Zeitung Heute : Fluss der Gewalt

Monster oder Menschen? Der Regisseur Andres Veiel war bei den Mördern von Potzlow – was er fand, ist kaum auszuhalten

Christine Meffert

Aus dem Verhörprotokoll von Marcel S.: „Ich forderte ihn dann erneut auf, in diese Kante zu beißen. Marinus tat dies auch. In diesem Moment brannten bei mir die Sicherungen durch. Mit beiden Füßen sprang ich dann kräftig auf den Kopf von Marinus. Ich trug zu diesem Zeitpunkt meine schwarzen Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln Größe 43. Diese stehen jetzt bei mir zu Hause auf der Bodentreppe. Danach war schlagartig Ruhe. Marinus’ gesamtes Gesicht war voller Blut, und er gab kein Lebenszeichen mehr von sich.“

Der Stall, in dem der Mord von Potzlow geschah, steht in einer weiten kargen Landschaft. Einer Landschaft, in der man sich selbst nicht ausweichen kann, sagt der Dokumentarfilmer Andres Veiel, der aus dem Schwäbischen kommt, wo jeder Feldweg asphaltiert ist. In der Uckermark sind nicht einmal alle Straßen asphaltiert. Es ist ein verlassenes Land. Wer kann, geht.

Im November 2002 fanden zwei Jungen in der Jauchegrube neben dem Stall der alten LPG von Potzlow den Leichnam des seit einem halben Jahr vermisst gemeldeten 16 Jahre alten Marinus Schöberl. Einer der Täter, Marcel S., damals 17 Jahre alt, hatte sich im Suff verraten. Insgesamt waren drei junge Männer an dem Mord beteiligt, sie hatten Marinus den Schädel zertrümmert. Nachdem sie ihn stundenlang misshandelt hatten, zwangen sie ihn, in die Kante eines steinernen Futtertrogs zu beißen, dann sprang Marcel S. mit beiden Füßen auf den Kopf des Jungen. Seine Leiche vergruben sie.

Es hat ein großes Entsetzen gegeben, auch, weil es so schien, als hätten einige im Dorf etwas gewusst und geschwiegen. Der Ort wurde unter Generalverdacht gestellt: Potzlow – das Fascho-Dorf, das Dorf der Monster.

Als die Fernsehkameras wieder abgezogen waren und die Polizei ihre Arbeit getan hatte, begann Andres Veiel mit seiner. Veiel ist 45 Jahre alt, hat Psychologie studiert und Film bei Krzysztof Kieslowski. Er hat bewegende Filme gemacht, „Black Box BRD“ über die RAF und ihre Opfer und „Die Spielwütigen“, eine Langzeitbeobachtung von Schauspielschülern, man könnte noch andere nennen.

Andres Veiel lebt in Berlin, müde sitzt er in einem Kreuzberger Restaurant. Er ist seit fünf Uhr auf den Beinen, durchs ganze Land gereist, er hat eine Auszeichnung erhalten in Süddeutschland an diesem Tag. Die Müdigkeit mache ihn langsam, entschuldigt er sich und schiebt sich die Brille zurecht. Aber Veiel ist immer noch sehr schnell. Konzentriert erklärt er, warum er den Impuls, sich abzuwenden, unterdrückt hat und immer wieder nach Potzlow gefahren ist, warum er sich sieben Monate lang mit dem Fascho-Dorf befasst hat.

„Was in Potzlow passiert ist, war für mich jenseits aller Erklärung“, sagt er. Manchmal ist Veiels Sprache distanzierend in ihrer Sachlichkeit – wie eine Gegenbewegung zu seinen Filmen, die ihren Figuren sehr nahe kommen. Andres Veiel kann auf Schwäbisch sehr reflektiert und sehr rational sein. Gerade in Momenten, die ihn angreifen, ist er besonders sachlich, und die Grausamkeit dieser Tat griff ihn noch in seinen Träumen an. Mit rechtsradikaler Gewalt habe es in seinem Leben bisher „keine Schnittmengen“ gegeben, sagt er mit heller Stimme. Er habe die Uckermark immer sehr gemocht, an den Wochenenden war er häufig dort. Auch deshalb ist er nach dem Mord an Marinus wieder hingefahren – um sich diese Landschaft zurückzuholen, um wieder dorthin zurückkehren zu können. „Es gab, wenn man so will, also auch ein egoistisches Motiv“, sagt er.

Eines war schon gleich zu Beginn seiner Arbeit sicher: Er wird uns die Monster nicht zeigen. Nicht ihre Augen, durch die wir in ihre Seelen blicken könnten, nicht ihre Gesichter, in denen wir das Böse suchen würden. Es wird keinen Film über die Mörder von Potzlow geben. Andres Veiel ist in der Uckermark auf etwas gestoßen, das er mit der Kamera nicht fassen konnte. Stattdessen hat Veiel, zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt, ein Stück geschrieben. Am Sonntag wird „Der Kick“ in Berlin uraufgeführt – eine Koproduktion des Maxim-Gorki-Theaters und des Theaters Basel.

