Zeitung Heute : Flugzeugträger gefällig?

11 Millionen Deutsche versteigern bei Ebay. Manche haben gar keinen Computer – Verkaufsagenturen helfen

Andreas Kaiser

Eigentlich ist Edmund Mattig ein Trödler. Nur, dass er in seinem Laden in der Charlottenburger Heerstraße keine Antiquitäten ausstellt. Anstatt auf Laufkundschaft setzt Mattig auf PC und Netzanschluss. Anfang August 2003 hat der 45-jährige Berliner die erste deutsche Agentur für Internetauktionen namens BestEnd eröffnet. Sein Ebay-Service ist die neueste Geschäftsidee im Sog des stetig weiter wachsenden Internet-Auktionshauses. Über zwei Millionen Artikel und Dienstleistungen sind allein in Deutschland ständig im Angebot. Mit weltweit rund 70 Millionen registrierten Mitgliedern ist Ebay der größte Marktplatz der Welt. Dank Mattigs BestEnd, der Firmenkette Clever & Easy oder dem Dropshop in München kann das virtuelle Versteigerungshaus jetzt auch offline genutzt werden.

Das Prinzip ist so simpel wie genial: Verkaufsinteressenten bringen ihre Ware zur Annahmestelle und deren Agent versteigert sie bei Ebay unter eigenem Namen. Für seine Arbeit kassiert der Zwischenhändler eine Provision zwischen 15 Prozent und 40 Prozent des Verkaufspreises sowie eine geringe, so genannte Einstellgebühr.

Das Beispiel macht Schule. Fast wöchentlich entsteht irgendwo auf der Welt eine neue Verkaufsagentur. Denn das Auktionshaus brummt längst nicht mehr nur bei Laien. Nach einer Schätzung von Deutschlands Ebay-Chef Philipp Justus sollen hierzulande rund 10000 Menschen ihren Lebensunterhalt mit dem Handel per Mausklick bestreiten.

Maler verhökern über Ebay ihre Bilder. Trödler bieten nach erfolglose Flohmarkt-Wochenende ihre Ware im Internet an. Für Furore sorgte jüngst ein Schiffshändler, der einen kompletten Flugzeugträger für rund 100 Millionen Dollar unter den Hammer bringen wollte.

Rolex für 14800 Euro

Viele dieser so genannten Powerseller haben inzwischen Angestellte. Auch Mattig lässt sich beim Fotografieren und Verpacken der Ware von seiner Frau und einer Halbtagskraft helfen. Rund 600 Artikel verkauft er pro Monat. Das meiste Geld ging bei einer Rolex, Model Daytona, über den Tisch. 14800 Euro, sagt Mattig und erzählt stolz, wie Paul Newman einst in dem Film Indianapolis die gleiche Uhr trug. Der Käufer, ein Franzose, flog sogar eigens nach Berlin, um den Chronografen bei BestEnd abzuholen.

Ebay begeistert die Menschen, zieht sie in den Bann. Im Fernsehen laufen große Werbespots. Zu Beginn des Jahres haben mit „Computerbild“ und „Tomorrow“ gleich zwei Fachmagazine dem Auktionshaus ihre Titelgeschichten gewidmet. „Versteigerungen machen süchtig, man will immer der Gewinner sein“, erklärt Mattig das Phänomen von zuweilen völlig überhöhten Verkaufspreisen. Doch im Wesentlichen lebt Ebay von der Hoffnung der Kundschaft auf ein Schnäppchen. Mattig prophezeit dem 1996 gegründeten Auktionshaus daher weitere zehn Jahre Wachstum. „In angespannten wirtschaftlichen Zeiten wollen immer weniger Menschen den vollen Ladenpreis bezahlen“, sagt er. Manche seiner Kunden dagegen brauchen eher „schnelles Geld, weil vielleicht jemand seine Miete nicht zahlen kann und noch irgendwo teures Meissener-Porzelan stehen hat", sagt Mattig. Deswegen kommen sie ins BestEnd.

Denn ganz so einfach, wie die Ebay-Werber gerne suggerieren, ist der Cyberhandel offenbar nicht. Neben technischen Fertigkeiten, einem Computer mit Netzanschluss und einer Digitalkamera muss man vor allem Zeit mitbringen.

Wer also weder einen PC noch die notwendige Geduld hat, der geht zur Ebay-Verkaufsagentur. „Menschen ab 40, die beruflich nie einen Computer genutzt haben“, beschreibt Mattig weite Teile seiner Klientel. Der ehemalige Vermarkter von Kinofilmen hat seine Leidenschaft für Versteigerungen schon ziemlich früh entdeckt. „Seit meinem 20. Lebensjahr blättere ich durch Auktionskataloge."

Als sich sein Faible im Freundeskreis herumsprach und ihn immer mehr Bekannte baten, doch auch mal etwas für sie zu versteigern, sei ihm die Geschäftsidee gekommen. Mattig glaubt fest an seine Agentur. So sei eine Förderung als Ich-AG für ihn nie in Betracht bekommen, „weil ich dann nur 24000 Euro im Jahr verdienen darf“, sagt er. Im Februar will Mattig eine zweite BestEnd-Filiale in der Prenzlauer Allee gründen.

Ein bisschen weiter ist bereits Oliver Blume mit seiner Kette Clever & Easy. Der niedersächsische Unternehmer hat seit Oktober 2003 fünf Auktionsshops in Hannover, Hamburg, Braunschweig, Hildesheim und Schweinfurth gegründet. In den kommenden zwölf Monaten sollen rund 100 weitere Filialen entstehen, allein fünf davon im März in Berlin. „Wir sind die weltweit schnellstwachsende Firmenkette“, sagt Blume. Bei seinen Shops setzt er auf Arbeitsteilung: Die Zweigstellen nehmen die Artikel an und fotografieren sie. Den kompletten Kontakt mit Ebay erledigen Mitarbeiter der Zentrale. Das Verpacken und Verschicken der Ware übernehmen wiederum die Filialisten.

Saubere Profile

Der Berliner Mattig hält nicht viel von Blumes Kettengedanke. Er selbst lege hohen Wert auf „ein sauberes Ebay-Bewertungsprofil“. Und dies sei über zahlreiche weit verstreute Filialen mit etlichen Betreibern und Mitarbeitern kaum zu gewährleisten, vermutet Mattig. Auch sonst sind Mattig und Blume nicht unbedingt einer Meinung. Beide Männer nehmen für sich in Anspruch, die Idee einer Internet-Versteigerungsagentur erdacht zu haben. Doch in diesem Punkt liegen sie beide falsch. Bereits im März 2003 eröffnete die US-Firma Auctiondrop den ersten ihrer inzwischen vier Auktionsshops im Großraum San Francisco.

Fakt ist: Deutschlands Innenstädte bekommen ein neues Gesicht. Immer mehr Aktionsfilialen mit vier bunten Buchstaben im Hintergrund werden eröffnet. So macht das Ebay-Prinzip nicht nur Ebays Geschäftsführung, nicht nur Millionen von Einzelkäufern, sondern auch noch Menschen glücklich, die sich den Traum von der Selbstständigkeit via Online-Auktionshaus ermöglicht haben.

Im Internet:

www.bestend.de

www.clevereasy.de

www.dropshop.de

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