Zeitung Heute : Fluss mit Wiederkehr

Tote Fische, giftiges Wasser – und ein paar Leute, die sagen: Das hier wird das größte Reinemachen in Amerikas Industriegeschichte

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Für 342 Schneegänse wurde der Rastplatz zur Endstation. Für die Pause auf dem Weg von ihren Sommerquartieren im rauen kanadischen Norden in das wintermilde Kalifornien hatten sie ausgerechnet den Kupfersee der stillgelegten Berkeley-Mine am Rande der Bergbaustadt Butte in Montana ausgesucht. Menschenleer ist der Krater inmitten schroffer Felswände, zwischen dem Wasser und dem steil anstehenden Gestein bleibt nicht einmal Platz für einen Uferstreifen. Die Wahl war tödlich. Die rotbraune Brühe aus Schwermetallen und Säuren verätzte binnen kurzem Atemwege und Speiseröhren der Tiere. Die Grubengesellschaft hat den Ort zu einem Museum erklärt und nimmt einen Dollar Eintritt für den schaurigen Blick hinab auf die tödliche Mixtur.

Mehr als ein Jahrhundert haben Menschen in Montana Raubbau an der Natur betrieben, ohne darin ein Problem zu sehen. Der Anblick des Erbes kann einem heute den Atem verschlagen. Wie offene Wunden, die nicht vernarben wollen, zeigen die Berge ihre kilometerlangen aufgerissenen Flanken, wenn man von der „Continental divide“, der 2100 Meter hohen Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik, die kurvige Interstate 90 in die Hochebene um Butte hinabfährt. Kaum zählen lassen sich die aufgegebenen rostigen Fördertürme. Generationen lebten hier von Bergbau und Holzeinschlag. Wenn ein Fleckchen Erde ausgebeutet war, überließ man es sich selbst und machte sich an die nächste Parzelle.

Städte wie Butte bestimmten lange den wirtschaftlichen Herzschlag des Staates. 90 000 Einwohner lebten hier einst, heute sind es noch 35 000. Die Häuser wirken bescheiden bis ärmlich, viele verfallen, einige Familien leben in fahrbaren Containern. Vor gut 200 Jahren waren die ersten Weißen durchgezogen, um 1864 begann der Bergbau. Der Abraum wurde in den Clark Fork River geworfen. Er nahm nach jeder Schneeschmelze das Geröll mit.

170 Kilometer flussabwärts steht Matt Clifford am Ufer, ein 39-jähriger Sunnyboy mit sonnenverbrannter Haut und blonden Locken. Einladend liegen Picknickplätze um einen Stausee in der Sonne. Hier mündet der Blackfoot River in den Clark Fork River, der von Butte herabkommt. Am Rand des Stausees könne man unbedenklich schwimmen, sagt Clifford. Aber man solle sich bitte nicht in Richtung Staumauer wagen. Direkt hinter dem 1907 errichteten Damm habe sich eine tödliche Fracht angesammelt – all das Gift, das der Clark Fork aus den Gruben um Butte mitgebracht hat. Es bedroht das Trinkwasser der 100 000 Einwohner der Universitätsstadt Missoula wenige Kilometer unterhalb des Staudamms.

1982 hatten die Menschen in der Umgebung plötzlich über den Geschmack des Wassers geklagt. Messungen ergaben bedrohliche Belastungen. 1985 entstand die Bürgerbewegung Clark Fork River Coalition, Clifford ist seit 2000 ihr juristischer Berater. Er freut sich auf „das große Aufräumen“. Wie es aussieht, werden die Naturschützer am Ende über die Bergbaugesellschaft triumphieren und sie zwingen, den Umweltschaden zu beheben. Die Machtverhältnisse haben sich umgedreht. Der Tourismus im geschützten Naturraum verspricht heute höhere Einnahmen als der traditionelle Raubbau.

