Flüchtlinge : Athens Afghanen

Die „Festung Europa“: In einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums sollte von ihr keine Rede sein. In Griechenland aber ist sie zu besichtigen

Daniel Etter[Athen]
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Warten auf die Zukunft. Flüchtlinge aus Afghanistan (vorn rechts Zia) in einem Athener Park. Foto: Daniel Etter

Jeden Tag kommt Zia in diesen Park und wartet auf eine bessere Zukunft. Er vertreibt sich hier die Zeit mit seinen Freunden, überlegt mit ihnen, wie sie an Essen kommen und an Geld, die Parkbänke ringsum sind voll mit Leuten, die dasselbe tun. In der einen Ecke sitzen die Frauen, in den anderen die Männer, am Brunnen in der Mitte spielen die Kinder. Es wird Paschtu gesprochen und Dari und alle anderen afghanischen Sprachen. „Jeder hier betet, dass er so schnell wie möglich aus dem Land kommt“, sagt Zia. Er meint nicht Afghanistan – er meint Griechenland. Der Park liegt mitten in Athen.

Zia, 16 Jahre alt, Silberblick, kurz geschorene Haare, besitzt kaum mehr als was er am Körper trägt: eine alte Jogginghose, T-Shirt, Sandalen. Sein Vater, sagt er, wurde von den Taliban ermordet. Seine Mutter und die zwei Schwestern sind in Afghanistan geblieben, er floh. Wenn die Taliban ihn erwischen, würden sie auch ihn schlachten, sagt Zia. Er sagt nicht ermorden, er sagt schlachten. Zia spricht sauberes Englisch. Seit Jahren ist er auf der Flucht. Das erste Mal kam er bis nach Pakistan, das zweite Mal in den Iran, das dritte Mal in die Türkei. All diese Fluchtversuche endeten im Rücktransport nach Afghanistan. Erst beim vierten Mal erreichte er Europa, Griechenland. Ein paar Wochen ist das her. Aber hier ist nicht das Ziel seiner Reise. Hier hat er nichts, hier schläft er auf der Straße, die Decke geteilt mit anderen Flüchtlingen, in Angst, von der Polizei vertrieben, von Rechtsextremen verprügelt zu werden.

Wie Zia ergeht es Tausenden minderjährigen Afghanen in Griechenland. 2648 hat die griechische Küstenwache im vergangenen Jahr registriert, wahrscheinlich ist aber eine weit größere Zahl unbemerkt eingereist. Sie schlafen in Gebüschen, Abbruchhäusern oder unter Brücken und hoffen, irgendwie hier weg zu kommen. In Griechenland werden sie sich selbst überlassen. Es gibt kein Obdach und noch weniger Aussicht auf Asyl. Griechenland hat zwar zugesichert, alle minderjährigen Flüchtlinge in Pflegefamilien unterzubringen, bisher ist das aber nicht geschehen. Viele der Jungen würden ohnehin vermutlich ein Leben auf der Straße vorziehen – da sind sie nicht direkt in den Händen des Staates, und die Abschiebung erscheint unwahrscheinlicher.

Athen, Griechenland, Wiege der Demokratie und Mitglied der Europäischen Union, also jenes Völkerbundes, über den in einer aktuellen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin folgende Sätze nicht zu lesen sein sollten: „Während innerhalb Europas die Grenzen verschwinden, schottet sich die EU zunehmend nach außen ab. Die ,Festung Europa‘ soll Flüchtlingen verschlossen bleiben.“ Die entsprechende Texttafel wurde entfernt und durch eine andere ersetzt – offenbar auf Drängen der Behörde des Kulturstaatsministers im Kanzleramt.

Wenn man mit den Athener Afghanen spricht, macht sich der Verdacht breit, dass die griechische Regierung versucht, dass Problem statistisch zu lösen: Unabhängig voneinander erzählen viele Jungen, dass die Küstenwache sie auf dem Papier älter, volljährig gemacht hat. Mehdi etwa, dem vereinzelt Bartstoppeln wachsen, sagt, er sei 15. Man glaubt es ihm. In seinen Papieren ist er 27.

Italien wäre schon besser, sagt Zia, sein Traum aber sind Deutschland, Dänemark, Schweden – Schweden vor allem, wo sein Bruder es hingeschafft hat.

Zia wartet im Park auf einen Schieber, der auch ihn dorthin schmuggelt – und weniger verlangt als die üblichen vier-, fünftausend Euro. Tausend könnte Zia zahlen. Seine Familie in Afghanistan kratzt Geld dafür zusammen, verkauft, was sie nicht unbedingt braucht. Andere Jungen, so erzählen Flüchtlinge, verkauften Drogen, von denen sie dann selber abhängig würden, bieten sich schließlich auf dem Straßenstrich in der Nähe des Gesundheitsministeriums an.

