Zeitung Heute : Fluren Auf Gottes

Sie lesen T. C. Boyle, schwärmen für Schalke 04 – und geloben Keuschheit. Wie angehende Priester miteinander lernen, feiern und wohnen.

Philipp Stute
Stube. Das Zimmer von Anwärter Marius. Fotos: M.-D. Müller
Stube. Das Zimmer von Anwärter Marius. Fotos: M.-D. Müller

Papst Benedikt XVI. klemmt fest. Und zwar als Fotomotiv hinter dem blauen Namensschild von Zimmer 437. Darunter hat der Bewohner sein Glaubensbekenntnis in Frakturschrift abgegeben: „Fundamentalist“. Das ist schon beinahe spektakulär meinungsstark für diesen Ort. An anderen Türrahmen hängen höchstens Marienbilder. Sonst verrät nichts auf dem weißen Flur im dritten Stock, dass hier keine gewöhnlichen Studenten leben, sondern die künftigen Priester des Erzbistums Paderborn.

So wie bei Marius, kurzes blondes Haar und Karohemd. Vor seiner Tür steht ein Paar bunte Fußballschuhe. Der 24-Jährige sitzt in seinem großen, hellen Zimmer mit Blick auf den weitläufigen Garten. Alle haben sie die gleiche Ausstattung: Bett, Schrankwand, Schreibtisch, ein Bad mit Dusche. Auf dem Schreibtisch von Marius liegt ein Stapel theologischer Fachbücher, auf dem Nachttisch ein Roman von T. C. Boyle. Eine braune Holzstatue der Mutter Gottes steht im Regal, daneben eine Packung Heidelbeer-Vanille-Tee, die Sorte heißt „Kleine Sünde“.

Ein Foto an der Wand zeigt Marius inmitten lachender Menschen: Mitglieder einer Gemeinde in Chicago. Dort hat er vor kurzem ein Praktikum gemacht. Er wollte immer herumkommen, sagt Marius, raus aus seiner Kleinstadt im Sauerland, Kameradschaft erleben. Nach dem Abitur bewarb er sich für die Offizierslaufbahn der Bundeswehr und wurde abgelehnt. Weil er immer in der Gemeinde aktiv war und Orgel spielte, riet ihm der Pfarrer, sich das Priesterseminar in Paderborn anzuschauen. Marius kam und blieb. „Es ist schön, dass wir jetzt alle zusammenwohnen“, sagt er. „Vorher waren ein paar Mann in diesem Haus verstreut und ein paar im anderen. Das war ein bisschen einsam.“

Das „andere“ Haus ist das Collegium Leoninum gleich neben dem Seminar. Durch das verwinkelte neugotische Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ziehen sich Kreuzgewölbe, Spitzbögen, es riecht nach schwerem, altem Holz. Auf einem Fresko rammt der Erzengel Michael dem Drachen seinen Speer ins Maul. An langen Korridoren reihen sich mehr als 100 Einzelzimmer. Früher wurden sie von den Anwärtern während des Studiums bewohnt. Jetzt sind sie überflüssig. Vor diesem Semester sind die letzten Studenten ausgezogen.

Während viele Universitäten hohe Erstsemesterzahlen melden und in Studentenstädten Wohnungsnot herrscht, ist das kirchliche Ausbildungsinstitut in Paderborn zu groß geworden. Es fehlen wie in allen deutschen Bistümern junge Männer, die für einen anstrengenden Vollzeit-Job auf Sex und eine eigene Familie verzichten wollen. Über 150 Priesteramtskandidaten lebten Anfang der 80er Jahre auf dem kirchlichen Campus im Zentrum der westfälischen Stadt. Jetzt passen die 32 Anwärter alle in das kleinere Gebäude mit den weißen Fluren.

Der Tag der Bewohner beginnt gegen sieben Uhr im schummrigen Licht der Kapelle im zweiten Stock. Mit verschlafenen Gesichtern huschen die jungen Männer durch die Tür, manche tragen Pantoffeln. Ein kurzer Knicks, ein flüchtiges Bekreuzigen in Richtung des Altars, dann fängt die kurze Morgenandacht an. Ein Drittel der Bänke ist besetzt. In sonorem Gemurmel ertönt der Psalm 63: „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser ...“

Im Speisesaal zwei Etagen tiefer steht schon das Frühstück bereit. Das Küchenpersonal hat Müsli, Brötchen, Aufschnitt und Joghurt auf einem beleuchteten Buffet angerichtet. Drei gemeinsame Mahlzeiten gliedern den Tag. Frühstück gegen 7.30 Uhr, Mittag 13.10 Uhr, Abendbrot 19 Uhr. Die jungen Männer müssen weder einkaufen noch kochen oder abwaschen. In ihrer Miete von 270 Euro ist Vollpension inklusive Putzfrau einberechnet. „Wir möchten, dass die Anwärter sich auf ihre Ausbildung konzentrieren können“, sagt Regens Uwe Wischkony, 50, ein schlanker Mann mit kurzem grauen Haar. Er leitet das Seminar und lebt in einer Wohnung im ersten Stock.

Die Ausbildung zum Priester dauert acht Jahre: Ein Einführungsjahr, in dem die Studienanfänger unter anderem Latein, Griechisch und Hebräisch lernen, dann fünf Jahre Theologiestudium und schließlich ein zweijähriger Pastoralkurs als Vorbereitung auf das Amt. Der Nachwuchsmangel sorgt für exklusive Studienbedingungen. Die Priesteranwärter studieren an der Theologischen Fakultät, die nur ein paar 100 Meter vom Seminar entfernt in der Innenstadt liegt. In der Vorlesung im Fach Kirchengeschichte lauschen am Vormittag acht Zuhörer dem Professor, der über die Formen des christlichen Glaubensbekenntnisses spricht. Im Fach Dogmatik sitzen zwölf Studierende im Hörsaal. Der Professor kennt jeden mit Namen.