Wie nähert man sich einer monströsen Tat, den Menschen, die sie begangen haben, die sie gedeckt haben, den Eltern der Täter, des Ermordeten, dem Dorf? Wie nähert man sich einer „Terra incognita“, wie Veiel die Uckermark nennt?

Der Regisseur hat Erfahrungen mit der Fremde, die ganz in der Nähe liegt, mit dem unbekannten Deutschland. Schon für seinen Film „Die Überlebenden“ hat er eine Expedition in die nächste Fremde unternommen. Drei seiner Klassenkameraden hatten sich das Leben genommen, er sprach mit ihren Freunden, ihren Frauen, ihren Eltern, versuchte, ihre Lebens- und Sterbensgeschichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu rekonstruieren. Es geht in diesem Film, wie auch in „Black Box BRD“, um Täter und Opfer und um Menschen, die beides sind. Veiel stellt ihre Aussagen nebeneinander, lässt ihre Perspektiven kollidieren, und diese Kollisionen sind immer Offenbarungen.

Nun lag die Fremde noch näher, nicht weit von Berlin, aber vielleicht war Veiels Reise in die Uckermark trotzdem die weiteste von allen.

Er fing beim Pfarrer an. „Und das“, sagt er, „war auch mein erstes Scheitern.“ Der Pfarrer: Wir brauchen Sie hier nicht. Das Dorf war geeint in seiner Ablehnung der Medien.

Veiel hat nach einem Riss in der so genannten Mauer des Schweigens gesucht. Er hat sich mit dem Anwalt der Täter, der Brüder Marco und Marcel S., in Verbindung gesetzt, er hat ihren Eltern einen Brief übermitteln lassen. Er hat ihnen geschrieben, dass er die beiden Söhne aus dem „Monsterkäfig“ herausholen wolle, dass er nicht bei dem Bild, das die Medien zeichneten, stehen bleiben werde. Sie haben ihn schließlich vorgelassen. Beim dritten Mal ließ er das Tonbandgerät laufen.

Er hat auch mit der Mutter des Opfers gesprochen, mit dem Bürgermeister, der Sozialarbeiterin im Jugendclub, Freunden der Täter und schließlich mit den Tätern selbst, mit Marco, heute 25 Jahre alt, und Marcel S., 20.

„Marcel wollte erst nicht über die Tat sprechen. Aber da war die ganze Zeit diese komische Beklemmung, weil die Tat ja der Grund war, warum er im Gefängnis war und Gesine Schmidt und ich ihn dort besuchten. Selbst wenn wir über seine Kindheit und seine Baumhäuser sprachen, standen wir letztendlich immer vor der Tür dieses Abends. Beim vierten Mal habe ich gesagt: Wir öffnen jetzt diese Tür. Ich hatte den Eindruck, dass er sich darauf einlässt, stockend zwar, aber nach zwei Stunden habe ich gemerkt, dass er erleichtert war. Und zwar nicht, weil wir darüber gesprochen haben – das vielleicht auch –, sondern weil wir sitzen geblieben sind. Es war klar, dass das an der Grenze zum Erträglichen ist. Aber wir sind geblieben bis zum Ende, wir sind nicht aufgestanden und haben gesagt, mit so jemandem wie dir kann man nicht reden.“

Da ist also auf der einen Seite der Stall, auf der anderen Seite die Verzweiflung von Marco und Marcel angesichts ihrer Haftstrafen von 15 und achteinhalb Jahren, die vielen noch als zu niedrig erscheinen, und Veiels Erschrecken darüber, dass ihn diese Verzweiflung berührt hat. „Diese Wechselbäder haben mir mehr zugesetzt als bei allen anderen Arbeiten. Beides stehen zu lassen ist das Wagnis, ich hatte ja auch immer den Impuls, die beiden wegzusperren.“ Das sei die Provokation dieses Stücks: Das Dämonische der Tat nicht zu verharmlosen, aber die Täter als Menschen wahrzunehmen.

„Die Abstraktion“, sagt Andres Veiel, „hilft in diesem Fall mehr als das Konkrete. Alles wird viel klarer.“ Das Stück haben Andres Veiel und Gesine Schmidt aus den Potzlower Gesprächsprotokollen montiert. Es ist ein auf die Texte konzentriertes Spiel, wenige Gesten, eine leichte Einfärbung im Dialekt der Gegend. Nur ein Mann – der Schauspieler Markus Lerch – und eine Frau – Susanne-Marie Wrage – treten auf. Sie leihen den Bewohnern von Potzlow abwechselnd ihre Stimmen, so löst sich der Chor des Dorfes, aus dem die Monster kommen, auf in viele einzelne Positionen.