Die meisten afghanischen Flüchtlinge nehmen die gleiche Route wie Zia: Iran, Pakistan, Türkei und schließlich in Schlauchbooten über das Mittelmeer nach Griechenland. Vom türkischen Festland bis zur Insel Lesbos sind es fünf Kilometer, im vergangenen Jahr sind bei gescheiterten Überfahrten mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. „In einem Boot für zehn Menschen waren 43“, erzählt Zia, „wir sind beinahe gesunken.“

Auf Lesbos werden sie in der Regel von der Grenzpolizei aufgegriffen, registriert, müssen ihre Fingerabdrücke abgeben und kommen in das Internierungslager Pagani, wo es Platz für 250 Flüchtlinge gibt, aber tatsächlich bis zu 850 festgehalten werden. Die Zustände dort seien untragbar, sagt das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR, in einem Raum seien 200 Menschen zusammengepfercht, wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse breiteten sich Krankheiten aus. Die griechischen Behörden sind offenbar mit der Zahl der Flüchtlinge überfordert. Im vergangenen Jahr wurden alleine auf und vor Lesbos 13 000 aufgegriffen – doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Nach ein paar Wochen, manchmal Monaten werden sie freigelassen und bekommen Ausweisungsbefehle. Ein Monat bleibt ihnen Zeit, das Land zu verlassen oder Asyl in Griechenland zu bekommen. Innerhalb der Europäischen Union dürfen sie das nur in dem ersten Land beantragen, das ihre Einreise nicht verhindert hat, Griechenland also. Die Anerkennungsquote lag hier im vergangenen Jahr bei 0,1 Prozent.

Es gibt wohl keinen Ort, der das so sehr vor Augen führt wie eine kleine Straße im Zentrum Athens, die zum Hauptquartier der Polizei führt. In dieser Nacht – wie in jeder anderen – stehen hier Hunderte Flüchtlinge an, um Asyl zu beantragen. Sie kommen aus Bangladesch, dem Sudan oder Pakistan. Die ersten in der Schlange warten schon seit mehr als 20 Stunden. Sie erzählen, dass vielleicht 25 überhaupt einen Antrag stellen könnten. Alle hundert Meter stehen Polizeiwagen. Kurz nach sechs flirren Blaulichter über die Straße und geben den Asylsuchenden das Zeichen, dass ihr Warten umsonst war. Sie stehen auf, wecken ihre schlafenden Nachbarn und verlassen, getrieben von den Polizisten, die Straße.

Die meisten Afghanen versuchen deshalb gar nicht, Asyl in Griechenland zu beantragen. Sie ignorieren das Ausreisedatum auf dem Zettel der Einwanderungsbehörden, versuchen irgendwie nach Nordeuropa zu kommen und hoffen, dass sie nicht wieder nach Griechenland zurückgeschickt werden. Die Chance ist gering, aber sie wird größer: Im September hat das deutsche Bundesverfassungsgericht die Abschiebung eines Irakers nach Griechenland gestoppt, weil das Asylsystem dort erheblich überlastet sei. 500 Einzelpersonen und Familien, die über Griechenland in die EU eingereist waren, wurden in diesem Jahr bereits in das deutsche Asylverfahren aufgenommen – das sind drei Mal so viele wie im gesamten Jahr 2008. Allerdings hat sich auch die Zahl der Rückführungsgesuche an Griechenland auf 1567 verdoppelt.

In der Nähe des Athener Parks liegt eine Bahnhofsbaustelle, die für viele afghanische Jungen zum Zuhause geworden ist. Auf einem vier Meter hohen Stapel Eisenbahnschwellen haben sich Flüchtlinge eine Hütte aus alten Matratzen gebaut. Unter einer Fußgängerbrücke teilen sich fünf Jugendliche ein Bettenlager aus Paletten und Teppichen, das notdürftig mit einer Zeltplane vor Regen und Wind geschützt ist. Sie planen, über Mazedonien nach Ungarn zu fliehen. Auf kleinen Zetteln notieren sie, wie sie da hinkommen. Jeder schreibt sich eine eigene Kopie ab.

Doch das vermeintlich große Tor aus Griechenland ist der Hafen von Patras, dort, wo täglich die Fähren nach Italien ablegen. 4000 Flüchtlinge sollen dort leben. Bis zum Juli war eine Ansammlung von Hütten aus Plastik, Pappe und Holzresten ihr Zuhause, dann kam die Polizei, hat die Flüchtlinge vertrieben, die Hütten gingen in Flammen auf. Die Afghanen sind in die Olivenhaine an der Stadtgrenze gezogen, die sie den Dschungel nennen.

Viele der Flüchtlinge in Patras kehren irgendwann wieder frustriert nach Athen zurück. Hier verteilt die Kirche wenigstens jeden Tag Essen an sie und die vielen anderen Obdachlosen, hier können sie in einer Mission duschen, und es gibt ein Krankenhaus, wo sie umsonst behandelt werden. Aber die Verzweiflung ist nicht geringer.

Zia, der Junge aus dem Park, sagt etwas, das wohl viele der afghanischen Jungen in Griechenland sagen könnten. „Ich habe noch nicht verstanden, wo ich bin und was ich hier mache.“ Und trotzdem, sagt er, bliebe ihnen keine andere Wahl. „In Afghanistan haben wir nichts, deshalb werden wir immer wiederkommen.“

Was sie allerdings haben in Afghanistan, das sind „fraglos kriegsähnliche Zustände“. Der neue deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat das, kaum war er im Amt, gesagt, klare Worte, es war eine Premiere. Am gestrigen Donnerstag dann flog er nach Kabul, um sich selbst ein Bild zu machen. Für Zia und die anderen Athener Afghanen sind das womöglich frohe Nachrichten.

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