Zum Lernen stehen den Seminarbewohnern mehrere Arbeitsräume und eine Bibliothek zur Verfügung. Es gibt einen Übungsraum mit einem komplett ausgestatteten Altar, an der Wand gegenüber hängt ein Spiegel. Hier können die Seminaristen die Handgriffe der Messzeremonie proben: Segen spenden, Wein einschenken, Brot wandeln. Eine Babypuppe liegt bereit, um die Taufe zu üben. In einigen Räumen finden Kurse statt. Zum Beispiel über Stimmbildung oder die „Einführung in das Geistliche Leben“. Dazu gehört das Zölibat.

„Ich finde es richtig, dass Priester zölibatär leben“, sagt Christian, 24, dunkles Haar, ernster Blick. Er hat sein Zimmer mit einer blau-weißen Fahne von Schalke 04 dekoriert, auf der Fensterbank grinst ein Halloween-Kürbis. Er habe etwas Sinnvolles machen wollen, sagt er, keinen Bürojob, deswegen sei er hier. Christian hört oft die verständnislose Frage nach sexueller Enthaltsamkeit der katholischen Priester. Er hält die Keuschheit für unverzichtbar. „Wenn ich das Leben als Priester erfüllen will, muss ich mich konzentrieren, darum geht es beim Zölibat.“ Selbstbefriedigung sei keine Alternative, sagt er, bloß Ablenkung. Wie er das aushält? „Ich suche Kraft im Gebet. Und Sport hilft mir auch.“ Auf dem kirchlichen Gelände rund um das Seminar gibt es ein Schwimmbad, einen gut ausgestatteten Fitnessraum und einen Fußballplatz.

Ihre Freizeit verbringen die Mitbewohner oft gemeinsam. Nach der Messe um 18.15 Uhr und dem Abendbrot bleibt Zeit, um ins Kino zu gehen oder zusammen ein Bier zu trinken. Es gibt einen Fernsehraum, in dem sonntags der „Tatort“ läuft. Einmal in der Woche gilt abends Anwesenheitspflicht. Dann wird „Silentium“ angeordnet: stilles Besinnen auf dem Zimmer.

Heute erwarten einige Bewohner Besuch. Die sechs neuen Priesteramtsanwärter sollen andere Erstsemester aus dem Paulus-Kolleg kennenlernen. Dort bildet die Kirche Gemeindereferenten aus. Mit solchen Treffen bemühe sich das Seminar, sich nach außen zu öffnen, sagt Regens Wischkony. Die kirchlichen Missbrauchsskandale haben auch die Priesterausbildung in Verruf gebracht. 2004 wurde im österreichischen St. Pölten ein ganzes Seminar geschlossen, als auf den dortigen Rechnern Kinderpornos gefunden wurden. 2010 berichtete ein ehemaliger Paderborner Seminarist auf „Spiegel Online“ über sexuelle Übergriffe in den frühen 90er Jahren. „Wir haben nichts zu verbergen“, sagt Wischkony.

Heute sind zum Kennenlernen 15 zukünftige Gemeindereferenten gekommen, darunter zwölf junge Frauen. Im Speisesaal des Seminars gibt es Frikadellen, Nudelsalat und zaghafte Gespräche. Erstsemester Thorsten, 20, klein und korpulent, präsentiert den Gästen das Haus und erzählt Anekdoten – zum Beispiel die von der Madonnenfigur aus dem Besitz des Regens, die einst spurlos verschwunden sei und nun mal hier, mal da auftauche. Die Besucher kichern.

Nachdem sich alle bei einem Kennenlernspiel ihren Schuhgrößen nach in einer Reihe aufgestellt haben, ist der Abend eigentlich beendet. Aber die Gäste überreden die zukünftigen Priester, mit zu ihnen ins Wohnheim zu kommen. In ihrem Partykeller wird der Semesterauftakt gefeiert. Im Keller ist es heiß und stickig, der Sommerhit „I Follow Rivers“ dröhnt aus den Boxen. Ein junges Mädchen mit Nasenpiercing und tiefem Ausschnitt singt mit, schließt die Augen und schmiegt sich mit dem Rücken an ihre Freundin.

Priesteramtsanwärter Viktor, 27, klein und drahtig, beobachtet die Tanzfläche und wippt leicht zur Musik. Er war früher Einzelhandelskaufmann bei Edeka, hatte eine längere Beziehung. Fällt es ihm nicht schwer, sich in Beziehungsangelegenheiten einzuschränken? Er nimmt einen Schluck Bier, denkt kurz nach und sagt: „Ein Priester, der gar keinen Kontakt zu Frauen hat, ist nicht normal. Aber du musst die Grenzen kennen.“ Gerade, als die Stimmung etwas aufgedrehter ist und sich die zukünftigen Priester mit einer Polonäse durch den Raum schlängeln, geht im Partykeller das Licht an. „Feierabend“, heißt es.

Die Erstsemester schlendern gemeinsam nach Hause und verteilen sich auf die Flure. Am nächsten Morgen um sieben stehen sie alle wieder zusammen in der Kapelle: die Neuzugänge, der Fundamentalist und die Marienanbeter.

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