Flüchtlinge am Evros : Unten am Fluss

„Es gibt keine Probleme“, sagt der Schleuser, „alles ist perfekt organisiert.“ Jedes Jahr wagen sich Tausende über den Evros zwischen der Türkei und Griechenland. Sie riskieren viel für eine vage Hoffnung. Ein Bericht vom Festungsgraben Europas.

Paul Knecht
Die Habseligkeiten für ein neues Leben in Europa passen in eine Plastiktüte.
Die Habseligkeiten für ein neues Leben in Europa passen in eine Plastiktüte.Foto: Paul Knecht

Es ist 16 Uhr, und Jamal ist wieder da. Jeden Tag um diese Zeit kommt er, betritt stumm das Café, das in Kumkapi, dem Istanbuler Stadtteil unweit der Blauen Moschee, jeder kennt. Flüchtlinge kommen hierher. Sie spielen Karten und trinken Tee, sie bewegen sich in Gruppen durch die 13-Millionen-Einwohner-Metropole am Bosporus. Doch Jamal kommt immer alleine. In dieser Geschichte ist er einer, der auf der Strecke bleibt.

Dort, wo diese Geschichte beginnt, gibt es viele wie Jamal. Die immer mit dem Rücken zur Wand sitzen, von wo aus sie alles beobachten. Die ihre Tage und Abende in dem Café verbringen, weil sie wieder fort wollen aus Istanbul und nicht wissen, wohin sonst sie gehen sollten. Kalter Rauch liegt in der Luft, die Tapete löst sich von der Wand. Mürrisch bedient der Kellner seine Gäste.

Jamal wartet. Eine grüne Trainingshose, ein grauer Pullover, die Kapuze immer über den Kopf gezogen, so sitzt er da, still, und hängt seinen Gedanken nach. Mehr als zwanzig Mal hat er schon versucht, aus diesem Land herauszukommen, einmal schaffte er es bis nach Athen, bevor er aufgegriffen und abgeschoben wurde. Müde sei er, sagt Jamal. Sein Augenlid zuckt dabei. Das tut es, wenn sich seine Gedanken im Kreis drehen.

Vor sechs Jahren hat er Darfur verlassen. Da war der Sudan noch nicht in zwei Hälften geteilt. Es gab marodierende Nomadengruppen, die gemeinsam mit den Soldaten und Kampfhubschraubern der Regierung Tausende töteten. Aber über den Grund seiner Flucht will Jamal nicht reden. Einzig das Wort „Mushquella“, arabisch für „Problem“, kommt ihm über die Lippen. Jetzt ist er in einer kleinen Wohnung mit vier weiteren sudanesischen Flüchtlingen untergekommen. Den Weg zum Café geht er über Umwege, zu groß ist das Misstrauen, zu viel hat er erlebt. Hier traut er niemandem, auch Abdullah nicht, dem syrischen Deserteur, der sich jetzt an den Nebentisch gesetzt hat.

Jamal hat einen Plan. Geld für Schleuser besitzt er nicht, aber er kennt sich aus im Grenzgebiet. Sein Plan sieht vor, sein eigener Schlepper zu werden. Mit Bus und Taxi will er zur Grenze, zusammen mit zwei weiteren Sudanesen. Von denen verlangt er den üblichen Schleppertarif von einigen hundert Euro. Doch die beiden Sudanesen können so viel Geld im Moment nicht auftreiben.

Abdullah, einen Tisch weiter, hätte genug Geld, aber er hat einen anderen Plan. „Nachher geht es los“, sagt er und schaut Jamal an, der vor sich hinstiert. „Der Deal steht.“ Am Abend soll es über die Grenze gehen. Jamal wird zurückbleiben in Istanbul, und für Abdullah wird er bald nur noch eine blasse Erinnerung sein. Ein Typ in einem Flüchtlingscafé, einer der wartete.

Um zehn Uhr nachts sieht Abdullah die Reisegruppe zum ersten Mal. In der Hotellobby zerschneidet ein Deckenventilator die stickige Luft. Neonröhren leuchten den Raum spärlich aus. Alles ist alt und heruntergekommen. Ein Junge, etwa 15 Jahre alt, aus Afghanistan, ist schon da. Er hat nur einen kleinen Rucksack bei sich, sitzt in einem Sessel und spricht kein Wort. Zehn Minuten später kommt ein junger Syrer, sucht sich eine Ecke und packt eine Schwimmweste aus. Er könne nicht schwimmen, versucht er auf Englisch zu erklären. Er ist aufgeregt und hat Angst.

Eine kurdische Familie kommt herein, ein Elternpaar mit zwei Kindern, gefolgt von zwei Männern aus Bangladesch sowie zwei weiteren, der eine aus Burma, der andere aus dem Gazastreifen. Der Elfte im Bunde ist Abdullah, der Deserteur. Keiner redet. Dass sich ein deutscher Journalist unter ihnen befindet, weiß nur ein Kontaktmann, für alle anderen ist er ein Georgier. In den Rucksäcken befinden sich ein paar Klamotten zum Wechseln und etwas zu essen.

Im Hinterzimmer läutet das Telefon, der Reiseleiter telefoniert. Es sind kurze Gespräche für ein paar Notizen, die der eilig hinkritzelt, um die Fluchtroute für den heutigen Tag festzuhalten. Einige Grenzsoldaten sollen am Menschenschmuggel gut verdienen. Mit ihrer Hilfe wissen die Schlepper, welche Abschnitte des Evros kontrolliert werden. Und welche nicht.

