Zeitung Heute : Flutet bald der Industriewein nach Europa? Heftige Proteste gegen EU-USA-Abkommen

Bernd Matthies

Deutschlands Spitzenwinzer machen Front gegen das Weinhandelsabkommen zwischen der europäischen Union und den USA, das am 19. und 20. Dezember im EU-Ministerrat ratifiziert werden soll. Es sieht vor, dass beide Seiten ihre jeweiligen Normen anerkennen. Damit dürften amerikanische Weine ohne Deklaration der Herstellungsmethoden eingeführt werden dürfen. Verbände wie der VDP (Verband Deutscher Prädikatsweingüter), der deutsche Weinbauverband oder „Slow Food“ fürchten nun, dass damit Weine marktfähig werden, die mit Methoden produziert wurden, die in der EU verboten sind. Dazu gehört beispielsweise die Verdünnung mit Wasser oder die Zerlegung und anschließende Veränderung des Weins in industriellen Verfahren wie der „spinning cone column“.

Ferner wenden sich die deutschen Winzer gegen den unzureichenden Schutz europäischer Bezeichnungen wie Chablis, Champagner, Rhein oder Mosel in den USA. Zwar habe die amerikanische Regierung vage Absichtserklärungen in dieser Richtung formuliert, heißt es in einer Erklärung des Weinbauverbands, doch diese seien völlig unzureichend. Dritter Punkt der Kritik: Die deutschen Weinspezialitäten Eiswein, Beeren- und Trockenbeerenauslese sind in dem Abkommen nicht separat erwähnt. Ihr Alkoholgehalt liegt meist unter der in den USA geltenden Mindestgrenze von 7,5 Prozent; damit könnte die US-Regierung ihre Einfuhr verbieten. Es gilt als möglich, dass diese Regel als Hebel genutzt werden könnte, den gegenwärtigen Boom deutscher Riesling-Weine in Amerika zu stoppen. Die Appelle der Verbände richten sich an den EU-Ministerrat: Er solle das Abkommen nicht ratifizieren, sondern Nachbesserungen durchsetzen.

Die Organisation Slow Food Deutschland unterstützt diese Haltung mit einem „Reinheitsgebot für deutschen Wein“. In einer Erklärung heißt es, aus dem Naturprodukt Wein drohe ein reines Chemieprodukt zu werden, ohne dass die Verbraucher dies erkennen können. Wenn entsprechende Methoden beim Import erlaubt werden, sei zu erwarten, dass auch europäische und deutsche Weinproduzenten damit arbeiten werden. Der Weinexperte Otto Geisel, Vorstandsmitglied bei Slow Food, hat mit acht Winzern des Taubertals ein Reinheitsgebot entwickelt, das ab dem Jahrgang 2005 strikt eingehalten wird. Unzulässig sind demnach der Einsatz von Unkrautvertilgungsmitteln, Weinlese mit Maschinen, der Zusatz von Enzymen zum Most, die Konzentration mit Umkehr-Osmose oder Vakuumverdampfung, eine bis zum Gefrierpunkt reichende Kältebehandlung, chemischer Säureabbau, der die Ausgewogenheit des Weines verändern würde, und der Zusatz von Ascorbinsäure, Kaliumsorbat und Süßreserve.

Die meisten dieser Methoden haben allerdings nichts US-Spezifisches, sondern sind nach EU-Recht auch in Deutschland weit verbreitet. Deshalb ist kaum damit zu rechnen, dass sie sich generell durchsetzen lassen. Michael Prinz zu Salm-Salm, der Präsident des VDP, unterstützt den Vorschlag für ein Reinheitsgebot.

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