Zeitung Heute : Folgen fürs Leben

Die Europäische Union entscheidet über die Zukunft der Stammzellforschung. Welche Chancen und Risiken sind damit verbunden?

Adelheid Müller-Lissner

Adelheid Müller-Lissner

Mit dem ersten Veto seiner Amtszeit stoppte US-Präsident Bush am Mittwoch eine Ausweitung der Stammzellforschung in den USA. Auch die Bundesregierung will am Montag durchsetzen, dass die Forschung an embryonalen Stammzellen nicht mehr länger von der EU gefördert wird. Mit Stammzellen verbinden Forscher große Hoffnungen im Kampf gegen Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer oder Parkinson. Kritiker wie die christlichen Kirchen wenden aber ein, dafür müssten Embryonen und damit menschliches Leben vernichtet werden.

Welche wissenschaftlichen und medizinischen Erfolge gibt es bisher bei der Forschung mit Stammzellen?

Hier muss man grundsätzlich zwischen den so genannten adulten und den embryonalen Stammzellen unterscheiden. Adulte Stammzellen sind körpereigene Vorläuferzellen, die in verschiedenen Geweben vorkommen und noch vielseitig genug sind, um verschiedene Funktionen zu erfüllen. Zu ihnen zählen auch Zellen aus dem Nabelschnurblut Neugeborener. Die Forschung mit ihnen wird allgemein nicht in Frage gestellt, und es gibt schon erste therapeutische Erfolge, zum Beispiel bei Infarktpatienten, denen Vorläuferzellen aus dem Knochenmark ins Herz oder in die Herzkranzgefäße gegeben wurden.

Embryonale Stammzellen, meist aus „überzähligen“ Embryonen gewonnen, die in der modernen Fortpflanzungsmedizin bei der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas entstehen und nicht eingepflanzt werden, haben in den Augen der Wissenschaftler mehrere Vorzüge: Sie sind unspezialisierte Alles- oder zumindest Vielkönner. Sie können sich unter passenden Bedingungen im Labor praktisch unbegrenzt vermehren. Langfristig ist damit die Hoffnung auf Heilung vieler Krankheiten verbunden, bei denen Zellen verletzt werden, degenerieren oder absterben.

Welche Risiken und Vorbehalte werden mit der Forschung an embryonalen Stammzellen verbunden?

Am wichtigsten sind grundsätzliche ethische Bedenken: Die Zellen werden im frühen Entwicklungsstadium eines Embryos gewonnen, etwa am vierten bis sechsten Tag nach der Befruchtung der Eizelle. Gegner geben zu bedenken, dass damit Embryonen an ihrer prinzipiell möglichen weiteren Entwicklung gehindert, also Leben vernichtet und teilweise sogar mit der Zielsetzung seiner Vernichtung erzeugt werde. In Ländern wie Großbritannien, Belgien oder Schweden, in denen die Herstellung und Verwendung embryonaler Stammzellen erlaubt ist, argumentiert man dagegen damit, dass erst mit der Einnistung des Embryos in den Mutterleib die Entwicklung eines Organismus möglich werde.

Gegen den schnellen therapeutischen Einsatz der embryonalen Zellen gibt es auch medizinische Bedenken: Da sie besonders entwicklungsfähig sind, könnten sie sich leicht zu Krebszellen entwickeln. Um das ausschließen zu können, sind auf jeden Fall intensive Vorarbeiten nötig, bevor diese Art Stammzellen bei kranken Menschen eingesetzt werden kann.

Inwieweit ist Forschung an Stammzellen in Deutschland möglich?

Das derzeit gültige Stammzellgesetz, das am 28. Juni 2002 verabschiedet wurde, ist ein Kompromiss zwischen Gegnern und Befürwortern der Forschung mit den embryonalen Stammzellen. Forschung mit adulten Zellen ist ohnehin erlaubt. Es darf aber auch mit importierten embryonalen Zellen geforscht werden – jedoch nur mit einer Sondergenehmigung, die das Robert-Koch-Institut erteilt, und nur mit embryonalen Stammzellen, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden.

Forscher wie die Zellbiologin Anna Wobus, Mitverfasserin eines Forschungsberichts, der kürzlich von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgelegt wurde, kritisieren die Regelung jedoch. Die strenge Stichtagsregelung ist ihrer Ansicht nach ein Forschungshindernis. Nur 22 der weltweit vorhandenen 412 Zelllinien sind vor dem 1. Januar 2002 gewonnen worden und dürfen deshalb in Deutschland eingesetzt werden. Weil sie nicht nach standardisierten Verfahren gewonnen wurden, gilt ihre Qualität als schlechter.

Wie würde sich ein von der Bundesregierung gefordertes Verbot von EU-Zuschüssen auf die Stammzellforschung auswirken?

Das Europäische Parlament hat am 15. Juni gegen die Stimmen der Union und der Grünen für den Vorschlag der EU-Kommission gestimmt, die Stammzellforschung in das 7. Rahmenforschungsprogramm der EU aufzunehmen, das von 2007 bis 2013 laufen soll. Wenn Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) sich am Montag bei einer Sondersitzung zum Thema mit ihren EU-Kollegen in Brüssel trifft, dürfte es deshalb Konflikte geben. „Von der Forschungsförderung der Europä ischen Union sollten keinerlei finanzielle Anreize zur Tötung von Embryonen ausgehen“, schrieb Schavan im Vorfeld an gleichgesinnte EU-Minister.

Die meisten EU-Regierungen dringen jedoch darauf, die Forschung in Einzelfällen weiter zu fördern. Schavan plädiert stattdessen für eine Stichtagsregelung analog der deutschen Lösung. Damit soll jeder finanzielle Anreiz aus der EU für die künftige Herstellung von Embryonen genommen werden. Außerdem will Schavan ein Verbot der Förderung mit menschlichen Embryonen und der Gewinnung von Stammzellen aus ihnen erreichen.

Inzwischen hat auch der Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments Bedenken angemeldet. Über die Regulierung der Forschung dürfe nicht indirekt auf dem Weg der Mittelvergabe entschieden werden. Kritiker bemängeln auch, es könne nicht sein, dass mit deutschen Steuergeldern über den gemeinsamen europäischen Haushalt Forschung finanziert werde, die in Deutschland verboten sei. Sollte die EU das Geld für Forschung mit embryonalen Stammzellen bereitstellen, wü rden Länder davon profitieren, die hierfür liberalere Regelungen haben. Allerdings geht es nicht um Milliarden, sondern um 50 Millionen Euro für sieben Jahre: ein Promille der Gesamtsumme des Rahmenforschungsprogramms, also eine vergleichsweise kleine Summe, die es aber wegen ihrer hohen Symbolkraft in sich hat.

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