Zeitung Heute : Flugstunde über Washington

Matthias B. Krause[New York]

Ein Kleinflugzeug konnte so nah an das Weiße Haus heranfliegen, dass das Gebäude evakuiert werden musste. Wie konnte das passieren – sind die Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichend?

Als alles vorbei war, klopfte sich das Ministerium für Heimatschutz auf die Schulter. Die Reaktion auf das Sportflugzeug, das in die Sperrzone über Washington D.C. eindrang und die Evakuierung des Weißes Hauses und des Parlaments auslöste, sei „rechtzeitig, effektiv und angemessen“ gewesen, sagte Ministeriumsprecher Brian Roehrkasse. Nicht alle mochten zustimmen. Während die Bundesangestellten gewarnt waren und im Finanzministerium wie im Obersten Gerichtshof die Menschen in Sicherheit gebracht wurden, wusste der Bürgermeister der Hauptstadt von nichts. Er sei über den Vorfall erst informiert worden, als im Weißen Haus der Alarm aufgehoben war, beschwerte sich Anthony Williams. Dabei liegt sein Büro nur zwei Blocks von dem des US-Präsidenten entfernt.

„Diese wichtigen Informationen über lebensbedrohende Gefahren für die Einwohner meiner Stadt müssen sofort mitgeteilt werden, nicht zehn oder 15 Minuten später“, grummelte Williams. Doch seine Beschwerde ging in der allgemeinen Erleichterung darüber unter, dass es sich bei den Piloten der Cessna nur um zwei verirrte Provinzler handelte, nicht um Terroristen. Sie hatten auf dem Weg vom Heimatflugplatz in Pennsylvania zu einer Flugschau in North Carolina die Orientierung verloren und steuerten direkt in die Hochsicherheitszone Washingtons.

Auf den Radarschirmen der Flugsicherheit waren sie 45 Minuten lang verfolgt worden, ehe es zwei F-16-Kampfjets gelang, sie abzudrängen und zur Landung zu zwingen. Zuvor hatten sie alle Warnungen ignoriert, obwohl zwei Militärhubschrauber sie zu stoppen versuchten, als sie in die innerste Flugsicherheitszone 15 Meilen um das Weiße Haus eingedrungen waren. Erst die Warnschüsse der Kampfflieger brachten die Männer, einen Fluglehrer und seinen Schüler, zur Besinnung. Am Boden stand Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bereit, um das Zeichen zum Abschuss der Cessna zu geben.

Im Pentagon hatte man schon die Entscheidung getroffen, dass die Gefahr, die vom Irrflieger ausging, nicht groß genug sei, um das Gebäude mit seinen mehr als 20000 Angestellten zu räumen. Der Luftraum über der Hauptstadt ist seit den Anschlägen vom 11. September 2001 der am strengsten bewachte des Landes. Trotzdem kommt es zu regelmäßigen Verstößen, nach Informationen der „Washington Post“ durchschnittlich drei am Tag. Zwischen Januar und Mitte April habe es mehr als 280 Verletzungen des Luftraumes gegeben, schreibt die Zeitung.

Meistens bemerken die Piloten ihren Fehler jedoch schnell und nähern sich nicht, wie das Duo aus Pennsylvania, auf bis zu drei Meilen dem Herz der Hauptstadt. Der Vorfall ereignete sich ausgerechnet zu einer Zeit, da darüber diskutiert wird, den nahe gelegenen Reagan-National-Airport wieder für Sportflugzeuge zu öffnen. Diese Forderung dürfte sich nun bis auf weiteres erledigt haben. Die Anklage gegen die beiden verirrten Piloten wurde fallen gelassen, die Behörden werteten ihren Irrflug als „Unfall“. Ihre Lizenz zum Fliegen werden sie dennoch zumindest für eine Weile verlieren.

Fragen muss sich auch Präsident Bush gefallen lassen. Zunächst hatte es geheißen, er sei auf seiner Radtour in einem Naturschutzgebiet eine halbe Autostunde nördlich von Washington über den Vorfall informiert worden. Doch auf Nachfragen der „New York Times“ gab Präsidenten-Sprecher Scott McClellan zu, Bush sei erst unterrichtet worden, als alles längst vorbei war. Man habe ihn nicht gebraucht, um Entscheidungen zu treffen.

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