Fluglärm-Gegner : "Es kann doch nicht sein..."

"..., dass man den Bürgern bei der Flughafenplanung etwas verspricht und es nicht annähernd hält", sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer am 5. Oktober 2011. Konrad K. erlebte das Gegenteil. Er flüchtete vor den Flugzeugen und wurde am Müggelsee von ihnen eingeholt.

Foto: Paul Zinken
Foto: Paul Zinken

Konrad K. möchte er in der Zeitung heißen. Einer wie er fürchtet um seine Privatsphäre und um das, was er sich im Leben aufgebaut hat. Das Haus gehört dazu, ein Neubau im Remisenlook, versteckt in den grünen Hinterhöfen des Köpenicker Vororts Friedrichshagen am Nordufer des Großen Müggelsees. 100 Jahre alte Ziegelsteine sind darin verbaut, die Zimmertüren haben Oberlichter, die Außenfenster sind dreifach verglast. K. ist Bauingenieur. Er hat das Haus selbst geplant und in den Hinterhof „hineinoperiert“. Kein anderer hätte es besser machen können, sagt er. Keinesfalls werde er akzeptieren, dass dieses Haus an diesem Ort seit diesem Jahr ein Irrtum ist.

Konrad K. wuchs in Müggelheim auf, am Südufer des Sees, in einem Haus mit Grundstück. Gelegentlich donnerten Iljuschins über die gepflegten Gärten hinweg, aber den Flughafen in Schönefeld gab es schließlich schon immer. Und pro Stunde waren es höchstens sechs Flugzeuge. Niemand kam auf die Idee, sich dagegen zu wehren. Überhaupt ist K. eher der Gegenentwurf zum Typus des deutschen Berufsdemonstranten. Ein vorsichtig kalkulierender, strategisch denkender Perfektionist und Rationalist. Schmal, mit Brille und Rollkragenpulli. Obwohl er wegen fehlender FDJ-Mitgliedschaft kein Abitur machen durfte, studierte er trotzdem irgendwie. Mit 21 Jahren war er fertig.

So einer weiß genau, was er tut.

Als K. ein Grundstück für sein Haus suchte, besorgte er sich die offizielle Karte mit den Lärmzonen. Da gibt es rote Zonen und gelbe Zonen. Und es gibt weiße Flächen ohne Lärmbelastung. Friedrichshagen war so eine weiße Fläche. Im Planfeststellungsbeschluss – K. hat alle 1000 Seiten gelesen und verstanden, er ist ja vom Fach – steht drin, im Müggelseegebiet seien „erhebliche Belästigungen durch Fluglärm auszuschließen“. K. hat dieses und andere beweiskräftige Dokumente auf seinem großen Schreibtisch versammelt. Er tippt auf das Papier. Da steht es, schwarz auf weiß.

Auch Dokumente, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, liegen jetzt hier. Kopien eines innerbehördlichen Briefwechsels, die den Flughafengegnern zugespielt wurden. Politischer Sprengstoff, der nicht mehr zündet: Die Schreiben sind 13 Jahre alt. Aus ihnen geht hervor, dass die Flugrouten eigentlich anders verlaufen müssen als in den veröffentlichten Lärmkarten. Und dass man diesen Widerspruch bewusst außer Acht lässt, um die Flughafenplanung nicht zu gefährden.

„Sie haben es gewusst. Ich nicht.“ Seine Stimme klingt sehr hart, wenn er das sagt. Die Bitterkeit verkneift er sich, manchmal schleicht ein saures Lächeln über seine Mundwinkel. Er spricht von Betrug und krimineller Energie beim Vertuschen der Tatsachen. Man spürt die unterdrückte Wut. Der Ingenieur ist ein kontrollierter Mann, niemals würde er sich Schimpfwörter oder Beleidigungen durchgehen lassen. Und dann sagt er doch einen radikalen Satz. „Ich bin der Meinung, dass so Terroristen gemacht werden.“

K. wird nicht Amok laufen wie sein literarisches Alter Ego Michael Kohlhaas. Denkbar sei allenfalls „ziviler Ungehorsam“, wenn die Müggelseeflugroute tatsächlich beschlossen werden sollte. Parallel will er zusammen mit der Bürgerinitiative Friedrichshagen den Justizweg gehen, bis hin zum Europäischen Gerichtshof. Dafür sei er bereit, „mehr Geld aufzuwenden, als ich habe“.