Mehr als ein Jahrhundert hatte Butte von der Ausbeutung der Bodenschätze gelebt. Mit der Erfindung der Glühbirne und des Kupferdrahts als Stromleiter war der Hunger nach dem rotbraunen Erz gewachsen. Ihre Hochzeit erlebte die Stadt während des Zweiten Weltkriegs, das Metall wurde für die Munition gebraucht. Der Rentabilität halber ging man in den 50er-Jahren vom unterirdischen Stollenbau zum Tagebau über. Der Konzern Anaconda diktierte das Leben, ihm gehörten die Zeitungen. Und wenn die Politik dennoch nicht mitspielte, genügte die Andeutung, die Schließung einer Mine könne viele Arbeitsplätze kosten.

Der Anblick der 342 Gänsekadaver vom November 1995 war ein Schock für Butte. Heute gibt es ein akustisches Warnsystem, es soll Vögel von der Landung auf dem Kupfersee abhalten. Doch bisher wurde wenig getan, um die Gefahr für die Menschen abzuwenden. Als der Tagebau in der Berkeley-Grube nicht mehr lohnte, hat man es zunächst so gehalten wie früher – und das Problem der Natur überlassen. 1982 wurden die Pumpen abgestellt, seither ist das Wasser im Krater um mehrere hundert Meter gestiegen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Brühe eine wasserdurchlässige Erdschicht erreicht und in das Grundwasser eindringt. Dann geht es den Bürgern von Butte wie jenen unten in Missoula: Das Trinkwasser wäre bedroht. Die Galgenfrist reicht wenige Jahre. Die Bergbaugesellschaft zeigt das ganz treuherzig auf Schautafeln am Rande der Berkeley-Grube.

Auch der Staudamm 170 Kilometer flussabwärts war einst ein Segen. Turbinen lieferten den Strom für die Papiermühle, für das Sägewerk und die Siedlung, die um sie herum wuchs. Matt Clifford erzählt das alles mit ruhiger Stimme und einem Lächeln. Er will nicht verurteilen, die Industriegeschichte ist ein Teil der Identität hier. Und seit ein paar Jahren auch Teil seines Lebens. Eigentlich stammt er aus Phoenix, Arizona. Er hat Journalismus studiert, aber statt einen Job zu suchen, lieber noch Jura in Missoula draufgepackt. Und ist hiergeblieben, weil er sich in die Berglandschaft verliebte. Und es „viel spannender“ fand, „beim größten Reinemachen in Amerikas Industriegeschichte“ dabei zu sein, als im Anwaltberuf dick Geld zu verdienen. Clifford ist zuversichtlich, dass die Clark Fork River Coalition die Umweltkatastrophe abwenden kann. Wie es aussieht, werden die Naturschützer durchsetzen, dass die Bergbaugesellschaft Hunderttausende Kubikmeter Schlamm voller Schwermetalle und Chemikalien ausbaggern und auf eine Deponie bringen muss. Sie sehen sich als Pioniere eines überfälligen Strukturwandels: Umweltschutz ist nicht wirtschaftsfeindlich. Er schafft Arbeitsplätze.

Es wäre „das größte Superfund-Projekt“ der USA, sagt Clifford und muss wieder zu einem kleinen Exkurs in die Geschichte ausholen. Das Glück für die Naturschützer begann mit dem Pech eines Weltkonzerns. 1977 hatte die BP-Tochter Arco den Kupferbergbau in Butte vom Voreigentümer Anaconda übernommen. Der war dem Bankrott nahe, nachdem Chiles Präsident Salvador Allende Anacondas einträgliche Minen in Chile verstaatlicht hatte.

