Flugzeugunglück in Madrid : Nach der Glut

Die Toten von Madrid liegen in der Leichenhalle, die Verletzten im Krankenhaus. Für die Angehörigen und die Helfer beginnt nun das Schwerste: den verkohlten Körpern Namen geben.

Ralph Schulze
Heck
Schwarze Mahnung. Heck der in Madrid verunglückten Spanair-Maschine. -Foto: dpa

MadridNun geht es darum, Gewissheit zu erlangen, Gewissheit darüber, wer unter den Toten ist und wer unter den Verletzten, deshalb wird gesucht rund um die Absturzstelle bis auch die letzten Leichen gefunden sind, und es wird auch gesucht in einem Einfamilienhaus im bayerischen Pullach, auf Zahnbürsten vielleicht oder Kämmen, nach DNS-Spuren.

Am frühen Donnerstagnachmittag dann sind die letzten beiden leblosen Körper gefunden, der eines Säuglings und der eines Erwachsenen, zwei von 153, in jenem ausgetrockneten Flusstal am Rande des Madrider Flughafens Barajas, in dem einen Tag zuvor eine McDonnell-Douglas-Maschine der Fluggesellschaft Spanair zerschellt und ausgebrannt ist. Jetzt können auch von ihnen Fingerabdrücke genommen, die Kiefer und Gebisse untersucht, Ausweispapiere, Kleidung oder Schmuck zugeordnet werden. Und jetzt, an diesem Donnerstagnachmittag, sind wohl auch die analysierten DNS-Proben aus Pullach auf dem Weg nach Madrid, die Klarheit darüber bringen sollen, ob die vierköpfige deutsche Familie M. an Bord dieses Flugzeugs war oder nicht. Der Name M. jedenfalls fand sich auf der Passagierliste, die Eltern, zwei Kinder, es soll auch sicher sein, dass sie am Spanair-Schalter eingecheckt haben. Ob sie das Flugzeug schließlich auch betreten haben, weiß man nicht.

Das Flugzeug. Es trug den Namen „Sunbreeze“, es sollte nach Gran Canaria fliegen. Das, was von ihm übrig ist, rußgeschwärzte Trümmer, ist umgeben von Asche. „Ich habe einen Kilometer verbranntes Land gesehen“, sagt ein Mann vom Rettungsdienst. Das abgebrochene Heck ragt aus dem Boden wie ein Mahnmal.

Eine Überlebende des Unglücks, die 41-jährige kolumbianische Ärztin Ligia Palomino, schilderte ihrer Schwester Fernanda im Krankenhaus Einzelheiten der Katastrophe. Als der Pilot auf der Startbahn Gas gab, habe man in der Kabine bereits merkwürdige Geräusche gehört, sagte Fernanda später der Zeitung „El Pais“. Plötzlich habe es einen „fürchterlichen Krach“ gegeben, die Maschine sei heftig aufgeschlagen, dann verlor Ligia Palomino das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich gekommen sei, außerhalb des Flugzeugs, wegen der lauten Explosion eines Treibstofftanks, habe sie überall Leichen gesehen, stöhnende Menschen.

Palomino, die als Unfallärztin für den Madrider Rettungsdienst schon etliche Katastrophen miterlebt hat, wollte aufstehen, sich zu den anderen Opfern schleppen und helfen. Ihren Mann Jose und ihre Schwägerin Gema suchen. Doch sie kam nicht weit. Brach gleich wieder zusammen. Ein Oberschenkelbruch. Erst im Krankenhaus hörte sie später, dass auch Jose gerettet werden konnte. Von Gema fehlte zunächst hingegen jede Spur.

Möglicherweise liegen ihre sterblichen Überreste auch in jenem provisorischen Leichenschauhaus, das in der Halle Nummer sieben auf dem Madrider Messegelände eingerichtet wurde. Es ist dieselbe Halle, in die vor vier Jahren die 191 Todesopfer des Terroranschlags vom 11. März 2004 gebracht worden waren.