Der Evros ist der Festungsgraben Europas, ein breiter Strom. Er trennt Griechenland von der Türkei über eine Strecke von 185 Kilometern. Über 55 000 Flüchtlinge hat die europäische Grenzschutzbehörde Frontex im Jahr 2011 allein an dieser stark bewachten Grenze aufgegriffen. Viele Menschen versuchen auch, in Booten über das offene Meer eine der griechischen Inseln zu erreichen, die dicht vor der türkischen Küste liegen. Doch erst Anfang September ertranken dabei fast 60 Menschen, nachdem ihr Kutter auf ein Riff gelaufen und gesunken war. Die Überquerung des Evros gilt als weniger riskant.

Jedenfalls sagt das einer der Hintermänner, der sich Feras nennt. Er ist Mitte 30, sein Auftreten freundlich und verbindlich, er lächelt viel und betreibt ein Internetcafé in Kumkapi. Dort empfängt er seine Kunden, um ihnen zu erklären, wie einfach der Weg nach Europa ist. „Es gibt keine Probleme, alles ist perfekt organisiert“, sagt er wie ein Freund. „Wir wissen immer wo die Grenzsoldaten sind.“ Er erzählt von glücklichen Kunden.

Von seinen Landsleuten wird Feras liebevoll „Patronage“ gerufen – Pate. Er ist ein Vertrauensmann für die Araber auf der Durchreise. Istanbul liegt günstig. Es hat sich herumgesprochen, dass von hier aus professionell organisierte Fluchtrouten weiterführen. Vor neun Jahren ging Feras nach Deutschland. Schnell lernte er die Sprache, studierte, heiratete eine Deutsche und wurde Vater. Die Ehe ging im Streit auseinander, und Feras konnte die Gerichtskosten nicht bezahlen. Kurze Zeit später wurde er abgeschoben. So landete er in der Türkei, wo er seither für einen Schleuserring arbeitet.

„Wenn ich genügend Geld beisammenhabe, will ich zurück“, sagt er, „meine Schulden durch die Scheidung begleichen und mein Kind sehen.“ 300 Euro kostet die von ihm vermittelte Passage nach Griechenland. Angst vor den Behörden hat Feras nicht. Er tue nichts Falsches, sagt er, er befördere lediglich Menschen. Jugendliche und Alte seien darunter, Frauen und Familien, sie alle würden nun ihren Traum von Europa leben.

Der Traum von Europa. Er wird gespeist von westlichen Kinofilmen und westlicher Popmusik, die jeden Winkel der Welt erreichen. Sie geben der Unruhe von so vielen, die in ihrer Heimat ohne Arbeit bleiben, ein Ziel. Und die, die es nach Europa geschafft haben, berichten nicht von Asylantenheimen und Übergriffen. Sie sagen: Die Regierung gibt uns eine Wohnung, und wir kriegen Geld.

In einer dunklen Seitengasse in Kumkapi steht ein kleiner Transporter, weißer Ford Transit Connect, getönte Scheiben, Alufelgen, viele PS, die Passagiere werden auf die Rückbank gequetscht und in den Laderaum gepfercht. Das ist unbequem, und mit jeder Bodenwelle wird es unbequemer, sackt das Gewicht der Mitreisenden auf den eigenen Körper. Der Wagen rast über die Autobahn. Der junge Syrer verteidigt seinen Platz rigoros und drückt seinem Landsmann Abdullah das Knie in den Rücken. Der erträgt die Schmerzen, er hat Schlimmeres erlebt.

Bis vor wenigen Wochen war Abdullah Soldat in Assads Armee und folgte den Befehlen aus Damaskus. Als Vater zweier Kinder hatte er keine Wahl. Er schoss, um nicht selbst erschossen zu werden. Die Familie seiner Frau ist regierungstreu. Und sie blieb dies sogar nach den Massakern. Als er desertierte und aus Syrien floh, verließ er auch Frau und Kinder. Mit etwas Geld und seiner Armeemarke landete er in einem der türkischen Auffanglager. Doch die Menschenmassen, die Untätigkeit, das Warten waren nichts für ihn.

Der Transporter biegt von der Autobahn ab. Der Schleuser auf dem Beifahrersitz greift zum Handy. Er ist ein kantiger kleiner Mann mit einem ungnädigen Temperament. Die Worte stürzen aus seinem Mund, die Diskussion ist laut und hektisch. Auf einmal dreht der Fahrer den Wagen, gibt Gas und überfährt ein paar rote Ampeln. Im Kofferraum duckt sich die Reisegruppe, um nicht erkannt zu werden. Eine halbe Stunde irrt sie auf der Suche nach dem richtigen Feldweg über verlassene Straßen. Da, der Feldweg, ein Sumpf, Stille.

Eine schwere Kiste wird ausgeladen, dann fährt das Auto davon und der Schleuser ist mit seiner Reisegruppe allein. Grillengezirpe. Es sagt den Menschen, dass es nun auf sie selbst ankommt. Die Nacht ist sternenklar, der Mond leuchtet hell. Das ist gut, um den Pfad zu sehen, aber nicht gut, weil sie entdeckt werden könnten.

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