Der Kauf, sagt Clifford und zeigt wieder sein Lausbubenlachen, „war eines der verlustreichsten Investments der Wirtschaftsgeschichte“. Bald brach der Kupferpreis ein. Und in den USA wuchs das Umweltbewusstsein. 1980 verabschiedete der Kongress das „Superfund“-Gesetz. Es verpflichtet Konzerne, ihre Hinterlassenschaft aufzuräumen. Für die Fälle, wo die Verursacher nicht mehr vorhanden oder nicht liquide sind, wurde eine Steuer erhoben. Diese Passage hat der Kongress auf Druck der Industrie mittlerweile auslaufen lassen. „Wir haben das Glück, dass Arco/BP Geld hat. Müssten wir auf Steuergelder vertrauen, wäre es hoffnungslos“, sagt Clifford.

Arco lehnte die Forderung, den Schlamm abzutransportieren und den Staudamm zu entfernen, zunächst ab: unbezahlbar! „300 Millionen war ihre erste Kostenschätzung“, erinnert sich Clifford. Heute spricht man von 70 Millionen Dollar. Ein Hochwasser erhöhte den Druck. Die Fluten wirbelten Schlamm auf und ließen den Stausee überlaufen – in den Folgewochen starben die Fische flussabwärts. Das hat die Bürger wachgerüttelt. 10 000 gesammelte Unterschriften gaben den Ausschlag bei den Behörden. Arco muss den Giftschlamm abbaggern.

So richtig an den Sieg glauben will Clifford erst, wenn die Arbeit beginnt. Bis dahin bleibt es ein Kampf: vor allem um die öffentliche Meinung, aber auch um den Einfluss auf Verwaltung und Politik. „Viele Bürger glauben noch immer, ohne Bergbau und Holzeinschlag gebe es kein Auskommen.“ Für Clifford ist das Geschichte. „Unversehrte Natur ist jetzt unser wichtigstes Kapital.“ Doch Arco gibt nicht so rasch klein bei, beantragt immer neue Schürfrechte. Neun Projekte hat die Clark Fork Coalition gerichtlich stoppen können, eines davon sollte durch unterirdische Tunnel in ein Naturschutzgebiet vorangetrieben werden.

Es ist ein mühsames Ringen, das auf vielen Feldern ausgetragen wird und die Umweltschützer zu Besitzern einer Farm mit 116 Rindern gemacht hat. Das kam so: Als die Umweltbehörde verlangte, beim großen Aufräumen sollten die Uferstreifen der Farmen am Clark Fork River zwischen Butte und Missoula gleich mitgesäubert werden, appellierte Arco an das traditionelle Misstrauen im Westen gegenüber dem Staat. „Ihr wollt doch nicht, dass Fremde auf eure Weiden und Felder kommen und euch beim Wirtschaften behindern.“ Wahre Farmer vertrauen nur auf sich selbst. Die Bürgerbewegung kaufte die Ranch, um zu beweisen, dass Umweltschutz und ökonomischer Erfolg zusammengehen.

Doch da sind noch die einige hundert Einwohner von Opportunity: einem kleinen Ort oben bei Butte, wo bereits riesige Abraumhalden stehen und auch der Giftschlamm aus dem Fluss gelagert werden soll. „Wir finden es schön, dass Missoula gesäubert wird“, sagt Serge Myers, Vorsitzender des dortigen „Bürgerschutzvereins“. Aber „bei uns wollen wir den giftigen Schlamm auch nicht haben.“ Clifford kann ihn verstehen, meint aber: „Auf der Deponie lagern schon Millionen Kubikmeter. Wenige Prozent mehr machen keinen Unterschied.“

Wenn der Stausee gesäubert und die Mauer entfernt ist, wird der Clark Fork wieder zu einem der fischreichsten Flüsse, schwärmt Clifford, „in zehn oder 15 Jahren“. Und das Gefällestück in der Schlucht hinab nach Missoula zu einem attraktiven Wildwasser für den Kanusport. Das große Aufräumen ist für ihn auch ein Stück Wiedergutmachung in der eigenen Familie. Er sagt: „Mein Großvater arbeitete in der Holzindustrie und hat mitgeholfen, große Teile Amerikas abzuholzen.“

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