Zeitung Heute : Flugzeug abgestürzt, alle zufrieden

Der Tagesspiegel

Von Werner Schmidt

Zehn Tote und 180 teils schwer Verletzte – und dennoch sind alle im Großen und Ganzen zufrieden. „Crash 2002“ nannte sich die Katastrophenübung, während der gestern auf dem Flughafen Schönefeld die missglückte Notlandung eines Urlauberjets mit 182 Passagieren und acht Besatzungsmitgliedern simuliert wurde. Eine „an und für sich positive“ Zwischenbilanz zog der Chef der Schönefelder Flughafenfeuerwehr, Klaus Walter.

Mit über 1000 Beteiligten, neben Hilfskräften und Verletzten-Darstellern auch zahlreiche Journalisten und Kamerateams sowie Beobachter aus der Berliner und Brandenburger Politik, von Hilfsdiensten, Bundesgrenzschutz und der Bundeswehr, war es eine der größten Übungen der letzten Zeit. Die Flughäfen sind verpflichtet, in zweijährigem Turnus die Notfälle zu trainieren. Die gestrige Übung galt gleichzeitig als Vorbereitung auf die Internationale Luftfahrtausstellung (ILA) vom 6. bis zum 12. Mai.

Das Szenario der gestrigen Übung sah vor, dass der Pilot eines Passagierjets, dessen Zielflughafen Schönefeld war, die Explosion eines Triebwerks meldet und und eine Notlandung versuchen wollte. So konnten die Hilfskräfte bereits vorbereitet und sofort eingesetzt werden, als die Notlandung dann missglückte. Das Drehbuch sah weiterhin eine Bruchlandung vor, bei der das Flugzeug zerbricht und in Flammen aufgeht.

Das Wrack der Maschine wurde gebildet von acht alten Tanks in der Größe einer Flugzeugzelle. Es waren Türen hineingeschnitten, die Flugzeugtüren sehr ähnlich waren, teils waren sie sogar mit Sitzen ausgestattet. Die Tragflächen waren aus Holz nachgebildet. Passagiere in den ankommenden und abfliegenden Flugzeugen dürften das Szenario im nördlichen Teil des Flughafengeländes durchaus für echt gehalten haben. Allerdings seien die Flugzeugbesatzungen gebeten worden, ihre Passagiere über die Übung zu informieren, sagte Flughafensprecherin Rosemarie Meichsner.

Als die Übung dann mit knapp 30-minütiger Verspätung gegen 10.30 Uhr begann, hatten die ersten der 190 Verletzten-Darsteller schon die ersten Unterkühlungen: Bei etwa 9 Grad und Windstärke 4 bis 5 froren nicht nur die zumeist leicht bekleideten „Passagiere“, sondern auch die Zuschauer. Die „Passagiere“, Mitglieder von Hilfsdiensten wie der DLRG, dem Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund, der Johanniter-Unfallhilfe und anderen waren erschreckend echt geschminkt. Auch die Reaktionen und das Verhalten waren der Realität angemessen: „Wir, die Hilfskräfte, Ärzte und Rettungsassistenten wussten zuvor nicht, wie sich die ’Verletzten’ benehmen werden“, sagte Einsatzleiter Klaus Walter. Und alle wurden überrascht, welche schauspielerische Leistung von den „Opfern“ erbracht wurde. Panik, Verzweiflung, Gegenwehr gegen Hilfe bringende Retter oder die durch den Absturzschock ausgelöste trunken-taumelnde Freude von Überlebenden wurden so echt dargestellt wie man es sich nur vorstellen kann: „Es war eine Herausforderung für uns“, sagte Walter.

Die ersten Fehlerquellen wurden bereits während der Anfahrt der Rettungsfahrzeuge deutlich: Im Eifer zu helfen, preschten die Fahrer fuhr und hätten beinahe sogar den Einsatzleiter umgefahren.: „Aber die erste Phase wird fast immer zum Chaos“, räumte Walter freimütig ein.

Besondere Beachtung wurde der Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Hilfsdiensten geschenkt: „Die Basiskommunikation war sicher, allerdings muss das Kommunizieren noch geübt werden“, stellte Walter fest. Und fügte zur Entschuldigung hinzu: „Wer, wie die freiwilligen Helfer nicht jeden Tag mit einem Funkgerät umgeht, kann schon mal die falsche Taste erwischen.“

Die Zaungäste, Spaziergänger und Radfahrer, die dem Geschehen durch den Maschendrahtzaun folgten, fanden allerdings einige deutliche Kritikpunkte. Wolfgang Krüger aus der Gropiusstadt zum Beispiel stellte fest, dass es zu wenig Helfer sind, die die am Rollbahnrand aufgereihten Verletzten nicht schnell genug versorgten. Außerdem wurden zwei unter dem Rumpf Eingeklemmte erst sehr spät – nach Krügers Meinung fast zu spät – gerettet. Dass die „Opfer“ zunächst untersucht, ihre Verletzungen diagnostiziert wurden und ihr Zustand vor einem Transport ins Krankenhaus stabilisiert werden musste, war für medizinische Laien nicht auf einen ersten Blick aus der Ferne erkennbar.

Selbst die Rettungshubschrauber des ADAC und des ASB wurden eingesetzt. Wobei die Besatzung des ADAC-Helikopters Christoph 31 nach einem Flug bereits von der Realität überholt wurde und zu einem Unfall ausrücken musste.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben