Zeitung Heute : Flugzeugabsturz von Taipeh: Das Glück der Economy-Klasse

Harald Maass

Als der Jumbo-Jet der Singapore Airlines in Taipeh auf die Startbahn rollt, regnet es in Strömen. Es ist spät in der Nacht, Windböen toben um das Flugzeug. Das örtliche Wetterbüro hat eine Taifun-Warnung herausgegeben, aber das ist nichts Ungewöhnliches in dieser Jahreszeit. "Ein Sauwetter war es", wird sich der deutsche Professor später erinnern. Er kommt gerade aus einem Kurzurlaub in Bali und will an diesem Abend zurück in seine Wahlheimat New York. Harald Linke sitzt - das wird später noch eine Rolle spielen - in der letzten Reihe des Flugzeugs. "Hoffentlich geht das mal gut", denkt er und drückt sich beim Start ein bisschen tiefer in den Sitz als sonst, die Hände um die Armlehnen gekrallt.

Es sollte nichts nützen. Als der Jumbo mit 159 Passagieren und 20 Crew-Mitgliedern auf der regennassen Startbahn beschleunigt, geht plötzlich ein Ruck durch die Maschine, dann ist ein lauter Schlag zu hören. "Wir wurden wie in einer Achterbahn herumgewirbelt", erzählt Linke 18 Stunden später. Da liegt der 64-jährige Professor für Biochemie an der Universität New York im Dayuan-Minsheng-Krankenhaus in Taipeh. Er hat schon CNN ein Interview gegeben, und jetzt berichtet er am Telefon von dem Unglück, so nüchtern, dass es gar nicht zu dem passen mag, was er da beschreibt.

"Das ganze Flugzeug schien wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Es war wie im Film, wie in Hollywood", sagt Linke. Er beschreibt, wie Gepäckklappen und Verschalungen von den Wänden fallen, wie Taschen, Handkoffer und andere Gepäckstücke durch die Kabine fliegen, wie er panische Schreie hört und denkt "Wir sterben."

Als die Maschine zum Stillstand kommt, ist es stockfinster. Dichter Rauch und der Geruch von Kerosin breiten sich aus. "Ich hatte nur noch einen Gedanken. Raus hier. Raus, bevor alles explodiert." Ein paar Reihen weiter sieht er durch den Nebel eine Stewardess, die versucht, den Notausgang zu öffnen. Es dauert einen Moment, bis Linke erkennt, warum die Tür nicht zu öffnen ist, bevor er das ganze Ausmaß der Katastrophe begreift. "Der ganze hintere Rumpf des Flugzeugs war abgetrennt und herumgeschleudert worden. Der Notausgang war blockiert, weil wir mit der ganzen Fensterseite am Boden lagen."

Linke befindet sich in einer vergleichsweise günstigen Situation. Der hintere Teil des Flugzeugs ist auf seine Seite gekippt, so kann er sich leicht aus dem Gurt befreien. "Auf der anderen Seite hingen die Menschen mit ihren Sitzgurten in der Luft. Die hatten keine Chance, auf den Boden zu kommen", sagt Linke. "Die Leute hingen da oben gefangen." Auf allen Vieren - den Kopf gegen den Rauch mit einem Tuch geschützt - robbt er nach vorne, Er sieht Gesichter von Menschen in Panik, Schwerverletzte. Plötzlich atmet er frische Luft. Er spürt Hände, die ihn aus dem Wrack ziehen. Als er noch unter Schock auf der Rollbahn steht, verschwindet der vordere Teil des Flugzeugs in Flammen. "Es war ein Albtraum", sagt er und spricht auch dieses Wort mit unglaublicher Ruhe aus.

Harald Linke aus Göttingen, der einzige Deutsche an Bord, hat überlebt. Außer einer Prellung am linken Knie und ein paar Schürfwunden ist er unverletzt, und dieses Glück kann er noch nicht so ganz begreifen. Er weiß, "es hätte so viel schief gehen können".

79 Leichen sind nach den Angaben der taiwanesischen Flugbehörde bislang aus dem ausgebrannten und zerfetzten Wrack geborgen worden, die letzte zwölf Stunden nach dem Aufprall. 56 Passagiere liegen mit zum Teil schweren Verletzungen in Krankenhäusern. 44 blieben praktisch unversehrt; die meisten von ihnen saßen hinten in der Touristenklasse.

"Ich hatte vor dem Abflug noch versucht, mich in die Business-Klasse hochstufen zu lassen. Von Taipeh nach Los Angeles ist es ein langer Flug", erzählt Linke. Dass es nicht geklappt hat, glaubt der Professor, hat ihm das Leben gerettet. Ein Zimmernachbar im Krankenhaus, der wegen schwerer Verbrennungen behandelt wird, saß zum Zeitpunkt des Unglücks in der Business-Klasse. Er hat Linke erzählt, dass es dort sofort gebrannt hat, dass von allen Seiten Flammen in die Kabine schlugen. "Ich war hinten in der Economy - das war mein Glück."

Über die Ursachen des Unglücks wird noch gerätselt. Singapore Airlines gilt als eine der sichersten Fluggesellschaften der Erde, bis zu diesem Dienstag gab es in der 28-jährigen Firmengeschichte kein Unglück mit Todesfällen. Jetzt ist die Rede von einem Gegenstand, der auf der Rollbahn gelegen haben soll. Das passt zu den Aussagen der Piloten, die überlebt haben, und es passt zur Erinnerung von Harald Linke. Er hat einen "deutlichen Ruck" gespürt; seinem Eindruck nach war der hintere Teil des Flugzeuges zu diesem Zeitpunkt noch am Boden.

Vielleicht war es aber auch das Wetter, das zu dem Unglück führte. Zwar betonen Singapore Airlines und die Flughafenverwaltung in Taipeh, dass die Bedingungen ausreichend gut für einen Start waren. Eine Viertelstunde vor dem Unglück hatte ein anderes Passagierflugzeug problemlos abgehoben. Trotzdem wird nicht ausgeschlossen, dass eine ungewöhnlich starke Windböe oder die schlechte Sicht das Flugzeug von der Bahn abbrachte. Ein Rätsel ist bislang, warum das in drei Teile zerborstene Wrack der Unglücksmaschine auf einer Nebenrollbahn, die zum Zeitpunkt des Unglücks für Reparaturarbeiten gesperrt war, zum Stehen kam.

Für Harald Linke ist klar: "Die Piloten hätten bei diesem Wetter nie starten dürfen. Das war ein Fehler." Diese Nacht will er sich noch ausruhen und dann möglichst bald zu seiner Frau und Familie nach New York. "Bisher war ich in der Sache ziemlich cool", sagt der Professor. Ganz wohl sei ihm allerdings nicht bei dem Gedanken, dass er für die Heimreise wieder in ein Flugzeug steigen müsse. "Eigentlich ist Fliegen ja sicher", sagt der Wissenschaftler in ihm. Aber das klingt doch sehr, als ob er sich selbst Mut zusprechen muss.

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