In dieser Arbeit Veiels ist die Kollision der Perspektiven besonders schwer zu ertragen, wenn etwa die Worte der Mutter des Ermordeten während einer Probe auf der strengen Bühne erklingen: „Wie sie ihn behandelt haben, das verfolgt mich auch in der Nacht, wo ich dann höre, wo er nach mir ruft und schreit, dass ich ihm helfen soll und ich kann nicht. Und dann muss ich jedes Mal aufstehen, ich kann dann nicht mehr schlafen. Das bringt mich um.“ Birgit Schöberl ist am Tag der Urteilsverkündung an Krebs gestorben.

Ist das, was in Potzlow geschah, für Andres Veiel immer noch jenseits aller Erklärung?

Es bleibt, antwortet er, ein Rest von Unerklärbarkeit. Aber eines sei ihm klar geworden: Diese Tat ist nicht singulär. Sie rage nur heraus aus einem Fluss permanenter Gewalt. Es gebe in Potzlow eine ethische und soziale Verrohung in einem Ausmaß, das sich in Berlin keiner vorstellen könne.

Diese Gewalt habe viele Ursachen. So gebe es in der Uckermark zwar kaum Ausländer, aber viele Fremde. In dem Dorf, wo der Stall steht, war vor 60 Jahren jeder Zweite fremd – Flüchtling, Vertriebener aus dem Osten –, und einige sind es geblieben. Das Leid des Krieges sitzt noch in diesen Menschen. Vor den Augen der Potzlower sind polnische Zwangsarbeiter misshandelt worden, die Urgroßeltern von Marco und Marcel S. wurden auf ihrem Hof von Russen erhängt, der Großvater, damals noch ein Kind, musste zusehen.

Die Täter- und Opferfamilie sind in Potzlow Außenseiter geblieben. Marinus Schöberl ist mit seinen Eltern 1996 nach Potzlow gezogen, die Eltern von Marcel und Marco kamen 1994 her. Beide Söhne sind wenig später von Jugendlichen aus der Gegend brutal zusammengeschlagen worden, Marcel kam mit gebrochenem Kiefer nach Hause.

Warum die einen zu Mördern werden, andere es beim Prügeln belassen, dafür hat auch Andres Veiel keine Erklärung gefunden. Die Lebensläufe der Täter seien eine Kette von kleinen und großen Demütigungen, die sie nie kompensieren konnten – das spiele sicher eine große Rolle.

„Marinus und Marcel haben sich fast wie Zwillinge geglichen. Hier wurde auch das Alter Ego vernichtet“, sagt Veiel. „Die Opfer- und die Täterrolle liegen sehr dicht beieinander.“

Die Mutter der Täter: „Es hätte ebenso gut einer von unseren Jungs das Opfer sein können.“

Verhörprotokoll von Marcel S.: „Warum haben Sie auf Marinus Schöberl eingeschlagen? – Ich weiß es nicht. Getan hat er mir an diesem Abend nichts. Ich habe nur geschlagen, weil es alle gemacht haben.“

Marco S., Marcels Bruder, hat den Ermordeten immer wieder als Juden beschimpft, ihn gezwungen zuzugeben, dass er Jude sei.

„Aus Sicht der Staatsanwaltschaft kann ich feststellen: Die Täter Marco und Marcel S. sowie Sebastian F. hatten ein dumpfes rechtsextremistisches Gedankengut und den unbedingten Willen, das in Gewaltform auszuleben. Am Tatabend war weder ein Asylbewerber, ein Jude oder irgendjemand, worauf das Feindbild zutraf, vorhanden. Deshalb musste hier ein Kumpel als Notopfer herhalten, weil den Tätern kein Besserer begegnete. Nach unserer Auffassung hat das Opfer Schöberl nach den ganzen Misshandlungen sein eigenes Todesurteil gesprochen, indem er gesagt hat: Ich bin Jude.“

Andres Veiel hat dann doch noch mit dem Pfarrer gesprochen, dem Pfarrer, der selbst erst nach der Wende nach Potzlow gekommen ist. Sein Vorgänger hatte ihn mit den Worten eingewiesen: Pflüge den Weinberg, aber nicht zu tief. Der Pfarrer ist aus Potzlow weggezogen.

Die kursiven Textstellen sind aus dem Stück „Der Kick“ zitiert. Uraufführung am Sonntag, den 24. April, um 20 Uhr 30 in den Gewerbehöfen der ehemaligen Königstadt-Brauerei, Saarbrücker Straße 24, Berlin-Prenzlauer Berg.

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