Die Polizei lässt nur Angehörige hinein. Sie kommen mit grauen Gesichtern, mit Tränen in den Augen. Schweigsam. Begleitet von Psychologen und Rot-Kreuz-Helfern. Auch Spaniens Regierungschef Jose Luis Zapatero und König Juan Carlos statten einen Beileidsbesuch ab.

Die Identifizierung der Toten ist dieses Mal mindestens genauso schwierig wie damals nach dem Bombenmassaker in den Madrider Vorortzügen. Die große Hitze im brennenden Flugzeugwrack hat etliche Körper bis zur Unkenntlichkeit entstellt, einige buchstäblich zu Asche werden lassen. Ihre Identifizierung kann noch Tage dauern. Erst 40 Körper konnten bis zum Donnerstagnachmittag mit Namen versehen werden.

Experten versuchen unterdessen, die Ursache für die Katastrophe herauszufinden. Die alle Flugdaten aufzeichnende „Blackbox“ des verunglückten Flugzeugs, das vermutlich 15 Jahre alt war, wurde sichergestellt. Laut Flugplan sollte die Maschine um 13 Uhr nach Las Palmas de Gran Canaria fliegen. Doch kurz davor bemerkte der Pilot ein technisches Problem. Er kehrte zur Parkposition zurück und rief die Techniker zu Hilfe.

Knapp zwei Stunden später, gegen 14 Uhr 45 Uhr, unternahm der Pilot dann den zweiten Startversuch: Das Flugzeug raste über die Piste hinaus, hob Augenzeugen zufolge nur kurz die Nase und bohrte sich dann brennend ins dahinter liegende Feld. Angeblich soll zunächst das linke der beiden Triebwerke Feuer gefangen haben bevor die voll getankte Maschine dann buchstäblich explodiert sei.

Ein Spanair-Sprecher teilt am Donnerstag mit, das Flugzeug sei zunächst wegen „einer Überhitzung an einer Luftdüse“, die sich in der Nase des Flugzeuges befindet, zurückkehrt. Der Fehler sei entsprechend der Sicherheitsvorschriften behoben und der Flug entsprechend genehmigt worden.

Als Unglücksursache kommt dieser Defekt aber offenbar nicht infrage, vieles spricht dagegen für nicht funktionierende Triebwerke. Bis aber Klarheit auch hierüber herrscht, werden vermutlich noch Wochen vergehen.

Geklärt werden muss auch die Frage, ob die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Spanair – die Fluggesellschaft gehört zur skandinavischen Gruppe SAS – ursächlich für die Katastrophe sind. Spanair erlebt gerade ein dramatisches Jahr. Die Fluggesellschaft macht Verluste – 55 Millionen Euro sollen es im ersten Halbjahr 2008 gewesen sein –, und sie spart. Der Flugplan wurde zusammengestrichen, ein Drittel der mehr als 3000 Angestellten soll entlassen werden, SAS bietet die spanische Tochter seit 14 Monaten vergeblich zum Verkauf an. Gewerkschafter sprechen von einem „organisatorischen Chaos“. Ein Streik wurde nicht ausgeschlossen.

Spanair hatte bisher freilich einen guten Ruf. Die vorerst letzte offizielle Unternehmensmeldung der Fluggesellschaft beginnt mit den Worten: „Spanair teilt mit Bedauern mit …“

In Pullach unterdessen bangen die Angehörigen um das Leben der vier Deutschen, sie werden von Psychologen betreut. Der Abgleich der hier genommenen DNS-Proben mit den Spuren in Madrid kann allerdings Tage dauern. „Wir hoffen und beten, dass das Schlimmste nicht eintreten möge“, sagt der Pullacher Bürgermeister.

Und in Peking? Dürfen die Spanier nicht öffentlich der Opfer gedenken. Ein Antrag, spanische Flaggen auf Halbmast zu setzen und die Athleten mit Trauerbändern die olympischen Wettkämpfe antreten zu lassen, ist abgelehnt worden. Vom Internationalen Olympischen Komitee. Die spanischen Goldmedaillen-Gewinner im Segeln trugen am Donnerstag auf dem Siegerpodest dennoch schwarze Armbänder.

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