K. hat sich verschuldet für sein Haus, das die Behörden zum Irrtum gemacht haben. Das Ungeheuerliche ist, dass ihm das schon zum zweiten Mal passiert.

Anfang der neunziger Jahre, mit 20 Jahren, will er seine Lebensplanung verwirklichen: ein eigenes Haus, am besten in seinem Heimatort Müggelheim. K. ist Segler, der Müggelsee ist sein Revier. Seine Frau aber zögert. Müggelheim liegt ihr zu nah an Schönefeld. Sie beschließen, ein paar Jahre zu warten, bis klar ist, wo der neue Großflughafen gebaut werden soll.

1994 ergibt das Raumordnungsverfahren, dass Sperenberg der geeignete Standort sei. Die Grundstückpreise in Müggelheim steigen. K. will handeln. Er kauft ein Grundstück und beginnt mit der Bauplanung. Zwei Jahre später können er und seine Frau einziehen. In diesen Tagen gehen drei Politiker vor die Presse und erklären, dass trotz aller Bedenken nicht Sperenberg, sondern Schönefeld den Flughafen bekommen wird. Diese überraschende Wende geht als „Konsensbeschluss“ in die politische Geschichte ein. K. fällt es schwer, dieses Wort wertneutral auszusprechen. „Soll ich jetzt sagen, ich sei aus allen Wolken gefallen?“ Der Ingenieur mag solche Betroffenheitsfloskeln nicht. Auch wenn sie zutreffen. 2004 ist das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen. Ordnerreihen von Einwänden der Bürger fanden kein Gehör, K. hat verloren.

Als er sich entschließt, das Haus zu verkaufen, findet er nur zwei Interessenten. Schnäppchenjäger. Um rund ein Drittel sind die Preise in Müggelheim durch die Flughafenplanung gesunken. Viele seiner Bekannten können es sich nicht leisten, vor dem Lärm zu flüchten. Er kann es.

2009 beginnt der Bau des neuen Hauses in Friedrichshagen. Dort steigen die Bodenpreise. Familien mit solidem Einkommen haben die Gegend entdeckt. Es gibt schöne alte Häuser, ein Strandbad, einen eigenen S-Bahnhof und sogar eine stilvolle, funktionierende Einkaufsstraße mit Kino, Cafés und Buchhandlung.

Im März 2011 wird erstmals eine Flugroute über den Müggelsee vorgeschlagen, um weiter südlich gelegene Gemeinden zu entlasten. Die Flugzeuge haben K. eingeholt. Als er vors Haus tritt, zieht gerade eine Maschine hoch über den Dächern ihre Bahn. „Die fliegt nach Tegel.“ Ein Vorbote für den Lärm der Zukunft. „Ich empfinde das als Vertreibung“, sagt K., „staatliche Willkür.“ Er sei mit „sehr viel Aufwand dem Flughafen ausgewichen.“ Noch mal werde er das nicht tun. „Muss ich auch nicht.“

Im Haus ist es still, bis auf das Brummen von der neuen Pelletheizung. K. plant beruflich energieeffiziente Gebäude. Früher hat er auch Autobahnen und Brücken gebaut. Großprojekte. Er weiß, wie Planungsprozesse laufen, wie man Verwaltungsjargon deuten muss. Dass ihm, ausgerechnet ihm, das passieren musste, macht ihn umso entschlossener, Widerstand zu leisten. Heinrich von Kleists Kohlhaas hat er nicht gelesen. Vielleicht besser so.

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