Zeitung Heute : Flugkomfort: Dicht an dicht in die Luft gehen

Rainer W. During

Passagiere von enger bestuhlten Charterflugzeuge empfinden den geringeren Fußraum in der Regel nicht als störend, weil sie meistens in Begleitung reisen. Ist der Sitznachbar ein Verwandter oder Bekannter, kompensiert die vertraute Nähe dreizehn Zentimeter Beinfreiheit. Dieses psychologische Phänomen gehört zu einer Vielzahl von erstaunlichen Erkenntnissen, die Klaus Brauer, Projektdirektor Airline Revenue Development des Flugzeugherstellers Boeing, auf der Internationalen Tourismus-Börse präsentierte.

Gemeinsam mit Luftverkehrsgesellschaften hat Boeing die Zusammenhänge zwischen Kabinenausstattung und dem Wohlbefinden der Passagiere analysiert. Bleibt der Nachbarsitz ganz frei, werden vom Reisenden sogar 18 Zentimeter weniger Fußraum nicht als störend empfunden, berichtete Brauer. Gleichzeitig wehrte sich der Experte entschiedenen gegen die Behauptung, dass Thrombosen bei Langstreckenpassagieren etwas mit dem unterschiedlichen Sitzabstand in den verschiedenen Kabinenklassen zu tun haben. Die deshalb "Economy-Class-Syndrom" getaufte Erkrankung sei ebenso bei Business- und First-Class-Fluggästen aufgetreten. Boeing beteiligt sich an intensiven Untersuchungen, die klären sollen, ob diese Krankheitsfälle eine andere, flugspezifische Ursache haben oder damit überhaupt nicht im unmittelbaren Zusammenhang stehen.

Während für Touristen der Preis das wichtigste Buchungskriterium ist, steht bei Geschäftsreisenden die Pünktlichkeit im Vordergrund. An dritter Stelle nennen beide Gruppen die Luftverkehrsgesellschaft und erst auf dem vierten Platz folgt der Flugzeugtyp. Er gewinnt erst bei Flugzeiten von mehr als fünf Stunden für die Passagiere zunehmende Bedeutung. Bei der technischen Zuverlässigkeit eines Flugzeugmodells haben indessen selbst wenige Zehntel Prozent entscheidende Bedeutung, betonte der Boeing-Manager. Denn die Fluggäste nehmen nicht Zuverlässigkeit, sondern Unzuverlässigkeit wahr.

Entgegen der verbreiteten Meinung tragen Dreiersitze mehr zum Passagierkomfort bei, erläuterte Brauer. Denn muss der Reisende im Doppelsitz bereits bei 50-prozentiger Auslastung mit einem Sitznachbarn rechnen, bleibt bei Dreierreihen der Mittelplatz bis zu einer 66-prozentigen Auslastung des Flugzeugs frei. So kommt dem Fluggast eine vollere Maschine psychologisch leerer vor. Dass Passagiere in einer durchgehenden Kabine den hinteren Bereich am unbequemsten empfinden, ist ein weiteres Phänomen. "Wird die Kabine durch Trennwände oder Vorhänge in mehrere kleinere Abschnitte unterteilt, fühlen sich die Reisenden im Heck am wohlsten", so der Experte.

Mit allerlei psychologischen Tricks versucht man bei Boeing, die Kabinen auf das Passagierempfinden abzustimmen. Dazu gehören beispielsweise eine ausgeglichene Beleuchtung, eine glatte Kabinendecke und freie Durchblicke, um den Fluggästen das Gefühl von Weite zu vermitteln. Aus diesen Erkenntnissen hat Klaus Brauer das patentierte "Personal Space Model" entwickelt. Es wird von Boeing den Airline-Kunden als Formel zur Berechnung des Passagierkomforts bei der individuellen Kabinengestaltung zur Verfügung gestellt.

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