort einen Bekannten aus dem Hafen wiedergetroffen. Er sei modisch gekleidet gewesen, habe eine Freundin und einen Ausbildungsplatz gehabt. „In Tanger, zwei Jahre zuvor, sah er so abgerissen aus wie Driss.“

Doch längst nicht alle Jugendlichen, die es nach Spanien schaffen, finden einen Job. Vor allem seit der Bauboom vorbei ist, sitzen viele von ihnen auf der Straße. Aber die Jungs sind clever: Als die Wachschützer im Hafen die Hunde anschafften, die zwischen den Fahrzeugen nun nach Kindern schnüffeln, trieben Driss und seine Freunde eine Hündin auf. Eines Nachts, als die Wachmänner dösten, ließen sie sie an einem Seil vom Dach herunter. Die Wachhunde kamen angewieselt, und die Jungs liefen los, um ein sicheres Versteck für die Überfahrt zu finden.

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